Report München


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"Xinjiang Police Files" Bilder des Grauens empören die Welt

Ein internationales Team von Journalisten recherchierte und überprüfte noch nie gesehene Fotos aus dem Inneren von chinesischen Umerziehungslagern. Die Bild- und auch Textdokumente aus einem großen Leak dokumentieren die Unterdrückung von Uiguren, einer ethnischen Minderheit in Xinjiang, im Nordwesten Chinas.

Von: Philipp Grüll, Fabian Mader, Hakan Tanriverdi

Stand: 23.05.2022 09:28 Uhr

Bilder, die die Welt niemals sehen sollte. Aus Lagern, die es offiziell gar nicht gibt.

"In Xinjiang gibt es keine Umerziehungslager, keine Verfolgung. Im Gegenteil.  Dort leben die Nationalitäten, die muslimischen Minderheiten in Harmonie und Sicherheit."

Wang Yi, Chinesischer Außenminister, 13.02.2020

Die chinesische Regierung spricht von Berufsbildungszentren. Deren Besuch freiwillig sein soll.

"Die derzeitige Menschenrechtssituation in China ist so gut wie nie zuvor."

Zhao Lijian, Sprecher chinesisches Außenministerium, 15.01.2020

Mehr als 10 Gigabyte: Fotos, Dokumente, Namenslisten 

Diese Fotos stammen aus dem bisher größten Leak über chinesische Umerziehungslager: den Xinjiang Police Files, die BR, Spiegel und BBC News mit weiteren Medienpartnern ausgewertet haben.

"Da bilden bewaffnete Kräfte eine Bande, die Leute brutal behandeln, das kann man sehen. Wenn man das eine Bildungseinrichtung nennen will, dann ist es eine."

Reinhard Bütikofer, B’90/Grüne, Vorsitzender China-Delegation Europäisches Parlament

"Hart zuschlagen ist ein chinesischer Begriff, mit dem Regierungen arbeiten. Und dann wird versucht, jedes Mittel einzusetzen, das wir uns gar nicht mehr vorstellen können."

Volker Stanzel, Deutscher Botschafter in China a.D.

"Es geht darum, diese Menschen, diese Völker zu assimilieren, sie zu brechen innerlich, dass sie der Partei fügig werden, vom Staat besser kontrolliert werden können."

Adrian Zenz, Anthropologe

Das ist Adrian Zenz. Der Wissenschaftler ist so etwas wie ein Staatsfeind Chinas, seit er ans Licht brachte, dass die Regierung in Peking massenhaft Menschen in Lager wegsperrt. Vor wenigen Wochen treffen wir ihn in Berlin. Er gibt uns Zugriff auf eine Fülle von Daten. Geheime Daten. Mehr als zehn Gigabyte. Darunter vertrauliche Dokumente und tausende Fotos. Sie sollen von Computersystemen chinesischer Sicherheitsbehörden stammen.

"Die Daten wurden mir zugespielt, die kommen halt von jemand, der sich mit diesen Systemen auskennt, dem es gelungen ist sozusagen, direkt in die Computersysteme von Xinjiang sich hereinzuhacken und da die Daten direkt herauszuholen."

Adrian Zenz, Anthropologe

Sind die Bilder wirklich echt?

Mehr als eine Million Menschen soll der chinesische Staat in Lager wie diese gesperrt haben. Die meisten davon Uiguren: Muslime, die im Nordwesten Chinas leben. Hineinschauen konnte man bislang nicht. Bis jetzt. Doch woher wollen wir wissen, dass die Fotos und Daten echt sind?

Istanbul. Hier haben Zehntausende Uiguren Zuflucht vor der Kommunistischen Partei Chinas gefunden. Hier beginnt diese Suche nach Belegen, dass die Daten aus dem Leak echt sind. In Istanbul machen Kollegen von BBC News einen Uiguren ausfindig, der aus der Nähe eines Lagers stammt, das in den Daten auftaucht. Und dessen Verwandte verschwunden sind.

