Report München


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Tirschenreuth Der Kampf einer Region gegen das Virus

Kaum eine Region war deutschlandweit stärker vom Corona-Virus betroffen als der bayerische Landkreis Tirschenreuth, hier wurde auch im März die erste Ausgangssperre verhängt. Nachdem die Zahlen gesunken sind und Corona im Griff ist, wurde nun lange zu den Ursachen geforscht. Eine Reportage, wie das Virus das Zusammenleben in einer Region verändert.

Von: Caroline Hofmann, Andreas Neukam, Nora Zacharias

Stand: 04.08.2020

Anfang April. Wir sind im Klinikum Weiden in der Oberpfalz. Mit minimaler Ausrüstung und unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Es ist der Höhepunkt der Corona-Krise. Als alle noch auf den ersten Hotspot Deutschlands, auf Heinsberg, blicken, explodieren die Fallzahlen im Landkreis Tirschenreuth. Pro 100.000 Einwohner stecken sich hier schnell doppelt so viele Menschen mit Corona an wie im nordrhein-westfälischen Heinsberg. Die meisten Menschen kommen aus Mitterteich in der Oberpfalz. Und deshalb wird die Stadt Mitte März komplett abgeriegelt.

Intensiv-Schwester Barbara

Im Klinikum Weiden begleiten wir Intensiv-Schwester Barbara. Sie kümmert sich um zwei Corona-Patienten aus der Region. Sie liegen seit 48 Stunden auf dem Bauch - das soll die Lunge entlasten. Zu dritt wird der Patient gedreht. Ein schwieriger Moment, denn die vielen Schläuche dürfen dabei nicht abgehen. Die Arbeit ist für das Personal eine körperliche Höchstleistung. Am schlimmsten aber ist für Barbara das einsame Sterben von Patienten. 

"Die Angehörigen haben quasi keine Chance, sich irgendwie vom Patienten zu verabschieden. Die kriegen einen Anruf von unserem Oberarzt und da wird mitgeteilt, der Patient ist verstorben. Das finde ich eine schwierige Sache. Das nimmt man natürlich auch mit nach Hause."

Barbara

Wie konnte es soweit kommen? Gerüchte gehen um: Anfang März gab es hier in der Turnhalle von Mitterteich noch ein Starkbierfest. Mehr als 1000 Menschen feiern ausgelassen. Es ist kurz vor der Kommunalwahl. Mit dabei: Bürgermeister Roland Grillmeier. In knapp einer Woche will er zum Landrat gewählt werden. Später wird ihm vorgeworfen, das Fest nicht abgesagt zu haben, um keine Wählerstimmen zu verlieren. Ein Mann, mit dem wir noch sprechen werden.

Zwei Wochen im Koma

Zurück im Klinikum. Barbara kümmert sich heute um einen besonders jungen Corona-Patienten. Florian, 29 Jahre alt. Obwohl er keine Vorerkrankungen hatte, hat er die volle Tortur hinter sich.

"Er ist wach aber er hat glaub ich ganz viel Angst. Er war jetzt zwei Wochen im Koma, ist jetzt aufgewacht, hat nicht gewusst, wo er ist und die ganzen angezogenen Marsmenschen im Endeffekt vor sich."

Barbara

Eine Woche später dürfen wir ihn kennenlernen. Seine Stimme ist noch geschwächt, aber ein kurzes Gespräch wollen wir probieren.

Gespräch mit Corona-Patient

report München: "Flo, sorry ich bin so unsicher. Darf ich? Oder Nicht? Ja? … Hast du eigentlich was mitbekommen von den zwei Wochen?"

Florian: "In den ersten zwei Wochen nichts, dritte Woche wach."
 
report München: "Auch als du im Koma lagst."

Florian: "Nichts."

Ein paar Wochen später können wir Florian zu Hause besuchen.

report München: "Schön dich wieder zu sehen. Ich hätte dich nicht erkannt."

Florian: "Nicht?"

report München: "Nein."

Florian wohnt 10 Minuten von Mitterteich entfernt. Zusammen mit seiner Freundin Romina. Wo er sich genau angesteckt hat, weiß er nicht. Doch sein Fall hat sich in der Gegend herumgesprochen.

"Es gab das Gerücht, dass ich mich beim Starkbierfest in Mitterteich angesteckt hab, wo ich aber nie war. Dann war noch das Gerücht, ich hab mich bei der Kommunalwahl angesteckt, hab aber vier Wochen vorher Briefwahl gemacht. Ja, das sind halt die Gerüchte."

Florian

"Mich hat das zumindest sauer gemacht, weil grad mit dem Starkbierfest, wird ihm indirekt ein Vorwurf gemacht. Ja, er war auf einer Großveranstaltung, kein Wunder, dass er sich angesteckt hat."

Romina

Mehrere Infektionsherde

Treffen mit Roland Grillmeier am vergangenen Wochenende. Monate des öffentlichen Drucks, der Fragen und Unsicherheiten liegen hinter ihm. Jetzt die offizielle Entlastung: Das Robert Koch Institut hat in einer Studie die Rolle des Starkbierfests für den Coronaausbruch untersucht und festgestellt: Es gab verschiedene Infektionsherde in Tirschenreuth, das Starkbierfest war nicht die alleinige Ursache.

"Es hat ja Schuldvorwürfe gegeben, Schuldigensuche, und das war auch ein Stück weit unfair, weil zu diesem Zeitpunkt waren hier überall noch Veranstaltungen, überall noch was los und hier einen einzigen oder wenigen die Schuld zu geben, das ist glaube ich der falsche Weg. Und das hat sich im Nachhinein herausgestellt, dass es ja anders war."

Roland Grillmeier, CSU, Landrat des Landkreises Tirschenreuth

Florian hat sich inzwischen weiter erholt. Er hat uns in seinen Schrebergarten eingeladen, seine Freunde erzählen uns, wie sie die Zeit erlebt haben.

"Das Schlimmste, wo wir das richtig realisiert haben, war wo der Flo des Bildle in die Gruppe geschickt hat, wie er am Beatmungsgerät hängt. Das war der Moment, wo jeder realisiert hat. Puh Scheiße."

Freund

"Das war der letzte Moment, wo ich noch wach war im Krankenhaus."

Florian

Wir hätten vor drei Monaten nicht gedacht, Florian heute so zu sehen. Seit vier Wochen gibt es in Mitterteich keinen einzigen Corona-Fall mehr. Die Menschen hoffen, dass das auch so bleibt.

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