Report München


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Kampf gegen die Zeit Die Sorge vor Mutanten und der dritten Corona-Welle

Knapper Impfstoff und eine wachsende Verbreitung von Corona-Mutanten - Hochrechnungen von Wissenschaftlern der Uni Saarbrücken zeigen: Bei einer Lockerung der Maßnahmen kann die Zahl der Corona-Infektionen schnell wieder steigen.

Von: Ulrich Hagmann, Fabian Mader, Markus Rosch, Ahmet Senyurt

Stand: 16.02.2021

"Ich heiße Brigitte Oelschlägel, bin 67, ich fahr Taxi, weil ich meine Rente noch aufbessern muss, ich bin Risikopatientin, ich habe COPD, das ist eine Lungenkrankheit."

Brigitte Oelschlägel

Ohne Zuverdienst reicht es nicht zum Leben. Die Rentnerin Brigitte Oelschlägel sitzt jeden Tag im Taxi in Hof. Die Region in Nordbayern hat eine der höchsten Inzidenzen in Deutschland. Die Corona-Mutation aus Großbritannien ist bereits stark verbreitet. Für eine Risikopatientin ist Taxifahren hier ein besonders gefährlicher Job. Denn Frau Oelschlägel darf sich nicht aussuchen, wenn sie mitnimmt.

"Ich kann ja nicht zur Kundschaft sagen, haben Sie Corona, die neue Variante? Das kommt schon ein wenig blöd rüber."

Brigitte Oelschlägel, Taxifahrerin

"Wir haben Beförderungspflicht. Wenn jemand bei uns einsteigt, können wir nur sagen bitte FFP2-Maske aufsetzen, hinten einsteigen, hinter der Spuckschutzwand, und dann hoffen, dass alles klar geht und später desinfizieren."

Matthias Burger, Taxiunternehmer Hof

Risikopatienten ohne Impftermin

Jeden Tag wird die Situation für Brigitte Oelschlägel bedrohlicher, einziger Ausweg: die Impfung.

"Ich bin zwar Risikopatienten, aber wenn ich noch nicht dran bin, bin ich noch nicht dran."

Brigitte Oelschlägel

"Das ist das große Problem. Wir haben natürlich ältere Mitarbeiter, die selber Angst haben, aber arbeiten müssen, weil sie sich nebenbei noch etwas verdienen wollen oder müssen. Leider kommen wir nicht dran, wir haben alles probiert. Ich habe auch schon probiert uns registrieren zu lassen. Leider keine Chance."

Matthias Burger, Taxiunternehmer Hof

Die Zahl der Mutationsverdachtsfälle in Hof steigt rasant. Wir werden Brigitte Oelschlägel weiter begleiten und sehen, wie sie versucht sich zu schützen. Aber Sie ist nicht die Einzige, die verzweifelt auf eine Impfung wartet.

In Warendorf in Nordrhein-Westfalen treffen wir einen Mann, der mit einer schweren Form des Muskelschwundes lebt. Für Christian Homburg wäre eine Corona-Infektion wahrscheinlich tödlich. Würde er in einer Pflegeeinrichtung leben, dann wäre er schon längst geimpft. Doch der IT-Unternehmer wird zuhause betreut und deswegen hat er nur Priorität drei, muss also noch lange warten.

"Als ich die Verordnungen gelesen habe, hat mich das schon wirklich sehr wütend gemacht, weil es ist ja nicht das erste Mal, das man als Fall, der in nicht einer Pflegeeinrichtung lebt, da komplett vergessen wurde."

Christian Homburg, IT-Unternehmer

Christian Homburg hat eine Petition gestartet, sammelt Unterschriften und mobilisiert in der Politik. Wird das ausreichen, damit Menschen wie er schneller eine Impfung bekommen?

Tausende Impfdosen werden weggeworfen

In Neu-Ulm am Impfzentrum treffen wir den Impfarzt Dr. Christian Kröner. Der Impfstoff ist knapp und Kröner erlebt jeden Tag, wie Menschen um Termine kämpfen.

"Wir haben ja teilweise an der Tür wirklich unschöne Szenen, wo Leute sagen, ich kriege keinen Termin. Ich habe schon drei Mal angerufen, und ich bin schon 80, und keiner kann mich impfen. Und hinten schmeißen wir abends die Dosen raus, die wir nicht verwenden dürfen. Aus zulassungsrechtlichen Gründen, weil wir dürfen genau sechs nehmen, den Rest müssen wir verwerfen."