Mahmut Tohti hat seit Jahren keinen Kontakt mehr zu mehreren Söhnen und seiner Schwiegertochter. Er vermutet: Sie wurden in einem der Lager weggesperrt. Wir vergleichen die Passnummer eines Sohns mit unserer Liste der Insassen aus dem Leak.

"Das ist die gleiche Nummer wie bei Ihrem ältesten Sohn, sie endet mit 2417. Also haben wir hier einen Treffer mit Ihrem ältesten Sohn. Hier steht das Strafmaß: 15 Jahre. Er ist im Gefängnis, weil er eine terroristische Handlung vorbereitet haben soll."

Reporter BBC News

"15 Jahre? Wie konnten Sie einen so jungen Mann zu 15 Jahre Strafe verurteilen? Er hat nichts falsch gemacht. Er hat immer getan, was die Regierung verlangt hat und hat sich nie widersetzt. Er hat alles getan, was die Regierung von ihm verlangt hat."

Mahmut Tohti

Aus den Dokumenten wird nicht klar, wie lange er wirklich in Haft bleiben muss. Aber es gibt tatsächlich Schicksale, die zu den Daten im Leak passen. Wir suchen nach weiteren Angehörigen. In der Zwischenzeit versuchen wir, mehr über die Fotos herauszufinden. Wie können wir belegen, dass sie tatsächlich aus einem der Lager in Xinjiang stammen?

Nach kurzer Zeit stoßen wir auf dieses entscheidende Bild.

"Das Besondere an diesem Foto ist, dass es draußen aufgenommen wurde. Und solche Fotos sind für solche Recherchen sehr wichtig und sehr wertvoll. Denn dann kann man versuchen, diese Fotos über Satellitenbilder, die ja im Internet mittlerweile relativ leicht zugänglich sind, zuzuordnen und zu versuchen herauszufinden, wo sie fotografiert wurden."

Philipp Grüll, report München

Wir gleichen das Bild mit einer Standortliste von Internierungslagern ab, die australische Forscher erstellt haben. Und irgendwann wird ein Kollege vom Spiegel fündig. Foto und Satellitenbild ähneln sich: Die Mauern, eine Art Wachturm am Eck, das Gebäude im Hintergrund, das alles stimmt überein. Das Foto stammt offensichtlich aus dem Lager im Kreis Tekes, im Westen von Xinjiang.

"Das Foto war für uns noch hilfreich, weil es Metadaten enthalten hat. In der Sekunde, in der eine Kamera Fotos aufnimmt, wird nicht nur das Bild gespeichert, sondern jede Menge andere Informationen. Auch die kann man automatisch auslesen. Das haben wir getan und einige dieser Informationen waren extrem hilfreich."

Hakan Tanriverdi, BR Recherche

Die Datei enthält neben dem Dateinamen unter anderem das Kameramodell, den genauen Zeitpunkt der Aufnahme. Und sogar die Seriennummer der Kamera und des Objektivs. Und siehe da: Es gibt etliche Fotos, die mit genau derselben Kamera und demselben Objektiv aufgenommen wurden.

"Das bedeutet, dass die Fotos zusammengehören. Und wir wissen ja anhand der Außenaufnahmen und den Satellitenbildern, wo eines der Fotos aufgenommen wurde. Und deswegen können wir mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass auch die anderen Bilder Fotos aus Lagern zeigen."

Hakan Tanriverdi, BR Recherche

Wer sind die Uiguren?

Die Uiguren sind ein Turkvolk, fast alle sind Muslime. Sie stammen aus dem heutigen Nordwesten Chinas.

"Wir haben viele Rechte auf dem Papier, aber im Alltag zählen sie nicht. Deswegen haben wir 1988 eine Massendemonstration veranstaltet. Danach bekam ich vier Monate Hausarrest. 1994 bin ich weg."

