Report München


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Menschen und Corona Leben und Arbeiten im neuen "Normal"

Während die einen schon wieder ihren Sommerurlaub planen, ganz normal in die Arbeit fahren oder ihre Familienfeste zelebrieren, trifft die Corona-Krise andere Menschen nach wie vor sehr viel härter. Wir haben einen Tontechniker begleitet, dem bis Ende des Jahres alle Aufträge weggebrochen sind, eine Unternehmerfamilie, die um ihre Existenz bangt, und ein Ehepaar, deren Tochter in Marokko festhängt.

Von: Ulrich Hagmann

Stand: 23.06.2020

Nürnberg, Zeppelinwiese Ende vergangener Woche. Eigentlich wäre der Veranstaltungstechniker Tom Aurnhammer jetzt mit dem Abbau des Festivals Rock im Park beschäftigt.

"Ja ich bin hier seit über zwanzig Jahren an dieser Bühne hier, wo jetzt nichts mehr ist. […] Mit Rock im Park fängt hier eine Saison an, für ganz viele Menschen, die den ganzen Sommer letztlich auf den Festivals durcharbeiten, von Helfer Crews über Händler, die hier irgendwelche T-Shirt Stände haben, von der Gastronomie über die Techniker, über die Verleiher, Firmen, über die Bühnenbauer, über die Rigger."

Tom Aurnhammer, Veranstaltungstechniker

Solo-Selbstständige fallen durch die Raster der Rettungsschirme

Tom Aurnhammer

Die Festival-Saison ins Wasser gefallen, aber auch keine Klassik Open Airs, keine Volksfeste, keine Messen, keine Großveranstaltungen, einfach nichts. Seit drei Monaten keine Aufträge und da wird auch nichts kommen. Dieses Jahr nicht mehr. Das trifft Menschen wie Tom Aurnhammer hart. Zwar hat auch er 5000 Euro Soforthilfe bekommen aber die darf er nur für Betriebskosten einsetzen.

"Unter Betriebskosten fallen allerdings nicht die Kosten ..."

Tom Aurnhammer, Veranstaltungstechniker

Laut Bescheid muss er das Geld zurückzahlen, wenn er es nicht für Betriebskosten ausgibt. Solo-Selbstständige fallen durch die Raster der Rettungsschirme und werden auf Hartz IV verwiesen, wie sie sich wehren, dazu später mehr.

In Bayreuth machen sich Anne und Lothar Schmidt Sorgen um ihre Tochter, die seit Monaten in Marokko mit ihrem Wohnmobil festsitzt.

"Mulmig wurde es mir erst, als die Einheimischen die Europäer als die Virus-Träger betrachtet haben. Die wurden wie Aussätzige behandelt."

Lothar Schmidt

Für Leonie Schmidt und tausende deutsche und europäische Traveller beginnt im März der Horror. Leonie ist im Süden Marrokkos mit ihrem Wohnmobil unterwegs als die Corona-Krise ausbricht. In den folgenden Wochen folgt eine Odyssee. Immer werde sie von den Behörden vor Ort drangsaliert. Wie dieses heimlich aufgenommene Video zeigen soll.

Wochenlange Odyssee für tausende Urlauber

Menschen und Corona – Leben und Arbeiten im neuen „Normal“ | Bild: BR

Leonie Schmidt (Mitte)

"Die örtlichen Behörden helfen uns gar nicht, also schicken uns überall weg, geben uns keinen Platz wo wir uns aufhalten können. Und passieren dürfen wir wenig, innerhalb von Städten, dazu braucht es eine Sondergenehmigung."

Leonie Schmidt

Trotzdem gelingt es ihr, sich nach Tanger an die Küste durchzuschlagen. Doch jeder Versuch, das Land mit der Fähre zu verlassen, scheitert, sie schreibt ihren Eltern: „Am Ticketschalter ist Krieg. Besser wir gehen.“

"Man kann moralisch unterstützen. Das funktioniert ja Gottseidank ganz gut mit dem Telefon, dass man Kontakt hat. Und man sagt, was man als Eltern immer sagt: Wird wieder. Irgendwann klappt’s, auch wenn man selber nicht mehr dran glaubt."