Christian Kröner, Hausarzt Neu-Ulm

Wie bitte? In Deutschland wird Impfstoff weggeworfen, obwohl es viel zu wenig gibt? Ursprünglich hatte Biontech fünf Impfdosen pro Fläschchen zugelassen. Schnell fällt auf, eine sechste Dosis lässt sich problemlos entnehmen. Aber auch eine siebte?

"Das ist die Restmenge, die noch enthalten ist, und diese Restmenge darf aber nicht verwendet werden, weil eben die Zulassung nur für sechs Impfdosen erteilt worden ist. Die Frage ist nur, ist es moralisch tragbar in einer Pandemie wo wir sagen, wir haben jeden Tag mehrere hundert Tote, dass wir quasi intakten Impfstoff verwerfen müssen?"

Christian Kröner, Impfarzt Neu-Ulm

In Nürnberg-Heroldsberg am Institut für pharmazeutische und biomedizinische Forschung beschäftigt sich Prof. Fritz Sörgel schon lange mit genau dieser Frage. Klar: rein rechnerisch sind sieben Dosen in jedem Biontech-Fläschchen. Aber Spritzen aufziehen ist Präzisionsarbeit und kompliziert. Deswegen hat der Hersteller die Fläschchen überfüllt.

"Gehen wir mal davon aus, dass nicht jedes Impfzentrum das optimal hinkriegt und vielleicht schaffen sie nur 60% oder 70% für die siebte Dosis, aber dann ist es auch immer noch eine große Zahl fast im Hunderttausender Bereich, die nicht geimpft werden können, weil wir den Rest des Impffläschchens wegwerfen."

Prof Fritz Sörgel, Institut für biomedizinische und pharmazeutische Forschung

Um das zu demonstrieren hat der Professor eine Flüssigkeit nachgebaut, deren Viskoszität dem Impfstoff entspricht. Seine Assistentin füllt genau 2,25 Milliliter in ein Originalfläschchen und wird versuchen daraus genau sieben Spritzen aufzuziehen. Wird das gelingen?

Auch in Nordrhein-Westfalen in Moers geht es um die siebte Dosis. Der Apotheker Simon Krivec zieht die Spritzen für das örtliche Impfzentrum auf. Er und sein Team versuchen auch die siebte Dosis aus den Biontech-Fläschchen zu pressen. In 50 bis 80 Prozent der Fälle klappt das. In Nordrhein-Westfalen darf er das. Andere Bundesländer wie Bayern erlauben die 7. Dosis nicht, weil nur 6 zugelassen sind.

"Mich nervt das schon gewaltig, weil im Grunde genommen, ist es in der Theorie möglich, und wir zeigen das jeden Tag, dass es auch in der Praxis möglich ist, viele siebte Impfdosen zu entnehmen. Nicht immer. Aber es ist eben möglich und ich kann das mit meinem Berufsethos und mit meinem Glauben nicht verbinden, warum ich Impfstoff, der theoretisch aufzuziehen ist, vernichten soll oder nicht verwenden soll."

Simon Krivec, Apotheker

Dritte Welle bei Lockerungen im März?

Jeden Tropfen Impfstoff aus den Fläschchen saugen, möglichst schnell viele Menschen impfen, ist das Gebot der Stunde. Denn die Mutanten stehen an den Grenzen.

Montagmorgen 4 Uhr: in Rohrdorf kurz vor der Grenze zu Österreich schickt Spediteur Peter Göschl seine LKW in Richtung Italien. Sie haben Weißbier geladen.

"Also immer dieses Ungewisse, man weiß gar nicht wie man dran ist, jetzt fahren die nach Italien, ich weiß jetzt gar nicht, wenn die am Dienstag wieder zurückkommen, was uns da an der Grenze erwartet, wo dann auch zum Teil die Fahrer Tests mitführen müssen."

Peter Göschl, Spediteur

Eine Fahrt ins Ungewisse, nach Österreich fließt der Verkehr noch. Aber Deutschland hat seit gestern die Grenzen zu Tirol weitgehend dicht gemacht. Kilometerlange Staus sind die Folge. Peter Göschl ist nach Italien gut durchgekommen. Auf dem Rückweg aber steckt sein LKW im Stau am Brenner fest. Jetzt versucht er sich über die Schweiz durchzuschlagen.

Eine schwierige Situation. Wieviel Angst vor den Mutationen ist berechtigt - was ist Panikmache? In Saarbrücken hat Prof. Thorsten Lehr verschiedene Modelle für die Ausbreitung der Mutationen exklusiv für report München simuliert. Was passiert, wenn wie geplant Anfang März die ersten Lockerungen in Kraft treten?

