Report München


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Verantwortungslosigkeit statt Abstand Corona und das Leben der Anderen

Bislang ist Deutschland im internationalen Vergleich gut durch die Corona-Krise gekommen. Doch nun macht sich immer mehr Sorglosigkeit breit: feiern, demonstrieren, bewusst die Regeln missachten. Warum zählt die Gesundheit der Anderen nicht mehr? report München befragt Forscher zu ihren aktuellen Studien und begleitet Menschen, die die Corona-Hygiene-Maßnahmen durchsetzen müssen und immer mehr auf Widerstand stoßen.

Von: Fabian Mader, Benedikt Nabben

Stand: 04.08.2020

"Achtet auf den Abstand, es geht um eure Gesundheit und die Gesundheit anderer."

Anja Schomburg, Ordnungsamt Mitte von Berlin

Anja Schomburg vom Ordnungsamt in Berlin-Mitte. Sie soll hier heute Nacht für Ordnung sorgen und vor allem die Corona-Regeln durchsetzen.

"Das ist mit den Tischabständen nicht in Ordnung, wie man sieht…. Fühlt euch nicht gestört, ich war selber erstaunt, wie groß 1,50 sind. Deswegen muss ich jetzt nur mal kurz gucken, weil ich will auch gesund bleiben. Entschuldigen Sie, schwierig. Ne, passt schon nicht. Ich weiß, man will eng sitzen, ne, das ist hier alles zu eng. Also das ist schon mal nicht eingehalten, da brauch ich jetzt gar nicht weiter gehen."

Anja Schomburg, Ordnungsamt Mitte von Berlin

"Ich finde es sehr voll, letzte Ferienwoche heute, also dafür, dass es noch so früh ist, ist schon ganz schön viel los."

Anja Schomburg, Ordnungsamt Mitte von Berlin

Je später der Abend, desto schwieriger wird es für Anja Schomburg werden, die Corona-Regeln durchzusetzen.

Auch er hat damit zu kämpfen. Busfahrer Richard Kindsmüller. Er ist 63, gehört zur Risikogruppe. Für ihn ist es besonders gefährlich, wenn Fahrgäste sich nicht an die Maskenpflicht halten.

"Die sind halt für mich einfach - wie soll ich sagen? Rücksichtslos, kombiniert mit Dummheit."

Richard Kindsmüller, Busfahrer Ettenhuber Verkehrsbetrieb

Erster Eindruck: Viele tragen Masken, aber bei manchen hängen sie tief. Kindsmüller spricht Verstöße direkt an. Nicht alle Fahrgäste werden das auf Anhieb verstehen.

Corona macht immer weniger Angst

Forscher der Uni Erfurt untersuchen jede zweite Woche, wie ernst die Deutschen das Thema Corona noch nehmen. Die Zahlen sind eindeutig. Gaben Mitte März noch 79 Prozent an, das sie zumindest häufig an Corona denken – sagen das vier Monate später nur noch 55 Prozent. Corona macht also weniger Angst - und das hat Folgen für das Verhalten. Während Mitte März öffentliche Orte für fast alle tabu waren, sind feiernde Menschenmassen jetzt fast schon wieder normal.

Für die Forscher ein heikler Moment - sinkt die Akzeptanz der Maßnahmen weiter? Dann ist das der Punkt, wo man sich gut überlegen muss, wie man mit welchen Informationen die Leute wieder dazu bringen kann, dass sie das Risiko realistischer einschätzen.

Zurück in Berlin.

"Abstand halten, sonst wird es eine Anzeige geben."

Anja Schomburg, Ordnungsamt Mitte von Berlin

Wir fragen bei den jungen Leuten nach.

Umfrage

report München: "Feiern geht wieder, trotz Corona?“

"Ich denke mal schon. Ich meine, das Leben muss ja weitergehen."

report München: "Habt ihr keine Angst euch zu infizieren?“

"Nein."

report München: "Warum nicht?“

"Ja, ich weiß nicht, weil wir halt so unser Ding einfach machen, untereinander feiern. Dann wird das schon auf jeden Fall irgendwie passen."

