Report München


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Corona-Angst am Bosporus Die Sorgen der Deutschtürken

Die Corona-Krise trifft die Deutschtürken doppelt: wirtschaftlich und privat. Mit großer Sorge beobachten sie die Maßnahmen und Informationspolitik der türkischen Regierung. Hoteliers stehen vor dem finanziellen Ruin. Alle Reservierungen wurden storniert. Unternehmer in Deutschland hingegen bangen um ihre Angehörigen in der Türkei und machen sich Sorgen um ihre wirtschaftliche Existenz in Deutschland.

Von: Ahmet Senyurt

Stand: 21.04.2020

Alanya. Für Millionen Deutsche ist die türkische Hafenstadt ein Urlaubsparadies. Sie ist keine Touristin, sondern Besitzerin eines kleinen Familienhotels. Jetzt kämpft Funda Anik wegen Corona um ihre wirtschaftliche Existenz:

"Wir haben alle gedacht, dass wir das Hotel ganz normal eröffnen werden. Es ist ein Familienbetrieb. Und im Moment sehen wir auch nicht, wann wir eröffnen können."

Funda Anik, Hotelbesitzerin

Vor vier Jahren haben wir schon einmal über sie berichtet. Damals erschütterte eine Terrorwelle die Türkei. Damals retteten sie ihre deutschen Stammgäste:

"Wenn meine Stammgäste nicht da wären könnte ich zumachen."

Funda Anik, Hotelbesitzerin

Das Ende der Urlaubssaison in der Türkei?

Wegen Corona dürfen auch die Stammgäste nicht kommen: In Alanya gibt es eine Ausgangssperre.

"Hier unsere Reservierung, die war diese Jahr wieder fantastisch nach all der Tragödie die die wir die letzten drei Jahre hatten. Und jetzt ist alles gecancelt. Cést la vie Corona."

Funda Anik, Hotelbesitzerin

Ist das bereits das Ende der Urlaubssaison in der Türkei?

"Also ich hoffe nicht, das, dass das Ende des Jahres ist für uns. Dass die Saison zu Ende ist. Wir hoffen, dass wir die Krise in einigen Monaten bewältigen können."

Funda Anik, Hotelbesitzerin

Die türkische Regierung versucht die Krise zu bewältigen, kündigt am 10. April unerwartet die Einführung einer Wochenendquarantäne in 31 türkischen Großstädten an.

3400 km weiter westlich in Duisburg-Rheinhausen lebt und arbeitet der Deutschtürke Abdullah Altun. Mit großer Sorge verfolgt er die Nachrichten aus seiner alten Heimat:

"Wenn wir den türkischen Rundfunk uns anschauen, soziale Medien vergleichen und Informationen von unseren Verwandten aus der Türkei bekommen, dann muss man Zweifel tragen, das die Informationen aus den staatlichen Seiten nicht glaubhaft sind."

Abdullah Altun, Unternehmer

Nur wenige Deutschtürken kritisieren die Politik der Regierung offen

Nur wenige Deutschtürken kritisieren die Politik der türkischen Regierung so offen. In den vergangenen Wochen haben wir den Betrieb mehrmals besucht. Die 80 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Die Zahlungsmoral der Kunden wird schlechter. Dann der nächste Schicksalsschlag. Ein naher Verwandter, ein Apotheker stirbt mit 37 Jahren an Corona:

"Ismail Durmus, ist mein Neffe. Der ist vor kurzem, letzte Woche Freitag, an Corona in Istanbul verstorben."

Abdullah Altun, Unternehmer

Die Beerdigung findet ohne ihn statt. Die Trauer bewältigt er auf seine Art. Die Straße vor der Apotheke seines verstorbenen Verwandten: Menschenleer. In Istanbul herrscht Ausgangssperre.

Zurück in Alanya – dem menschenleeren Urlaubsparadies und Funda Anik. Die vielen, freundlichen Mails ihrer deutschen Gäste spenden ein wenig Trost:

"Ich bin traurig, dass wir im Mai nicht kommen können. Aber ganz bald sehen wir uns wieder. Oder: Funda, Kopf hoch."

Funda Anik, Hotelbesitzerin

Funda Anik hofft und betet, dass die Krise bald endlich vorbei ist.

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