Report München


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Der Streit um Deutschlands geschlossene Grenzen Spaltet das Corona-Virus Europa?

Die Tourismusindustrie in vielen EU-Staaten ist abhängig von deutschen Gästen. Kein Wunder, dass sich gerade diese Staaten auf EU-Ebene für eine schnelle Öffnung der Landesgrenzen stark machen. Währenddessen hoffen deutsche Hoteliers, dass sie dank der geschlossenen Grenzen die herben Verluste der vergangenen Wochen zumindest zum Teil ausgleichen können.

Von: Benedikt Nabben, Sabina Wolf

Stand: 12.05.2020

Hier der Tegernsee in Oberbayern, dort die österreichische Ferienregion Achensee. Getrennt: Durch einen Schlagbaum. Geschlossene Grenzen mitten in Europa. Ein enormes Problem - besonders für den Tourismus.

"Nachdem das deutsche Außenministerium die Reisewarnung bis Mitte Juni verlängert hat, also bis Mitte Juni gibt es Stornierungen ohne Ende. Speziell wenn man eben auch weiß, dass hier am Achensee kein einziger Infizierter ist. Dann tut es umso mehr weh."

Martin Tschoner, Tourismusverband Achensee

Grenze zwischen den Ferienregionen Achensee und Tegernsee

Mehr als jeder zweite Deutsche ist 2018 ins Ausland gereist. Reiseziel Nummer eins war Österreich. Während der Aufenthalte im Nachbarland haben die Deutschen knapp 9 Milliarden Euro ausgegeben. Das Geld der deutschen Touristen fehlt jetzt. Inlandstourismus kann die Gäste aus Deutschland nicht ersetzen.

"Wenn diese wegfallen, dann ist natürlich eine Tourismusindustrie am Boden, beziehungsweise auf Dauer nicht überlebensfähig."

Martin Tschoner, Tourismusverband Achensee

Hochbetrieb bei Hotels und Gaststätten in Deutschland

Nur 20 Kilometer nördlich der Grenze, eine völlig andere Situation. Hier im oberbayerischen Tegernsee laufen die Vorbereitungen für die Sommersaison, nachdem das Ostergeschäft wegen Corona ausfiel. Hochbetrieb, einen Tag nach der Ankündigung von Ministerpräsident Söder, dass Hotels Ende Mai wieder öffnen dürfen.

"Wir erleben einen gigantischen Trend, was Buchungen angeht. Die Telefone stehen seit gestern nicht mehr still, Sie hören es gerade auch... wir steuern auf eine wirkliche Komplettauslastung für Juli, August zu, selbst der Juni sieht hervorragend aus."

Sven Scheerbarth, Hotel Das Tegernsee

Spaltet das Corona-Virus Europa? | Bild: BR

2018 sind 54 Millionen Deutsche verreist. Davon 12 Millionen ausschließlich innerhalb Deutschlands. Die große Mehrheit aber, 42 Millionen Deutsche, zog es ins Ausland.

Viele von denen, die normalerweise ihren Urlaub im Ausland verbringen, buchen nun Unterkünfte in Deutschland. Die geschlossene Grenze, ein Glücksfall für viele Hotels und Gaststätten in Deutschland. Diese Rückmeldung bekommt Klaus Stöttner von zahlreichen Betrieben. Er vertritt die Tourismusbranche von Oberbayern und sitzt für die CSU im Landtag. Langfristig müsse man natürlich europäisch denken:

"Aber ich bin glücklich, dass die Leute in Bayern bleiben, dass die Grenzen momentan noch dicht sein, dass die Leute bei uns Urlaub machen."

Klaus Stöttner, CSU, Tourismus Oberbayern München e.V.:

Am Tegernsee steht auch Geschäftsführer Sven Scheerbarth nun tatsächlich vor dem Problem, wie er die vielen Gäste unterbringen kann:

"Wer im Sommerurlaub, egal ob jetzt Richtung Küste oder Richtung Berge verreist ist, hatte ohnehin schon Schwierigkeiten. Egal ist, ob das ein Hotel oder eine Pension oder ein Zeltplatz war. Und insofern wird die Herausforderung noch einmal mehr sein, wie wir mit dieser großen Nachfrage umgehen."

