Report München


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Corona-Antikörpertests und -Impfstoffe Sicherheitslücken und Verteilungskämpfe

Auf der ganzen Welt suchen Wissenschaftler fieberhaft nach Medikamenten, zuverlässigen Tests und Impfstoffen, um die Corona-Pandemie einzudämmen. Gleichzeitig warnen Experten und Fachpolitiker, dass schon jetzt weltweit um die Verteilung rettender Wirkstoffe gestritten wird, noch bevor diese überhaupt entdeckt sind. Wie gut ist die EU gerüstet, um diese Machtprobe mit China und den USA zu bestehen?

Von: Philipp Grüll, Uli Hagmann

Stand: 12.05.2020

Die einen freuen sich gerade, das endlich das Leben wieder losgeht. Er zählt zu den anderen.

"Das ist so die Exit-Grenze, genau! Ich bin in meinem Garten und meiner Wohnung im Endeffekt eingesperrt."

Bernhard Unrecht

Wenn er seinen Riesengrill anwirft, dann meistens für sich.

"Das ist das einzige, was ich zur Zeit machen kann. Was sollte ich denn sonst machen?"

Bernhard Unrecht

Bernhard Unrecht aus der Nähe von Passau zählt zu jenen, die man Risikogruppe nennt. In seiner Brust schlägt seit sechs Jahren ein Spenderherz.

"Ich würde wahrscheinlich diese Virusinfektion nicht überleben. Weil einfach mein Immunsystem... Weil ich Lungenerkrankungen habe und eine Herztransplantation und aufgrund des geschwächten Immunsystems eigentlich keine Widerstandskräfte da sind, um in irgendeiner Form dagegen zu arbeiten."

Bernhard Unrecht

Zurück zur Normalität - aber wie?

Die Welt, gelähmt durch das Virus. Rund 290.000 Tote und 4,2 Millionen Infizierte zählt die amerikasiche Johns-Hopkins-University. Hunderte Millionen Menschen gehören zur Risikogruppe. Jetzt wollen alle zurück zur Normalität. Aber wie?

Eine Meldung, die Hoffnung macht, kommt aus Südtirol. Aus dem Grödner-Tal, das vom Virus besonders stark betroffen war.

"Wir hatten da in einem einzigen Monat 48 Todesfälle auf Talebene, normalerweise sind es nur 1/5 davon."

Tobias Moroder, Bürgermeister St. Ulrich, Südtirol

Keine gute Nachricht für Touristen. Wohl auch deswegen haben eine findige Hoteliersfamilie und Hausärzte im April damit begonnen, Antikörper-Schnelltests anzubieten. Dabei wird ein Blutstropfen untersucht. Das Ergebnis ist binnen Minuten verfügbar, wie bei einem Schwangerschaftstest.

Passanten

"Ich habe es gemacht, weil es kostete 30 Euro und eben es kam raus, dass ich Corona hatte und habe die Antikörper."

"Ich habe auf jeden Fall gehört, dass 50 Prozent ungefähr schon Antikörper haben."

Das Ergebnis der ersten 1000 Tests ist eine Sensation, die weltweit Schlagzeilen gemacht hat: Fast die Hälfte der Bevölkerung hat angeblich schon Antikörper gegen Corona. St. Ulrich könnte also eine sichere Urlaubsdestination sein – diesen Eindruck vermittelt jedenfalls die Hoteliers-Familie, die den Test angeboten hat.

"Die Wissenschaft streitet ja noch darüber aber die Wahrscheinlichkeit, dass zumindest eine Immunität für eine gewisse Zeit besteht, scheint doch relativ groß zu sein."

Franziska Sanoner, Hotel Adler, St. Ulrich Südtirol

Wie zuverlässig ist der eingesetzte Test?

Kann das sein, dass die Hälfte der Bevölkerung in diesem Tal schon immun ist? Die Antwort hängt davon ab, wie zuverlässig der eingesetzte Test ist.

Der stammt von der Firma Screen Italia. Im Beipackzettel gibt der Hersteller an, dass Kreuzreaktionen mit Viren wie Influenza A und B ausgeschlossen werden können. Nicht angegeben wird allerdings, ob der Test auf harmlosere Corona-Viren anschlagen könnte, die Erkältungskrankheiten auslösen und weit verbreitet sind.

Corona-Antikörpertests und -Impfstoffe | Bild: BR

"Ich befürchte, dass man für die Bestimmung einen Test genommen hat, der nicht valide genug war. Das heißt, dessen Spezifität einfach nicht ausreichend war, der vielleicht Antikörper gegen die normalen, saisonalen Corona-Viren nachgewiesen hat und man hat gedacht, oh, das sind ja Antikörper gegen das neue Corona-Virus, sind es aber nicht. Und vermutlich liegt da der Fehler."

Prof. Ulrike Protzer, TU München / Helmholtz-Zentrum

Erfolgsmeldungen in Zeiten von Corona – Menschen, bei denen es um Leben und Tod geht, können sich darauf nicht verlassen.

Wie Bernhard Unrecht, in dessen Brust ein Spenderherz schlägt. Seit langem ist das Lebewesen, das ihm am nächsten kommen darf: sein Hund.

