Report München


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Frustrierte Gastronomen, verunsicherte Touristen Aufregung über Corona-Regeln für deutsche Feriengebiete

Hier zu, dort auf: Was in Schleswig-Holstein geht, ist im angrenzenden Mecklenburg-Vorpommern untersagt. Oder aber wie in Bayern entscheiden die Grenzen eines Landkreises, wer nun wann, wo und wie Urlaub machen kann. Auch für die örtlichen Hoteliers eine Riesenbelastung: Eine Planungssicherheit für die Saison haben sie nicht.

Von: Ulrich Hagmann, Benedikt Nabben

Stand: 18.05.2021

Timmendorfer Strand an der Ostsee. Eine Stunde Schlange-Stehen – für das:

"Je länger man hier sitzt und man hier sich so schön unterhalten kann, desto mehr merkt man, wie lange musste man darauf verzichten."

Frau

"Ne ganz normale Pizza, aber mit einem Genuss essen können, wie wir es seit sechs Monaten nicht mehr gewohnt waren."

Mann

Jan Schumann kann sein Glück kaum fassen. Nach Monaten der Zwangsschließung ist sein Restaurant wieder proppenvoll. Allein im Innenraum sitzen gerade über 50 Gäste.

"Wir merken natürlich, dass die Gäste aus ganz Deutschland kommen. Das haben wir aus Baden-Württemberg, Bayern, da sind jetzt vielleicht nicht über das ganze Jahr verteilt an der hohen Anzahl Gäste hier, sondern die kommen eher aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein. Aber jetzt haben wir wirklich auch aus der ganzen Republik eigentlich eine große Anzahl an Gästen."

Jan Schumann, Inhaber Café Wichtig, Timmendorfer Strand

Der Badeort Timmendorfer Strand war erst Modellregion, jetzt gelten für ganz Schleswig-Holstein die gleichen Regeln. Mit umfangreichem Hygiene- und Testkonzept wagt es die Öffnung.

Betriebe am Chiemsee hoffen auf Pfingsten

Der Chiemsee: Im Urlaubsparadies ganz im Süden der Republik ist noch vieles geschlossen. Im angrenzenden Landkreis waren die Inzidenzen vor einer Woche unter 100 gefallen, da hofften die Betriebe noch auf ein gutes Pfingstgeschäft, dann stiegen die Inzidenzen wieder über 100 und jetzt zum Wochenende fielen sie wieder unter 100. Ratlosigkeit in der Tourismusbranche.

Öffnen oder geschlossen bleiben? Die Geschwister Bichler müssen ihre Ware mit Vorlauf bestellen. Am Sonntag wissen sie noch nicht, ob sie öffnen dürfen.

"Wir planen jetzt mit einer Eröffnung am 21.5. Wenn das Schlimmste, was uns aber passieren kann, ist, dass am 21.5. in der Früh die Inzidenz über 100 ist, haben wir die sieben Tage nicht geschafft und ich muss am gleichen Tag den Hotelgästen, die ja sich schon wahrscheinlich auf den Weg zu uns machen, absagen."

Justina Bichler, Wirtin Schalchenhof Gstad

Tatsächlich gilt seit gestern Abend im Landkreis Rosenheim: Übernachtungsbetriebe dürfen am Freitag öffnen. Sollte die Inzidenz aber wieder dauerhaft über 100 steigen, wäre der finanzielle Schaden für die Beiden groß. Die Unsicherheit macht die Öffnung kompliziert, eigentlich bräuchte es Wochen für den Vorlauf und vor allem Personal.

"Ich suche seit Anfang Mitte Januar wirklich aktiv Personal, ungefähr Anfang März habe ich toi, toi, toi mein Personal zusammen gehabt, aber durch diese ganzen Schwankungen, vor allem da wir so grenznah sind, da wir so nah an Tirol sind und an Salzburg, springt natürlich viel an Personal ab. Die sagen mit einem relativ leichten Arbeitsweg habe ich einfach eine Anstellung deutlich früher."

Justina Bichler, Wirtin Schalchenhof

Österreich buhlt um deutsche Touristen

Hinter dem See Österreich. Dort zieht es das Personal hin. Und die Gäste? Auch für sie steht das Alpenland offen. Eine starre Inzidenzregelung gibt es hier nicht. Im Salzburger SEENLAND freut sich Hotelier Helmut Blüthl. Ab dem 19. Mai darf er Gäste beherbergen und bewirten darf, außen und innen, das weiß er schon länger.

