Report München


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Der Frust der Corona-Helden Gestern hochgejubelt, heute abgeschrieben

Sie halten das Land am Laufen und wurden dafür im Frühjahr 2020 frenetisch beklatscht: Verkäuferinnen im Supermarkt und Kita-Erzieherinnen. Jetzt fühlen sie sich im Stich gelassen. Der Alltag ist zurückgekehrt. Während die Politik auf Lockerungen setzt, sind sie einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt. Viele fordern deshalb jetzt: Erst impfen, dann öffnen.

Von: Ulrich Hagmann

Stand: 16.03.2021

"...und die Kollegen, mit denen ich geredet habe, die fühlen sich so irgendwie ein bisschen wie Kanonenfutter, als würden sie verheizt werden sollen."

Katrin Zappe, Erzieherin

"So als Beispiel habe ich fast 2000 Kunden am Tag bei mir im Laden, das sind schon sehr sehr viele Kontakte."

Florian Eder, Lebensmittel Einzelhandel

"Also, ich habe wirklich Angst, mich anzustecken."

Farina Kerekes, Drogerie-Verkäuferin

"Wir werden immer beklatscht, aber irgendwie nicht gesehen."

Günter Tanzmaier, Erzieher

Erzieherinnen und Verkäufer, systemrelevante Berufe, für wenig Geld halten sie den Laden am Laufen und haben ein hohes Risiko an Covid19 zu erkranken. Der Beifall von den Balkonen und aus dem Bundestag ist längst verklungen. Der Alltag hat die Corona-Helden wieder und sie stellen fest: Nichts ist besser geworden. Im Gegenteil – der Ärger wird größer. Zum Beispiel in Berlin. Wo mittlerweile Krippen, Kindergärten und Tagesstätten wieder im Regelbetrieb geöffnet sind.

Katrin Zappe ist 56 und arbeitet als Erzieherin in einer Kindertagesstätte in Berlin.

"Wir sind hundert Prozent geöffnet, aber von der Impfung ist weit und breit nichts zu sehen. Und wie gesagt, die Träger werden hier in Berlin mit allen Problemen eigentlich alleingelassen. Und es war auch, wenn ich es kurz anmerken darf, mit der Heldenprämie. Herr Müller, unser Bürgermeister hat ja groß diese tausend Euro Heldenprämie versprochen und was letztendlich bei den Kollegen wirklich angekommen ist, war eigentlich lachhaft."

Katrin Zappe, Erzieherin

Keine Impftermine, keine Corona-Tests

Bei Frau Zappe waren es 60 Euro. Ein Senatssprecher teilt dazu mit. Die 1000 Euro seien der Maximalbetrag gewesen. Über Höhe und begünstigte Personen hätten die Dienststellen selbst entschieden. 

In München arbeitet Günter Tanzmeier als Horterzieher. Der 33-jährige hat weder ein Impfangebot bekommen noch stehen die versprochenen Corona-Tests an seiner Schule zur Verfügung.

Der Frust der Corona-Helden | Bild: BR

"Ein Kind, das weint, muss getröstet werden. Ein Kind, das sich freut, dich nach Wochen das erste Mal wieder zu sehen, fällt dir in die Arme. Du hast eine Gruppe von 25 Kindern in einem Raum, der halt nicht so, wie es die Homeoffice-Regelung vorschreiben würde zehn Quadratmeter hat pro Person, sondern wir haben halt im Endeffekt 40 Quadratmeter für 25 Kinder, das heißt, es ist viel geballter."

Günter Tanzmeier, Erzieher

Sie hätten sich mehr Fürsorge gewünscht, erst impfen dann öffnen. Doch keine der Befragten, die wir bei unserer Recherche getroffen haben, hat bisher einen Impftermin. Auch Monika Kaiser nicht. Sie ist 57 Jahre alt und leitet ein Kinderhaus im bayerischen Forchheim, für 124 Kinder im Alter bis zu 6 Jahren.

"Also ich bin ganz knapp vor der Risikogruppe. Alterstechnisch habe klar Angst, genauso wie die Kolleginnen, die im Kindergarten sind und auch in meiner Altersstruktur sind. Ich hatte das persönliche Problem, dass meine Eltern an die 80 sind, der Papa schwer krank war. Und man hatte immer Angst, vom Kindergarten was mit in die Familie zu tragen."

