Report München


1

Überlebenskampf im Urlaubsparadies Die Corona-Not deutscher Auswanderer

Die Corona-Pandemie hat kaum eine Branche so hart getroffen wie den internationalen Tourismus. Der ist seit einem Jahr fast vollständig zum Erliegen gekommen. Auch wenn Mallorca seit dem 14. März kein Risikogebiet mehr ist, machen sich die vielen Deutschen, die dort im Fremdenverkehr arbeiten, große Sorgen: Ist die Saison noch zu retten? Schleppen Touristen das Virus wieder ein? report München hat Deutsche an Kroatiens Küste und auf Mallorca besucht, die vor den Trümmern ihrer Existenz stehen.

Von: Benedikt Nabben, Nikolaus Neumeier

Stand: 16.03.2021

Mallorca. Eine Trauminsel im Mittelmeer. Noch sieht es hier so aus: Leere Strände, kaum Touristen. Das Corona-Virus hat Mallorca voll im Griff. Ein immenses Problem für Christophorus Heufken. Seit über 20 Jahren betreibt der Schauspieler aus Essen ein kleines Hotel im Nord-Osten der Insel. Und hat heute nur einen einzigen Gast.

"Das ist schlimm. Wir haben also immer voll gehabt. Also ich weiß noch, wenn wir mal einen Tag, manchmal vor Weihnachten oder so, mal das Hotel nicht voll hatten, dann habe ich mich immer hier in die Hall gestellt und laut geschrien, weil das durfte man ja nie, wenn Gäste da sind. Das könnte ich jetzt jeden Tag machen."

Christophorus Heufken

Das Hotel lief immer gut, vor allem Stammgäste aus Deutschland sind früher gekommen. Sein Restaurant ist normalerweise proppenvoll. Davon kann er jetzt nur träumen:

Die Corona-Not deutscher Auswanderer | Bild: BR

"Der Raum ist seit einem Jahr tot. Da war kein Gast drin. Und wir lagern hier alte… och was machst du denn da? Da ist eine Katze eingeschlossen. Komm raus, komm. Na wie lange bist du denn schon hier drin?"

Christophorus Heufken

"Ich kenne viele Leute, die haben nichts mehr zu Essen."

Bald geht ihm das Geld aus. Seine Ersparnisse sind weg. Wenn nicht schnell Gäste kommen, muss er sein Haus verkaufen.

"Das sind natürlich finanzielle Sorgen. Wie, wie geht es weiter? Ich kenne viele Leute, die haben nichts mehr zu Essen. Ich kenne viele. Und viele Leute, die das nicht sagen, die das verheimlichen. Die waren hier vor einem Jahr gut situierte Leute und die sind jetzt bankrott."

Christophorus Heufken

Bankrott – aber von einer deutschen Initiative auf Mallorca nicht vergessen. Wie jede Woche macht sich ein Konvoi auf den Weg an einen Ort, an den sich Urlauber nie verirren. Gemüsefelder in der Nähe von Manacor.

Heimke Mansfeld lebt seit über 20 Jahren auf Mallorca, betreibt einen Friseursalon. Heute aber weist sie die ehrenamtlichen Feldarbeiter an:

Die Corona-Not deutscher Auswanderer | Bild: BR

"Unser Ziel ist es im Prinzip diese Felder hier mit abzuernten, die Autos vollzubekommen, unsere Station voll zu bekommen. Also viel Gemüse zu ernten."

Heimke Mansfeld

Als vor einem Jahr die Tourismus-Saison auf Mallorca platzt, gründet Heimke Mansfeld den Verein Hope Mallorca. Die Mission: Lebensmittel organisieren und an die vielen Arbeitslosen aus dem Tourismussektor weiterreichen. 

"Vor nur zehn Monaten haben wir mit der ganzen Geschichte angefangen und verteilen jetzt 28 Tonnen monatlich Lebensmittel. Weil einfach hier auf der Insel gehungert wird."

Heimke Mansfeld

In normalen Zeiten wird das Gemüse von Touristen verzehrt. Doch jetzt vergammelt es auf den Feldern. Deswegen darf das Team von Heimke Mansfeld für die Bedürftigen ernten.

"Und das ist eben jetzt der Weißkohl, der geht nach Santanyí, zusammen mit Mangold und mit Brokkoli."

Heimke Mansfed

In zwei Tagen werden wir Heimke Mansfeld in dem Städtchen Santanyí wieder treffen und sehen, ob ihr Team genug Gemüse für alle Bedürftigen ernten konnte.