"Ja wir sind ausgebucht zu Pfingsten, also endlich nach sechseinhalb Monaten geht es mal wieder rund bei uns. Und die Regelungen, sie werden immer deutlicher. Bei uns ist eigentlich die drei Gs, geimpft, getestet oder genesen. Dass man kommen darf und das sollte eigentlich dann reichen."

Helmut Blüthl, Hotel Seewirt Mattsee

Keine Quarantäne mehr bei der Einreise und auch keine strikte mehr bei der Rückreise. Österreich buhlt um deutsche Touristen.

Von Planbarkeit können sie am Chiemsee nur träumen. Heinz Wallner darf seinen Boots-Verleih zwar öffnen, nur fehlen die Gäste, weil Hotels und Restaurants noch geschlossen sind.

"Der Chiemsee ist jetzt für Mitte Mai, bei dem schönen Wetter, praktisch fast leer und wenn man jetzt gerade ein paar Kilometer über die Grenze schaut, wir sind Grenzregion. Und der Gast, der in den Pfingstferien fortfahren möchte, der muss sich entscheiden."

Heinz Wallner, Bootsverleiher

Schon länger können Urlauber in Österreich buchen, oder zum Beispiel in Schleswig-Holstein. Touristen sind dort im gesamten Bundesland willkommen. Restaurants und Hotels geöffnet.

Ein Glück für Surflehrer Andreas Fischer, der den ersten Kurs der Saison unterrichtet.

"Es kommen jetzt einfach nicht nur Tagestouristen hierher, sondern es kommen Leute, die sich Apartments, Hotelzimmer, auch private Unterkünfte… Campingplätze, glaub ich, dürfen auch schon aufmachen. Und die kommen jetzt eben und können für mehrere Tage hier bleiben."

Andreas Fischer, Surflehrer Timmendorfer Strand

Der erste Urlaub seit einem Jahr für Familie Gätjen aus Hamburg. Eine Woche verbringen sie an der Küste. Ihr Ziel: der Surfschein. Surflehrer Andreas Fischer ist froh über die ersten Kunden:

"Ich bin glücklich dabei, auch wenns regnet."

Andreas Fischer, Surflehrer Timmendorfer Strand

Hier liegt die 7-Tage-Inzidenz derzeit bei unter 25. Damit das so bleibt, müssen sich alle Gäste regelmäßig testen lassen.

"Also ich finde es nicht nervig, weil die Tests gehen eigentlich immer gut. Und wir testen uns jeden Tag, eigentlich, weil wir oft essen gehen."

Eli Gätjen

"Das System hier ist wirklich hervorragend mit dem Testen und der Luca-App, mit den Restaurants, ist hervorragend."

Daniel Gätjen

Mecklenburg-Vorpommern bleibt weitgehend im touristischen Lockdown

Wie eine unsichtbare Mauer trennt die Politik Schleswig-Holstein vom angrenzenden Mecklenburg-Vorpommern. Das Land bleibt weitgehend im touristischen Lockdown.

Normalerweise wäre dieser Platz voller Camper. Jetzt sind die Betreiber die einzigen auf ihrer Wiese.

"Wir stornieren jetzt entsprechend der Vorgaben. Denn jeder Gast bekommt sein komplettes Geld zurück, wenn er nicht anreisen darf, solange wir nicht öffnen dürfen. Das heißt, statt Einnahmen haben wir jetzt Ausgaben."

Alexander und Una Ehrlich, Betreiber Ostseequelle.camp

Mit dem Geld, das sie zurückzahlen, fahren die Gäste jetzt zum Beispiel nach Schleswig-Holstein. Dabei liegt die 7-Tage-Inzidenz auch hier vor Ort deutlich unter 50.

"Ja, das ist schon unfair. Also ich verstehe das ehrlich gesagt nicht, dass wir hier anders behandelt werden als die anderen Bundesländer."

Alexander Ehrlich, Betreiber Ostseequelle.camp

Statt Camping-Gäste kommen inzwischen die Wildschweine. Katastrophal für die Betreiber, die zum Schutz sogar einen Stromzaun um den Campingplatz ziehen mussten.

"Die haben den halben Platz umgewühlt. Jeden Tag 100 Quadratmeter, wo die Wildschweine kamen und die ganzen Grase aufgewühlt haben und das ist schon ein Schaden für uns. Denn mit dem Rasen verdienen wir ja unser Geld."

Alexander Ehrlich, Betreiber Ostseequelle.camp

Tote Hose in Mecklenburg-Vorpommern, Unsicherheiten am Chiemsee, während in Europa ein Öffnungs-Wettlauf um zahlende Urlaubsgäste beginnt. Die Gefahr scheint vergessen – dabei reist das Virus selbst nur zu gerne.


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