Monika Kaiser, 57, Erzieherin

Mehr als doppelt so viele Covid19-Fälle wie im Durchschnitt

Und diese Angst ist berechtigt, sagt das Wissenschaftliche Institut der AOK. Hier haben Sie die Krankmeldungen von 13 Millionen AOK Versicherten ausgewertet. Das Ergebnis: Erziehungsberufe waren mit 4490 Krankmeldungen pro 100 000 Versicherten mehr als doppelt so häufig von Covid19 betroffen als der Durchschnitt. Auf den Plätzen zwei und drei folgen Berufe in der Alten- und Krankenpflege.

"Also wir waren selber überrascht, dass die Erzieherinnen, Erzieher, so hohe Fallzahlen erreicht haben mit unseren Daten. Das wurde auch sehr kritisch diskutiert oder haben wir kontrovers diskutiert, insbesondere mit den politischen Stellen auch in Deutschland auf Landesebene, auch auf Bundesebene."

Helmut Schröder, Wissenschaftliches Institut der AOK

Kinder unter 10 Jahren galten lange Zeit als unbedeutend für die Ausbreitung von Covid19. Daran haben die Erzieher schon immer gezweifelt.

"Dass die Politik einfach gesagt hat, wir machen auf, die Kinder übertragen nicht, und ihr macht das schon. Ich weiß nicht, wer die größere Lobby hatte. Also sicherlich die Kinder und die Erzieher nicht."

Monika Kaiser, 57, Erzieherin

Wenig Geld und hohes Risiko

Auch im Handel rumort es, vor allem in Apotheken, Drogerien und im Lebensmittel- Einzelhandel. Farina Kerekes ist 30 Jahre alt und arbeitet in einer Drogeriekette in Essen. Sie hat eine Online-Petition gestartet: „Der Handelsaufstand beginnt jetzt.“. 

"Ja, ich war wütend. Vielen Verkäuferinnen und Verkäufern geht es schlecht, und deswegen habe ich die Petition gestartet, weil sich da etwas ändern muss."

Farina Kerekes, Drogerie-Verkäuferin

Wenig Geld und hohes Risiko, so empfinden es die Beschäftigten. Vom Beifall ist nichts mehr zu spüren, sagt Florian Eder. Der 40- jährige leitet einen Bio-Supermarkt in München.

"Viele Kunden bringen jetzt einfach die Schwierigkeiten, die Corona mit sich bringt, auch bei uns mit rein. Das ist vor allem das Thema Maske tragen oder nicht."

Florian Eder, Marktleiter

"Und dann ist es mir leider auch schon passiert, dass ein Kunde mir quasi angefangen hat zu erklären, dass es Corona nicht gibt, dass das alles nur eine Lüge ist, und hat mich zum Dank auch noch angehustet mit Absicht."

Farina Kerekes, Drogerie-Verkäuferin

Ganz hinten bei der Lohnentwicklung

In der Corona-Pandemie stehen sie ganz vorn. Doch bei der Lohnentwicklung werden sich die Corona-Helden ganz hinten einreihen müssen, sagt eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung.

Denn die Produktivität entwickele sich naturgemäß in den Bereichen Gesundheitswesen, Erziehung und Nahrungsmittel unterdurchschnittlich. Entsprechend gering sei der Spielraum für Lohnerhöhungen. 

"So stellen wir fest, dass genau diese Gruppen in Zukunft sogar reale Einkommensverluste zu erleiden haben. Ja, das heißt, selbst wenn wir eine moderate Inflationserwartung unterstellen, wird diese moderate Inflation die noch geringeren Lohnzuwächse mehr als auffressen."

Dr. Torben Stühmeier, Bertelsmann Stiftung

Das Bundesarbeitsministerium setzt auf eine Erhöhung des Mindestlohnes. Die hier Gezeigten verdienen über Mindestlohn, müssen also mit Einkommensverlusten rechnen.

Düstere Aussichten auch bei der Impfung. Erzieher sind zwar in der Reihenfolge auf Rang zwei vorgerückt.

"Was aber momentan nicht viel Wert hat, weil wir bis dato kein Impfangebot haben."

Günter Tanzmeier, Erzieher

Die Corona Helden müssen weiter warten. Für sie war der Impfstoff von Astra-Zeneca vorgesehen und diese Impfungen sind seit gestern ausgesetzt.

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