Report München


5

Corona-Virus Unser Gesundheitssystem im Stresstest

Das Corona-Virus hält Deutschland in Atem. Was machen, wenn das Kind Fieber hat? Wer wird getestet? Wer muss in Quarantäne? Die Gesundheitsämter sind überlastet. Föderalismus und Kompetenzgerangel verhindern klare Ansagen. Und das Virus breitet sich derweil weiter aus.

Von: Ulrich Hagmann, Sabina Wolf

Stand: 10.03.2020

"Es ist jetzt 20 nach 12 und ich gehe wieder Fieber messen bei meinem Sohn."

Mutter aus Oberbayern

Szenen einer selbstverhängten Quarantäne. Die alleinerziehende Mutter aus Oberbayern ist selber Hochrisikopatientin. Alle drei Kinder sind zu Hause, denn zwei haben am Sonntag den 1. März plötzlich über 40 Grad Fieber bekommen.

"Ich bin autoimmun erkrankt und muss eigentlich alle zwei Wochen das Medikament spritzen. Das kann ich jetzt nicht, weil ich nicht weiß welchen Virus mein Sohn hat, testen mag ihn niemand, weil er nicht in Italien war."

Mutter aus Oberbayern

In ihrer Verzweiflung rief die Frau am Dienstag den 3. März bei report München an. In Deutschland gab es zu diesem Zeitpunkt 165 bestätigte Corona Fälle.

"Ich finde es auch ein Unding, dass man bei einer unklaren Influenza oder bei einer unklaren Viruserkrankung nicht standardmäßig da mal testet. Ich hatte eher das Gefühl die Arztpraxen, die sind da überhaupt nicht auf Corona vorbereitet."

Mutter aus Oberbayern

"Jeder Tag, den man verliert, ist sehr, sehr schlimm..."

Schon seit Wochen verlangt der Virologe Alexander Kekulé mehr Tests, Einreise-Kontrollen, das Verbot von Großveranstaltungen und die Schließung von Schulen.

"Wir haben es hier mit einer explosionsartigen Ausbreitung zu tun. Mathematisch ist das eine Exponentialfunktion. Es geht also richtig steil nach oben. Und deshalb ist es so: jeder Tag, den man verliert, ist sehr, sehr schlimm..."

Prof. Alexander Kekulé, Virologe, Universitätsklinikum Halle

Wie schlimm, das zeigt der Fall eines 43-jährigen Ingenieurs aus München. Heute morgen hat sich seine Anwältin bei uns gemeldet. Ihr Mandant liegt seit dem 1. März auf der Intensivstation.

"Vorgestern ging es mir sehr, sehr schlecht, sodass ich wirklich mein Testament geschrieben habe. Ich dachte ich sterbe."

Patient am Handy

Seine schwangere Frau war aus dem Iran am 26. Februar mit Krankheitssymptomen ungehindert eingereist. Der Mann ging weiter zur Arbeit. Als sich der Zustand der Frau verschlechterte, der Mann auch Symptome entwickelte, wollten sie sich testen lassen. 72 Stunden kam niemand, um ihnen zu helfen, erzählt ein befreundeter Zahnarzt.

"Er sagte zu mir, er war beinahe schon bewusstlos, bis die dann verstanden haben, was es ist, und ihn und seine schwangere Frau, die ja noch stärker betroffen ist wie er, dann eben zu Hause abholen und ins Schwabinger Krankenhaus bringen. Offensichtlich war niemand hier vorbereitet."

Dr. Sasan Harun-Mahdavi, Zahnarzt

Im Föderalismus sind die Länder für Gesundheit zuständig und für die Bürger vor Ort das jeweilige kommunale Gesundheitsamt. Auch die Mutter mit den fiebrigen Kindern hat sich an das zuständige Amt in Ihrem Landkreis gewandt – ohne Erfolg.

"Ja die haben gesagt vom Gesundheitsamt ein Test wird bei einem Arzt nicht durchgeführt, sofern jemand nicht in Italien war."

Mutter aus Oberbayern

Kinder scheinen mit dem Virus besser zu Recht zu kommen als Erwachsene, sagen Experten. Aber sie sind Virusverbreiter.

"Deshalb ist es ganz wichtig, jetzt natürlich alle zumindest schwer erkrankten Kinder auch mit zu testen, um eben mögliche Infektionsherde festzustellen."