"Meine Frau ist Arzthelferin , dadurch leben wir praktisch im Haushalt eigentlich seit Monaten mittlerweile getrennt. Wenn wir auf der Couch sitzen, dann mit 3 m Abstand voneinander. Damit in keinem Fall in irgendeiner Form ausgerechnet sie mich infizieren würde."

Bernhard Unrecht

"Es ist nicht sicher, dass es einen Impfstoff geben wird"

Daran würde sich auch nichts ändern, wenn ein Antikörpertest bei seiner Frau anschlagen sollte. Sein persönlicher Radikal-Lockdown endet erst, wenn es einen Impfstoff gibt.

"Ein Impfstoff ist die einzige wirkliche Hoffnung für mich. Auf ein für meine Verhältnisse normales Leben."

Bernhard Unrecht

Der Impfstoff – die Lösung für ihn, und für die Corona-gebeutelte Welt. Derzeit überschlagen sich die Erfolgsmeldungen. In einem Jahr, spätestens in eineinhalb soll es soweit sein. Doch wie sicher ist das?

In London forscht einer der renommiertesten Experten für Pandemien. Er hat für die WHO in führender Funktion gegen Aids und Sars gekämpft. Jetzt leitet David Heymann das wichtigste WHO-Beratergremium in der Krise.

"Es läuft viel Forschung zur Entwicklung von neuen Impfstoffen, aber es ist nicht sicher, dass es einen Impfstoff geben wird. Hoffentlich wird es einen geben. Aber die Forschung hat in der Vergangenheit einige Zeit gedauert, bis es einen Impfstoff gegen alltäglichere Krankheiten gab, wie Masern oder Grippe."

Prof. David Heymann, London School of Hygiene and Tropical Medicine

Wenn es einen Wirkstoff gibt, drohen schwierige Entscheidungen, denn die Produktionskapazitäten sind begrenzt.

"Es mag all diese Produktionskapazitäten geben, aber sie werden jetzt zur Herstellung anderer Impfstoffe genutzt, die entscheidend für des Überleben von Kindern sind, zum Beispiel gegen Masern oder Polio."

Prof. David Heymann, London School of Hygiene and Tropical Medicine

Es drohen heftige Verteilungskämpfe

Aktuell sind weltweit zehn Impfstoffe so weit entwickelt, dass sie in klinischen Studien erprobt werden. Bei vieren davon handelt es sich um rein chinesische Projekte, bei zweien um rein US-amerikanische. Außerdem gibt es eine französisch-amerikanische Kooperation und eine französisch-britische. Ein britisches Projekt und ein deutsch-chinesisch-amerikanisches.

Das heißt: China ist derzeit an fünf vielversprechenden Impfstoffprojekten beteiligt, die USA an vier. Unternehmen und Institute aus der EU sind nur bei drei Projekten dabei. Das könnte zum Problem werden, befürchtet der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese. Wenn US-Präsident Trump nach der Devise America first handeln sollte, falls ein amerikanisches Projekt erfolgreich ist. Liese fordert: Dann muss die EU hart durchgreifen.

"Der Plan B kann zum Beispiel darin bestehen, Zwangslizenzen zu erteilen. Sei es, die Mitgliedstaaten können Firmen in Europa erlauben, einen Impfstoff oder ein Medikament auch ohne Genehmigung des Herstellers zu produzieren gegen eine staatlich festgelegte Gebühr. Wenn das alles nicht hilft, bin ich auch der Meinung, den USA mit Strafzöllen zu drohen."

Peter Liese, CDU, Europaabgeordneter

"Dann wird im Endeffekt auf dem Rücken von Menschen Politik gemacht und deren Leben riskiert."

Bernhard Unrecht

Sehnsucht nach Sicherheit

Während die Politik um den Impfstoff pokert, nutzen andere die Sehnsucht nach Sicherheit. In Berlin hat letzte Woche die erste Antikörper-Schnelltest-Station eröffnet. Kassenpatienten zahlen 60 Euro, Privatpatienten 99. Wirklich zuverlässig ist auch dieser Test nicht.

"Also es ist so, dass die Teste natürlich..., also in der Medizin gibt es keine 100% Sicherheit. Ich werde immer irgendwas mit erfassen, das gibt es bei Tumor Marker testen, also wenn ich jemand auf einen Tumor teste und einen Tumormarke mache, da kann der nicht nachher nach Hause gehen, wenn der negativ ist, ich habe den Tumor nicht."

Dr. Sebastian Pfeiffer, Facharzt für Laboratoriumsmedizin

In Berlin, in Südtirol und andernorts zahlen Menschen Geld für Antikörper-Schnelltests, die ihre wichtigste Frage nicht sicher beantworten. War ich wirklich mit dem neuen gefährliche Corona -Virus infiziert?

"Ich habe natürlich nicht alle Tests dieser Welt durchprobiert. Die, die wir bisher gesehen haben, die schaffen das nicht, mir ist auch keiner bekannt, der das schaffen kann, aber vielleicht gibt es ihn irgendwo auf der Welt. Ich halte es für relativ unwahrscheinlich, dass bei diesen kleinen Tests in den Kartuschen, das möglich ist."

Prof. Ulrike Protzer, TU München / Helmholtz-Zentrum

Antikörper-Schnelltests die keine zuverlässige Diagnose liefern, Risikopatienten die weiter auf einen Impfstoff hoffen. Das Corona Virus verweigert sich einfachen Lösungen.

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