Report München


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Billiglöhne und Elektroschrott Die Schattenseiten des E-Scooter-Hypes

Sie sollten zu einer ökologischen Verkehrswende beitragen – so das Versprechen der Politik. Doch wenige Monate nach Einführung der E-Scooter auf Deutschlands Straßen ist die Bilanz nach Recherchen von report München ernüchternd: Die kurze Lebensdauer der Roller, nächtliche Lade-Odysseen und prekäre Beschäftigungsverhältnisse lassen Kritik laut werden.

Von: Maria Christoph, Anna Tillack

Stand: 27.08.2019

München. Balthasar Scheder und sein Kollege auf dem Weg in die Innenstadt. Scheder ist City-Manager der Scooter-Verleihfirma TIER. Das Ziel: Roller mit leerem Akku finden und ins Lager zum Aufladen bringen.

"Was häufig passiert dass Nutzer die Scooter mit in den Innenhof nehmen. Teilweise mit in die Wohnung, um Scooter zu reservieren…"

Balthasar Scheder

Die App führt sie zu drei leeren Scootern. Allein der Anbieter TIER hat im Stadtgebiet 1300 Roller im Einsatz. Das Einsammeln ist eine Mammutaufgabe. Eigentlich hat TIER dafür ein Subunternehmen beauftragt, doch die "echten" Einsammler dürfen wir nicht begleiten.

"Die Fahrer fahren Pakete für Amazon, für Asos, für alle möglichen Konsumgiganten aus. Das ist auch ein riesen Vorteil, dass sie nicht nur tagsüber Pakete ausfahren können, sondern gegebenenfalls auch nachts zusätzlich ihren Van dazu nutzen können, Scooter einzusammeln."

Balthasar Scheder

Weiß er, was die bezahlt kriegen?

"Das wissen wir nicht genau, aber es ist auf jeden Fall über Mindestlohn."

Balthasar Scheder

Fahrspaß auf Kosten billiger Arbeitskräfte

Abseits von der "offiziellen" Tour treffen wir die, die nachts schuften, um möglichst schnell möglichst viele Roller einzusammeln. Sie kommen mit Lieferwagen. Wir sprechen diesen Einsammler der Firma VOI an, wollen mehr über seinen Job erfahren. Der Mann spricht gebrochen Deutsch, er habe die ganze Nacht zu tun, bezahlt werde er monatlich, sagt er. Offen sprechen möchte er nicht.

Ein paar Stunden später werden die geladenen Roller wieder ausgeliefert. Dieser Arbeiter erzählt uns etwas mehr – er sei bei einem Subunternehmen angestellt, habe extra fürs Roller-Laden ein Gewerbe angemeldet. Wie viel Geld ihm die Nachtschicht genau einbringt, erzählt auch er nicht.

Bei verdi ist man alarmiert, beobachtet die Arbeitsbedingungen in der Branche mit Sorge.

Sorge bei Verdi

Hans Sterr, ver.di Bayern: "Das ist definitiv prekär. Die meisten Leute, die dort arbeiten, werden es schon schwer haben, den Mindestlohn zu erreichen. Wenn wir Berichten glauben können, die schildern, welche Stückzahlen verlangt werden, welcher Arbeitsumfang verlangt wird, dann wird mans auf Stunden umgerechnet wohl kaum zum Mindestlohn überhaupt schaffen."

report München: "Das heißt, dieser ganze Spaß geht auf Kosten derer, die unter schweren Bedingungen angestellt sind?"

Hans Sterr, ver.di Bayern: "Nicht nur schwierige Bedingungen, sondern die an manchen Stellen sogar nahe an der Ausbeutung sind."

Der Anbieter VOI schreibt, man behalte sich vor, „die Verträge mit Unternehmen zu kündigen, wenn unsere Werte nicht eingehalten werden“.