Prof. Alexander Kekulé, Virologe, Universitätsklinikum Halle

Zwischen dem 3. und 6. März hat sich die Zahl der Fälle fast vervierfacht

Zwischen dem 3. und 6. März hat sich die Zahl der Fälle fast vervierfacht. 639 Fälle sind es vergangenen Freitag. Im Gesundheitsamt in Berlin Spandau darf unsere Kamera bei der Morgenbesprechung dabei sein. 9 Menschen, die mit Infizierten in Kontakt waren, sind zu diesem Zeitpunkt unter Quarantäne gestellt.

Besprechung Gesundheitsamt Spandau: „Sie hat irgendwelche Schmerzen und Kopfschmerzen und sie hat Angst, am besten haben wir machen die Abstriche und sie ist in der Quarantäne, sie darf hier nicht kommen.“

Wenn Personen in Quarantäne Symptome zeigen, dann fährt Frau Dr. Abdelgawad mit einer Mitarbeiterin zum Patienten nach Hause um den Abstrich zu nehmen.

"Wir machen jetzt den Abstrich bei einem Kind, das Kontakt gehabt hat mit einem positiven bestätigten Fall."

Dr. Inas Abdelgawad, Hygienereferentin Gesundheitsamt Spandau

2 Ärztinnen sind im Gesundheitsamt Berlin Spandau für Infektionsschutz zuständig, eine ist laufend unterwegs beim Testen, die andere ist Amtsleiterin Gudrun Widders. Ihre Stabstelle hat derzeit nur 8 Mitarbeiter. Das Telefon geht rund um die Uhr, auch nachts ist die Chefin in Bereitschaft. Um 4:20 Uhr kam der erste Anruf an diesem Tag.

"Ich habe immer gesagt, so 5 bis 10 tatsächliche Fälle würden wir in unserer Infrastruktur versorgen können. Also mit unseren eigenen Kliniken, mit den ambulant tätigen Ärzten, mit dem Gesundheitsamt."

Dipl. Med. Gudrun Widders, Leiterin Gesundheitsamt Spandau

Viel zu wenig Personal in den Gesundheitsämtern

Gudrun Widders hat Verstärkung angefordert beim Bezirksamt. Stand vergangenen Freitag: Noch haben sie keinen Corona-Fall in Spandau, aber das könnte sich am Wochenende schon ändern. Wie schlecht die Gesundheitsämter in Deutschland auf eine Pandemie vorbereitet sind, darauf weist der zuständige Fachverband hin:

"Wir haben leider viel zu wenig Personal in den Gesundheitsämtern. In den letzten 20 Jahren sind rund ein Drittel der Stellen abgebaut worden."

Dr. Ute Teichert, Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes

Hinzu kommt: Der Job am Gesundheitsamt ist nicht attraktiv für Ärzte, denn die Bezahlung ist im Vergleich zu Krankenhausärzten schlecht. Deswegen haben wir alle Bundesländer gefragt:

Wie viele Arztstellen in Ihren Gesundheitsämtern sind unbesetzt?

Niedersachsen meldet 40 freie Stellen
Berlin 60
Sachsen Anhalt 30
Bayern meldet 33
Baden-Württemberg 4
und Rheinland Pfalz sagt 12 % der Arztstellen seien unbesetzt.

Alle anderen Bundesländer können keine Angaben zur Personalsituation in ihren Gesundheitsämtern machen.

In Spandau hat Frau Dr. Abdelgawad das kranke Kind getestet.

"Das Kind sieht eigentlich gut aus. Wir warten noch auf das Ergebnis. Er muss dann weiter in der Quarantäne bleiben."

Dr. Inas Abdelgawad, Hygienereferentin Gesundheitsamt Spandau

Das Kind aus Spandau wurde negativ getestet. Aber mittlerweile gibt es - Stand heute Abend - 7 bestätigte Corona Fälle in Spandau. Bundesweit sind es um 16 Uhr heute 1281 Fälle.

In Oberbayern ist das Fieber der Kinder zurückgegangen, sie sind noch zuhause, müssen aber eigentlich ab Donnerstag wieder in die Schule.

Manuskript zum Druck

Manuskript als PDF:


5