Sven Scheerbarth, Hotel Das Tegernsee

Bisher keine gemeinsame Strategie aus Brüssel

Österreichs Kanzler Sebastian Kurz jedoch hofft, dass Touristen bald wieder nach Österreich reisen dürfen:

"Es ist so, dass wir natürlich ein Interesse daran haben, die Grenzen zu öffnen. Zu den Ländern, die sicher sind."

Sebastian Kurz

Und Söder? Er hält sich raus. Für die Grenzen sei der Bund zuständig. Aber eilig scheint er es mit der Grenzöffnung nicht zu haben:

"Wir haben in Bayern tolle Möglichkeiten in den Urlaub zu fahren, unser Tourismus- und Gastrogewerbe würde sich darüber sehr freuen […] Man muss nicht nach Österreich fahren, man kann auch in Bayern Urlaub machen."

Markus Söder

"Da muss ich schon Herrn Söder etwas widersprechen. Ein Österreich-Urlaub ist nicht gleich ein Bayern-Urlaub, auch wenn wir doch sehr viel Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten haben."

Martin Tschoner, Tourismusverband Achensee

Damit der Schlagbaum bald wieder verschwindet, wird derzeit in Brüssel um eine gemeinsame Strategie für Grenzöffnungen gerungen. Bisher ohne Erfolg. Doch Österreichs Tourismusministerin möchte nicht länger warten:

"Ich glaube in einem ersten Schritt wird es nur möglich sein, das zuerst bilateral zu machen. Für uns ist wichtig, dass es Länder sind, die ähnlich gute Verläufe bei den Infektionskurven haben. Die Gesundheit steht an oberster Stelle."

Elisabeth Köstinger, Tourismusministerin Österreich

Vor allem Länder in Südeuropa sind abhängig von Touristen aus dem Ausland. Reisen in Deutschland nur 22 Prozent der Übernachtungsgäste aus dem Ausland an, sind es in Österreich 67 Prozent. Griechenland ist sogar noch stärker von ausländischen Touristen abhängig. Hier kommen 73 Prozent der Übernachtungsgäste aus dem Ausland.

Griechenland hofft auf Entgegenkommen Deutschlands

Ohne internationale Gäste kann auch die griechische Tourismusbranche kaum überleben. Deswegen hofft Griechenlands Tourismusminister auf ein Entgegenkommen Deutschlands. Auch er setzt auf eine bilaterale Lösung:

"Wir haben bei der deutschen Regierung auf verschiedenen Kanälen angeklopft und wir hoffen, dass wir in den nächsten Tagen oder Wochen eine positive Antwort erhalten werden, um die Gespräche zu beginnen."

Charis Theocharis, Tourismusminister Griechenland

Grenze auf oder zu? Auch in der CSU gibt es dazu unterschiedliche Meinungen. In vielen Regionen Bayerns profitieren Hoteliers und Gastronomen. In der Bodensee-Region dagegen fehlen Durchreisende und Gäste aus den Nachbarländern. Auch deshalb hat der CSU-Landrat von Lindau einen Brandbrief an Bundesinnenminister Horst Seehofer geschrieben: Gemeinsam mit Kollegen der benachbarten Landkreise fordert er die umgehende Öffnung der Grenze:

"Wir sind eine Region, die stark vom Tourismus lebt. Wir haben sehr viele Hotels, Gaststätten, Freizeiteinrichtungen, die sind natürlich alle runtergefahren. Und das wird natürlich umso schwerer, je länger die Grenzschließungen andauern."

Elmar Stegmann, CSU, Landrat Landkreis Lindau

Noch ist offen, wie lange die Grenze geschlossen bleibt

Noch lässt die Bundesregierung offen, wie lange die Grenze geschlossen bleibt:

"Es muss in dieser Woche darüber entschieden werden, wie man weiter vorgeht. Aber ich kann an dieser Stelle, zu diesem Zeitpunkt, darüber noch keine Prognose abgeben."

Steve Alter, Sprecher Bundesinnenministerium

In Lindau geht die Grenze mitten durch ein Wohngebiet. Für viele unerträglich, aus den unterschiedlichsten Gründen:

"Bin ehemaliger DDR-Bürger, ich habe hinter so einem Vorhang gelebt. Bin mit diesen Grenzen aufgewachsen und für mich ist es besonders krass."

Anwohner

Der Zaun trennt die Menschen. Nicht nur in Lindau fragen sich viele: Wird er wirklich diese Woche fallen?

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