Report München


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Rückholung aus Syrien Der schwierige Umgang mit deutschen IS-Anhängern

2015 schlossen sie sich der Terrormiliz IS an, heute leben sie in einem Camp im Grenzgebiet zwischen Irak und Syrien: Zwei junge Frauen aus Nordrhein-Westfalen und Thüringen, die sich Eleonora und Lisa nennen. Sie wollen zurück nach Deutschland, sagen die beiden im Interview mit report München. Die Bundesregierung solle sich ihrer annehmen. Zwar hat die Bundesregierung vor kurzem erstmals Kinder von IS-Kämpfern nach Deutschland zurückgeholt. Doch der Umgang mit deutschen IS-Anhängern ist alles andere als einfach. Klare Konzepte fehlen bislang.

Von: Ahmet Senyurt

Stand: 27.08.2019

Nord-Syrien an der Grenze zum Irak. Niemandsland. Und heiß. 45 Grad im Schatten. Alle paar Kilometer ein Check-Point. Soldaten einer syrischen Miliz begleiten uns zum Flüchtlingscamp Al-Hol. Hier leben mehr als 70.000 Menschen. Flüchtlinge, aber auch viele ehemalige IS-Kämpfer mit Frauen und Kindern, bewacht von kurdischen Soldaten. Der IS mag militärisch besiegt sein, doch seine Ideologie lebt in den Köpfen.

"Das Flüchtlingslager ist eine tickende Bombe, eine extremistische Gesellschaft geworden. Das war am Anfang nicht so, früher lebten 9.000 Personen in Lager. Ganz normale Menschen, die uns ähneln. Aber jetzt ist es nicht mehr so. Das allerwichtigste für uns und was wir dringend benötigen, sogar noch vor Essen, Trinken und Medikamente, ist ein De-Radikalisierungsprogramm für diese Menschen."

Mahmoug Karo, Leiter Selbstverwaltung Camp Hol

Für Deradikalisierung fehlt es an Geld und Personal

Dafür fehlt es an Geld und Personal. Dieses Video zeigt, wie wichtig ein solches Programm wäre. Kinder hissen ungehindert die schwarze IS-Fahne mitten im Camp.

In diesem leben auch 11.000 ausländische Frauen und Kinder. Diese beiden kommen aus Deutschland. Stellen sich uns gegenüber als Elenora und Lisa vor. Angeblich kamen sie Ende 2015 nach Syrien um IS-Anhänger zu heiraten. Bereuen sie den Weg, den sie eingeschlagen haben?

"Ja, ich bereue es."

Lisa

"Ich wollte in ein arabisches Land, aber dass das so ausgeht - das habe ich nie erwartet."

Elenora

Keine klare Distanzierung von den Gräueltaten des IS

Elenora und Lisa gehören zu einer Gruppe von 300 Deutschen. Eine klare Distanzierung von den Gräueltaten des IS gibt es von ihnen nicht zu hören. Können Sie verstehen, dass man in Deutschland nur bedingt Mitleid mit Ihnen hat?

Lüge oder Selbsttäuschung?

Elenora: "Ja, nach den Bildern die die Deutschen gesehen haben bestimmt. Aber haben sie je ne Frau gesehen, in diesen Berichten, die auf irgendjemanden geschossen hat? Okay, seien die Männer jetzt mal bei Seite gestellt."

report München: "Wir wissen von Frauen die zur Waffe gegriffen haben, die bei der Geheimpolizei waren."

Elenora: "Wie viele sind das? Und sind das deutsche, also?"

Lisa: "Also ich habe Zuhause gesessen und habe meinen Haushalt geführt und auf meine Kinder aufgepasst und das war´s. Ich wusste von nichts."

Glatte Lüge oder Selbsttäuschung? Der IS zeigte seine Grausamkeit, sie gehörte zur Strategie der Angst. Und die lebt bis heute fort. Auch im Camp, wie dieses Video zeigt. es wurde im Lager produziert.

"Ihr habt uns eingesperrt, aber wir sind tickende Zeitbomben."

Frau in Burka

Über 7000 Kinder wachsen mit IS-Ideologie auf

7.000 Kinder unter sieben Jahren leben im Lager: Sie wachsen mit der IS-Ideologie auf. Wer sich abwendet, muss Strafe fürchten.

"Die brennen mein Zelt ab. Meine Kinder sterben, ich sterbe an Verbrennungen. Ich weiß nicht, wie die Leute sich das vorstellen, wenn sie uns hierlassen. Dass sie denken, dass ist die Lösung, weil manche radikalisieren sich dadurch noch mehr."

Elenora

"Eine Oma hat ihr Enkelkind getötet, da das kleine Mädchen kein Kopftuch tragen wollte. Diese Leute sind organisiert und es gibt keine planlosen Angriffe. Sie treffen sich und wenn eine Frau ihr Kopftuch ablegen will, wird sie bestraft. Zelt angezündet, geschlagen oder sogar umgebracht."

Mahmoug Karo, Leiter Selbstverwaltung Camp Hol

Doch wie umgehen mit den deutschen Staatsbürgern im Camp? report München hat beim Auswärtigen Amt nachgefragt: Das zieht sich folgendermaßen aus der Affäre: „In Syrien ist eine konsularische Betreuung für deutsche Staatsangehörige nach Schließung der Botschaft Damaskus weiterhin faktisch nicht möglich. Es besteht insbesondere auch kein Zugang zu dem genannten Camp.“

Zwar hat die Bundesregierung erstmals mehrere Kinder aus Nord-Syrien zurückgeholt, doch FDP Vize Stephan Thomae reicht das nicht.

"Auch für erwachsene Deutsche in Syrien gilt, dass es besser ist, wenn wir sie hier in Deutschland haben, genau wissen, um welche Leute handelt es sich, sind sie radikal, sind sie gefährlich? Denn wenn sie jetzt in Syrien bleiben, irgendwann von dort freikommen, unbemerkt nach Deutschland zurückkehren können, weiter radikalisiert, dann ist die Gefahr ja umso größer."

Stephan Thomae, FDP

Eleonora hofft auf eine baldige Heimreise mit staatlicher Hilfe und doch idealisiert sie bis heute ihr geregeltes Leben im IS-Terrorstaat.

"Also wenn die Situation so wie am Anfang geblieben wäre. Ich hatte meinen Haushalt. Ich bin aufgestanden, es gab Schulen, wo alles unterrichtet wurde, wenn das so geblieben wäre, wäre das der Idealfall gewesen."

Elenora 

Der Druck auf Deutschland steigt. Denn Länder wie Frankreich oder der Kosovo haben viele ihrer Staatsbürger zurückgeholt, und die Kurden wollen das Problem loswerden - wie auch immer.


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