Dolkun Isa, Präsident Weltkongress der Uiguren

Dolkun Isa ist heute eine der wichtigsten Stimmen der Uiguren im Exil. In seiner Heimat entluden sich die ethnischen Spannungen zwischen Uiguren und Han-Chinesen immer brutaler. 2009 gehen beide Volksgruppen aufeinander los. Nach offiziellen Angaben sterben fast 200 Menschen, die meisten Han-Chinesen. Die Gewaltspirale dreht sich weiter.

2014: Ein Massaker in einem Bahnhof in Südchina.

Die Attentäter erstechen mehr als 30 Menschen. Bei den Tätern soll es sich um uigurische Extremisten handeln.

Bilder des Grauens empören die Welt | Bild: BR

"Da muss ein Land reagieren, mit der Polizei, mit den Gerichten. Aber man kann nicht eine gesamte Volksgruppe verantwortlich machen."

Dolkun Isa, Präsident Weltkongress der Uiguren

Aber wie sehen das unabhängige Beobachter?  In Berlin treffen wir den früheren deutschen Botschafter in Peking zum Interview.

"Die Maßnahmen, die dagegen ergriffen werden, die beschränkten sich ja jetzt nicht drauf, da diese Handvoll zwei Handvoll von Terroristen ausfindig zu machen und vor Gericht zu stellen, sondern hier geht es ja um ein ganzes Volk."

Volker Stanzel, Deutscher Botschafter in China a.D.

Wenig später werden die ersten “Bildungszentren” eröffnet. Was hinter den Mauern geschieht, zeigen erstmals die Bilder aus den Xinjiang Police Files. Etwa diese Aufnahmen vom September 2018.

"Bei diesen Fotos konnten wir sehen, wann genau sie aufgenommen wurden. In den Metadaten auf die Sekunde genau. Und dadurch konnten wir sie in eine Reihenfolge bringen."

Hakan Tanriverdi, BR Recherche

Folterstuhl und Schießbefehl 

Das erste: Aufgenommen um 16 Uhr 28 und 58 Sekunden, wie die Metadaten zeigen. Uniformierte Männer mit Holzknüppeln sammeln sich. Sie gehen offenbar in Stellung. Zwei Minuten später: An der Wand: Ein Mann in Handschellen. Über seinem Kopf: ein schwarzer Sack. Seine Füße: in Ketten.

Um 16 Uhr 32 und 42 Sekunden sitzt er in einem sogenannten Tiger Chair. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch werden diese Stühle zur Folter verwendet. Um Häftlinge darin zu fixieren. Über Stunden, oder sogar Tage.

"Dieses Bildmaterial ist natürlich einzigartig. Es widerlegt natürlich auch die chinesische Staatspropaganda, dass das normale Schulen sind."

Adrian Zenz, Anthropologe

Eingerichtet wurden die Lager unter ihm: Xi Jinping. Seit 2012 Generalsekretär der Kommunistischen Partei, seit 2013 Staatspräsident.

"Die aktuelle Phase der flächendeckenden, systematischen Unterdrückung der Uiguren ab, so 2014 angefangen, und das hat damals der alleroberste Parteichef Xi Jinping persönlich in einer Rede eingeleitet."

Reinhard Bütikofer, B’90/Grüne, Vorsitzender China-Delegation Europäisches Parlament

Von 2016 bis vor wenigen Monaten ist dieser Mann sein Statthalter in der Region Xinjiang:

"Parteisekretär Chen Quanguo, man kennt ihn von Tibet, dort war er von 2011 bis 2016, hat dort einen beispiellosen Polizeistaat aufgebaut mit modernster Überwachungstechnik, in Xinjiang ist er dann besonders bekannt geworden, weil er halt diese Umerziehungslager so massiv hochskaliert hat."