"Weil das alles so abgeebbt ist, jetzt geht jeder mehr raus, mehr raus, mehr raus. Seitdem ist das Bewusstsein einfach nicht mehr in den Köpfen von den Leuten hier in Berlin."

Keine Angst vor Corona? Na ja, also - nö. Nicht so richtig, nein.

Anja Schomburgs Team greift durch. Hier stehen die Tische viel zu eng. Der Betreiber muss seine Terrasse schließen – und bekommt ein Bußgeld.

"Die Zeiten verlangen das halt jetzt. Fertig aus. So. Und manche hören da gar nicht drauf. Jetzt müssen wir hier auch nochmal schauen. Das ist ein Fass ohne Boden, wir könnten hier jetzt eigentlich bis morgen früh durcharbeiten."

Anja Schomburg, Ordnungsamt Mitte von Berlin

Infektionszahlen steigen

Die Infektionszahlen steigen deutschlandweit. Aber es gibt einen großen Unterschied zur ersten Welle im März: Der Anteil der unter 30-Jährigen bei den Covid-19-Positiven hat sich seit da mehr als verdoppelt. Inzwischen stammen 41 Prozent der gemeldeten Infektionen aus dieser Gruppe.

Das gleiche Phänomen gab es bereits zuvor in Luxemburg. Nun ist das Land ein neuer europaweiter Corona-Hotspot. Professor Rudi Balling berät die luxemburgische Regierung im Umgang mit Corona.

"Wie man Jugendliche dann letztendlich wirklich davon überzeugt, dass das, was sie da tun, auch letztendlich ihre Großeltern umbringen kann, da bin ich auch irgendwo hilflos."

Prof. Rudi Balling, Direktor Luxembourg Center for Systems Biomedicine

Klar ist - so sollte es nicht weitergehen. Eine aktuelle Studie belegt: Halten noch 92% der über 65-Jährigen die Corona-Regeln meistens ein, sind es bei den unter 26-Jährigen nur noch 70%.

Das weiß auch Busfahrer Richard Kindsmüller. Auch wenn Kollegen von ihm deswegen schon angegriffen wurden – er nimmt keinen Fahrgast ohne Maske mit.

Szene im Bus

"Was ist mit deiner Maske? Aufsetzen!"

"Ja, hab ich."

"Dann setz auf. Wenn du sie nicht findest, dann steigst du wieder aus."

"Meister - ich hab doch eine Maske drauf."

"Ja - aber dann setz sie das nächste Mal draußen auf und nicht im Bus. Die Masken gehören draußen aufgesetzt."
 

Er fürchtet, dass sich die zweite Welle bereits aufbaut - weil viele zu sorglos sind.

"Die Leute, die lassen einfach. Die wollen das jetzt einfach, ach, das dauert alles schon so lange und ich habe keinen Bock nimmer und so. Das ist die Gefahr warum das auch steigt. Weil die Leute einfach rücksichtslos sind - viele."

Richard Kindsmüller, Busfahrer Ettenhuber Verkehrsbetrieb

Kurz vor Mitternacht, Berlin Mitte. Anja Schomburg vom Ordnungsamt kontrolliert eine Kneipe. Halten sich hier alle an die Corona-Regeln? Unsere Kamera muss draußen bleiben: „Nur mit Maske und am Tresen eigentlich 1,50 Abstand. Ihr müsst das wirklich auch… Ich sage das nicht zum Spaß. Die sind schon wieder so hoch, die Zahlen, dass wir alle schon wieder Schiss kriegen."

Anja Schomburg versucht zu erklären, warum die Corona-Regeln so wichtig sind – und stößt dabei nur selten auf volles Verständnis. Etliche Verstöße gegen die Corona-Regeln stellt sie an diesem Abend fest.

"Ich finde es wirklich in dem Sinne sehr frustrierend, dass ich das dann erkläre, ja verstehen wir ja, und dann drei Sekunden später ist das dann schon wieder nicht eingehalten. Ich glaube, das ist auch so ein bisschen die Feierlaune. Nett schon mal was getrunken und dann, lach lach - und dann liegen sie sich wieder alle in den Armen, obwohl sie gar nicht aus einem Haushalt kommen."

Anja Schomburg, Ordnungsamt Mitte von Berlin

Sie will sich aber nicht unterkriegen lassen.

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