"Wir sind in dem Fall hier davon ausgegangen, dass wir ungefähr 20 Prozent mehr Kontakte dann in dieser Zeit haben werden. Dann wären wir ungefähr bei dem Niveau von dem Lockdown light. Und was Sie dann sehen, ist, dass die Fallzahlen, die Inzidenzen hier wirklich durch die Decke schießen. Dann ist es eigentlich egal, ob wir über eine 35 oder 50 Prozent erhöhte Infektiosität sprechen. […] Man muss ja bedenken, dass diese Mutanten in Deutschland bereits angekommen sind. Das heißt, sie sind da. Wir können sie nicht mehr verhindern. Also eine Grenzschließung verhindert nicht mehr, dass sie überhaupt eindringen. Das wäre nur eine kluge Variante, und es würde wirklich nur was bringen, in meiner Ansicht nach, wenn auch die Maßnahmen wirklich scharf durchgezogen werden. Das heißt, wir müssen die Kontakte wirklich weiter minimieren."

Prof. Dr. Thorsten Lehr, Datenanalyst und Pharmazeut, Universität des Saarlandes

Radiodurchsage: „Hof, seit Sonntag dürfen aus Tschechien nur noch Personen mit deutschem Pass oder ständigem Wohnsitz in Deutschland einreisen.“

Berufspendler aus Tschechien gehören nicht zu den Fahrgästen von Brigitte Oelschlägel. Die Gefahr für sie: Fahrgäste in Hof. Die Mutationen sind längst da und im Taxi spürt man es, viele Menschen sind immer noch unterwegs. Der einzige Schutz im Taxi: FFP2-Masken. Was aber, wenn der Fahrgast Corona-Leugner ist?

"Ich sage zu jedem Ding ja und Amen. Auch wenn ich das nicht für richtig finde, weil ich will mich in dem Moment mit den Fahrgästen nicht anlegen."

Brigitte Oelschlägel, Taxifahrerin Hof

Schnelltests für Mitarbeiter

Wenigstens kann Sie regelmäßig Corona-Tests machen, ihr Chef bietet Schnelltests für die Mitarbeiter an, direkt in der Firma.

"Wenn was ist, dann können wir sofort einschreiten und sagen Stopp, geh nach Hause, du musst die Arbeit beenden, melde dich bitte beim Gesundheitsamt."

Matthias Burger, Taxiunternehmer

Ob Brigitte Oelschlägel heute noch weiterarbeiten kann, entscheidet der Corona-Test.

In Nürnberg will die Laborleiterin von Professor Sörgel versuchen, die siebte Dosis aus dem Testfläschchen holen. Sechs Spritzen hat sie problemlos geschafft.  Aber reicht der Rest für die siebte Dosis? Vorsichtig aufziehen und es klappt: Sieben Impfdosen aus einem Biontech-Fläschchen.

"Wir haben es praktisch jetzt hier aus einem Labor heraus auf die Schnelle gemacht, und es funktioniert offensichtlich."

Prof. Dr. Fritz Sörgel, Institut für biomedizinische und pharmazeutische Forschung

Die Bedeutung einer schnellen Impfung belegt auch eine Prognose von Datenanalyst Thorsten Lehr.

Ohne Impfungen rechnet er zum Ende des Sommers mit 140.000 Toten, bei gleichbleibender Impfgeschwindigkeit mit 108.000 wären, bei einer Verdreifachung des Tempos mit 85.000.

Christian Homburg ist auch drei Wochen nach unserem ersten Treffen noch nicht geimpft. Auf seine Petition hat er Antwort aus dem Gesundheitsministerium bekommen. Einzelfallprüfungen wurden erleichtert. Aber ein persönliches Treffen wurde abgelehnt, auch ein digitaler Austausch findet nicht statt.

"Ja, es ist halt einfach erst, dass man halt darauf hinweist, dass man vergessen wurde und Fehler können kann ja auch jeder machen. Das ist ja kein Problem. Aber dass das jetzt komplett ignoriert wird, und dass mit uns nicht gesprochen wird. Das finde ich viel dramatischer."

Christian Homburg

In Hof wartet Brigitte Oelschlägel auf das Ergebnis ihres Corona Tests.

"Super, bin ich zufrieden, kann ich weiterarbeiten."

Brigitte Oehlschlägel

Brigitte Oelschlägel fährt weiter, diesmal Blutproben ins Labor nach Jena.

"Angst darf man da keine haben, entweder ich brauche Geld oder ich bleibe zuhause."

Brigitte Oehlschlägel

Bange machen gilt nicht - meint Brigitte Oelschlägel und hofft auf mehr Impfstoff. Denn nur die Impfung bietet Schutz, auch vor den neuen Mutationen.


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