Anne Schmidt

Ortswechsel. In Mühldorf am Inn hat die Corona Krise das Modehaus Hell kalt erwischt. Am 09. März haben sie diese neue Filiale am Stadtmarkt eröffnet und dann gleich wieder zugesperrt. 6 lange Wochen. Dabei hatten Petra und Michael Hell das Haus für viel Geld auf 3 Etagen komplett renoviert.

"Nach den ersten zwei Wochen, wenn dann zu ist, dann denkst du dir schon, mein lieber Schollie, was machen wir jetzt."

Michael Hell, Modehändler

Rückblick: Seit dem Lock-Down im März begleiten wir die Familie Hell. Zwei große Modehäuser betreiben die Eltern, beide geschlossen, keinerlei Umsatz und Zuhause drei Kinder, denen sie beim „Heim-Unterricht“ helfen sollen. Und während die Kinder zuhause alleine lernen sollen, türmt sich im Geschäft die Ware und ständig wird Neue geliefert, die bezahlt werden muss, ohne dass auch nur ein Stück verkauft wird. 6-stellige Umsatzeinbrüche, Riesenverluste und immer die Sorge, können sie das finanziell überhaupt verkraften?

In Bayreuth versuchen die Eltern alles. Lothar Schmidt spricht mit dem Auswärtigen Amt, dann mit der Botschaft in Rabat. Seiner Tochter hilft das nicht.

"Man kann das nicht nachvollziehen, dass man aus den letzten Winkeln der Welt die Touristen mit der LH zurückholt. Und hier stehen Touristen mit ihrem Wohnmobil und bräuchten nur 80 Kilometer mit der Fähre zum Festland hinüber."

Lothar Schmidt

Die Lage wird für die Touristen schlimmer. Am Hafen von Tanger überschlagen sich die Ereignisse. Leonie schreibt nach Deutschland:

„Die Zustände sind furchtbar. Die Polizei ist brutal wie gehabt. Wir wurden gestern wieder gestoppt und aufs übelste beschimpft.

Leonie macht sich vor allem Sorgen um die Älteren unter den in Marokko Gestrandeten.

"Hier sind wirklich viele alte Leute, die angewiesen sind auf ihre Medikamente, die nicht ausreisen können, keinen Zugang zu ihren Medikamenten haben, ich kenn allein zwei Todesfälle dadurch. Ja und das ist ziemlich unfassbar."

Leonie Schmidt

Dann endlich ein Lichtblick: Lothar Schmidt und seine Frau bekommen die Nachricht, dass Leonie ein überteuertes Schiffsticket ergattert hat. Die Fähre soll heute von Tanger nach Frankreich gehen. Die Eltern hoffen, dass diesmal alles klappt und Leonie endlich zurückkann.

Rabatte trotz Umsatzeinbruch

In Mühldorf haben die Hells ihr Modegeschäft wieder geöffnet. Aber das Geschäft läuft nur schleppend an und die Kunden erwarten Rabatte, weil das im Moment alle Einzelhändler tun.

"Es geben ganz viele einfach richtig große Rabatte, das können wir uns aber nicht leisten."

Petra Hell, Modehändlerin

Trotzdem: Auch die Hells reduzieren jetzt die Ware und hoffen, dass sie die Krise durchstehen.

Weit weg von der Normalität sind noch viele Menschen. Gestern Abend haben Tom Aurnhammer und seine Kollegen mit einer spektakulären Aktion deutschlandweit ein Zeichen gesetzt.

"Normalerweise sind wir in schwarzen Klamotten auf schwarzen Bühnen, heute drehen wir den Spieß um wir werden laut, wir werden sichtbar."

Tom Aurnhammer, Tontechniker

Der verzweifelte Aufschrei einer Branche die Angst hat, unterzugehen – Opfer der Corona Krise.

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