Hoffen auf die Hauptsaison

Ortswechsel zu einem anderen Traumziel: Kroatien. Deutsche Autos: Fehlanzeige. Wir sehen lediglich kroatische Kennzeichen.

Er ist auf deutsche Touristen angewiesen: Elmar Vogel hat sich mit seiner Surfschule in der Čikat-Bucht selbstständig gemacht. Seit 1981 lebt der Unterfranke in Kroatien. Alles ist bereit, nur die Touristen fehlen: 

"Das wird sehr, sehr wenig sein an Ostern, Ostern kann man fast abschreiben."

Elmar Vogel

Wenn es brummt, leben Elmar Vogel und seine sechs Angestellten gut von der Schule. Die schlechten Nachrichten von der Impffront blendet er aus.

"Ich bin eigentlich sehr optimistisch und rechne mit einer starken Hauptsaison. Bis dahin sind die meisten Menschen schon geimpft und alle, die geimpft sind, dürfen gerne kommen."

Elmar Vogel

Ob Elmar Vogel damit Recht behalten wird? Niemand kann im Augenblick diese Frage beantworten. So muss der Surflehrer weiter alleine aufs Wasser.

Auf der Nachbarinsel Krk treffen wir Anita Stefanič. 2010 kam sie aus Solingen und gründete ein Unternehmen: Sie vermittelt und vermietet Ferien-Immobilien.

"Das ist ein Ferienhaus deutscher Besitzer und wir haben hier die Verwaltung, kümmern uns um das Haus und machen das jetzt saisonfertig für die ersten Gäste."

Anita Stefanič 

Solche Steinhäuser sind begehrt. Unterkünfte dieser Kategorie kosten in der Hochsaison mehr als 350 Euro pro Tag. Man könnte sie eigentlich ganzjährig vermieten. Doch bei einer aktuellen 7-Tage-Inzidenz von über 100 ist daran überhaupt nicht zu denken.

"Wir hatten finanziell ein halbes Jahr Einnahmeausfall und das merkt man natürlich gerade jetzt im Winter, wo man mit den Reserven des Vorjahres halt über den Winter kommen muss und hoffen natürlich, dass jetzt recht zügig die Grenzsituation so geklärt ist, dass die Reisefreiheit wieder eingeführt wird, sonst wird’s hart mit dem Überleben."

Anita Stefanič

Jeder Dritte lebt an oder unter der Armutsgrenze

Zurück nach Mallorca. Noch schläft der Ballermann, aber schon bald könnte sich das ändern. Auf der Insel ist der Inzidenzwert aktuell sehr niedrig. Für deutsche Touristen ist Mallorca kein Risikogebiet mehr. Viele Flüge für Ostern: bereits ausgebucht.

Auch Christophorus Heufken rechnet für Ostern mit einem vollen Haus. Doch die Angst ist groß, dass mit den Touristen auch das Virus zurückkommt – trotz aller Hygiene-Regeln.

"Wenn jetzt nochmal ein dicker Einbruch kommt, geht hier sowieso alles den Bach runter und dann gehen wir auch mit. Es wird danach noch viel Arbeitslosigkeit geben, das wird Jahre, Jahre, Jahre dauern. Ich glaube, dass das hier nicht allen klar ist."

Christophorus Heufken

Ihnen ist klar, wie ernst die Lage ist. Heute reicht das Gemüse – auch wenn die Schlange vor der Essensausgabe lang ist.

"Jeder Dritte auf Mallorca mittlerweile lebt an oder unter der Armutsgrenze. Die Leute haben wirklich Hunger. Sozialhilfen vom Staat, die nicht ankommen. Kurzarbeitergelder, die nicht gezahlt werden. Arbeitslosengelder, die nicht gezahlt werden."

Heimke Mansfeld

Viele der ehrenamtlichen Helfer sind selbst betroffen von der Krise. So wie Curt Drame, der seinen Job als Hotel-Küchenchef vor einem Jahr verlor und noch immer nicht weiß, wie es weitergeht.

"Warum ich hier bin? Ganz einfach, weil ich genauso betroffen bin und einfach helfen wollte, das ist der Grund, damit ich was zu tun habe. Weil sonst hängst du halt zuhause rum und kommst dir auch unnütz vor."

Curt Drame

Für Mallorca ist der Massentourismus Segen und Fluch zugleich – vor allem jetzt in der Corona-Pandemie.

Manuskript zum Druck

Manuskript als PDF:


1