Fahrspaß auf Kosten eines Heeres von Arbeitern. Während die Stadt schläft, schuften sie für wenig Geld, damit morgens alles parat steht. Über den genauen Verdienst der Scooter-Einsammler weiß offenbar keine der angefragten Firmen Bescheid – oder will darüber Auskunft geben. Manche Firmen lassen ihre Roller von Privatpersonen einsammeln. In Wien treffen wir Stephan, der offen über seinen Nebenjob spricht.

Nebenjob Scooter-Sammeln

Stephan: "Mit ganz viel Glück, wenn jetzt beide freigeschaltet werden, hätte ich vier, dann wäre es guter Tag. Gehn wir zum nächsten."

Vier Euro gibts für ihn pro Scooter.

Stephan: "Neeeeein, er ist weg. Den hat jemand reserviert. Müssen wir in die andere Richtung."

Das Aufladen ist ein umkämpftes Geschäft. Nun bringt Stephan die Roller zum Laden zu sich nach Hause. Wenn er sie am nächsten Morgen geladen auf die Straße zurückstellt, bekommt er sein Geld – minus Strom.

Stephan: "Nummer 3, wunderbar."

Für Stephan ein Zuverdienst zum Job im Discounter – wenn auch ein magerer. Im Netz wird inzwischen rege über diese neue Verdienstmöglichkeit diskutiert: „Der Aufwand die Roller zu besorgen ist unverhältnismäßig für den Lohn, da kann man mit Flaschen sammeln mehr Geld machen.“ Ein anderer schreibt: „Kein CO2 eingespart, eher noch mehr produziert, abgehetzt und der Verdienst ist auch unter aller Sau.“

E-Scooter spielen bei der Verkehrswende kaum eine Rolle

Doch es sind nicht nur die billigen Arbeitskräfte. Experten befürchten längst, dass die Roller doch nicht so grün sind, wie von Verkehrsminister Andreas Scheuer, auch hier auf Instagram, beworben.

"Für eine echte Verkehrswende brauchen wir den Ausbau des Umweltverbundes, also des öffentlichen Verkehrs. Gute Fuß und Radwege. Und der E-Scooter spielt dabei nur eine sehr kleine Rolle, weil viel zu wenig PKW-Wege durch den E-Scooter wirklich auch ersetzt werden können."

Katrin Dziekan, Umweltbundesamt

Für Katrin Dziekan vom Umweltbundesamt eher ein Spielzeug als ein ernst zu nehmendes grünes Verkehrsmittel. Das belegt auch eine Studie aus Frankreich, wo man schon länger E-Scooter fährt.  Mehr als 4000 Nutzer wurden befragt – mit ernüchterndem Ergebnis: 30% wären ohne Roller mit Öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren, 44% wären sogar zu Fuß gegangen.

Dazu kommt: Der E-Scooter ist ein Elektrogerät, kann eigentlich vollständig recycelt werden. Doch laut Umweltbundesamt werden in Deutschland nur die Hälfte alter Elektroaltgeräte ordnungsgemäß wiederverwertet. Und viele E-Scooter landen ohnehin schon lange vor dem Recyceln zum Beispiel hier: Taucher fischen die Roller aus dem Hafenbecken von Marseille.

Zurück bei der Einsammeltour in München. Auch bei der Firma TIER verschwinden Roller.

"Wir haben einen Fall wo zwei Scooter mutwillig in die Isar geworfen wurden. Natürlich müssen wir sicherstellen, dass die Scooter aus dem Wasser kommen, da geht’s dann auch um das Thema Umweltschutz…"

Balthasar Scheder

Künftig will TIER volle Akkus mit Lastenrädern verteilen und vor Ort austauschen. Das würde den E-Scooter-Betrieb nachhaltiger machen. Und der Bundesverkehrsminister? Der ist nach seiner Scooter-PR-Offensive auffällig still geworden. Sein Haus ließ alle unsere Fragen unbeantwortet.

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