Adrian Zenz, Anthropologe

In den “Xinjiang Police Files” ist das Transkript einer Rede enthalten, die er am 18. Juni 2018 vor kommunistischen Kadern hielt. In Xinjiang gehe es darum, "einen Kampf bis zum blutigen Ende" zu führen. Die Lager seien "uneinnehmbare Festungen", die durch "Verteidigungslinien" gesichert seien. "Sobald Bewegung wahrzunehmen ist, ist das Feuer entschieden zu eröffnen.”

Ein weiteres Dokument, das aus seiner Amtszeit in Xinjiang stammen soll, regelt den Umgang mit Fluchtversuchen. Wenn die Person die Anweisungen nach einem Warnschuss nicht befolgt, dann "wird ihn die bewaffnete Volkspolizei erschießen".

Außerdem enthalten die Xinjiang Police Files Tausende Porträtfotos. Von Menschen, die offenbar polizeilich erfasst und in vielen Fällen inhaftiert wurden. Wir haben sie anonymisiert.

"Es ist wie ein Fenster in einen Polizeistaat, über den ja so wenig Informationen herausdringt. Also sowas haben wir wirklich noch nie gesehen."

Adrian Zenz, Anthropologe

Absurde Haftgründe

Die zugehörigen Daten enthalten die Haftgründe, die zum Teil völlig absurd sind:

2017 wurde dieser Mann wegen einer Tat festgenommen, die er als Teenager begangen haben soll:

•      Vorwurf: Studium religiöser Schriften im Jahr 1983
•      Urteil: 10 Jahre wegen Bekehrung und Vorbereitung terroristischer Aktivitäten

Im Oktober 2017 wurde dieser Mann festgenommen. 

•       Vorwurf: Hören einer Audiodatei, u.a. mit den Themen religiöse Steuern, verschleierte Frauen, Männer mit Bärten
•       Urteil: 20 Jahre wegen Vorbereitung einer terroristischen Handlung

"Das können natürlich irgendwelche Menschen sein. Niemand weiß sicher, dass das Uiguren sind. Niemand weiß sicher, dass diese Fotos aus der Region stammen. Aber was uns da sehr geholfen hat, war, dass bei manchen Fotos, als wir uns durchgeklickt haben, durch die Tausenden von Fotos im Hintergrund winzige Details zu erkennen waren. Und die haben uns weitergeholfen."

Philipp Grüll, report München

Darauf zu sehen ist eine Frau, mit einem wehenden, grünen Kleid.  Wenn man nun Begriffe “Uiguren” und “Gemälde” ins Chinesische übersetzt, und damit eine chinesische Suchmaschine füttert, landet man nach einiger Zeit bei diesem Artikel, auf der Webseite von Chinas staatlichem Radio: Es geht um Xinjiangs ersten Malwettbewerb für Bauern, wie die Übersetzung zeigt. Das Thema: Bilder gegen Extremismus. Eines der prämierten Gemälde ist dieses hier: die tanzende Frau im grünen Kleid. 

"Dieser Fund war für uns ganz wichtig, weil dieses Detail im Hintergrund einfach zeigt oder ganz stark darauf hindeutet, dass die fotografierten Menschen tatsächlich Uiguren sind und dass das Setting, in dem sie fotografiert wurden, tatsächlich auch was damit zu tun hat, Uiguren zu unterdrücken."

Philipp Grüll, report München

Amsterdam - ein Kollege von BBC News ist hier mit einem Uiguren aus Xinjiang verabredet. Er heißt Abdurahman Hasan. 2017 ist er aus seiner Heimat geflohen. Kurz danach verschwindet seine Frau.

"Hier ist es. Und Sie können ihre Identifikationsnummer sehen. Sie wurde zu 16 Jahren verurteilt."

reporter BBC News

Bilder des Grauens empören die Welt | Bild: BR

"Was wird ihr vorgeworfen? Sie soll eine Demonstration angezettelt haben? Sie war nur mit ihrer Familie beschäftigt. Sie hatte kein großes Netzwerk. Sie hatte nur Kontakte zu Verwandten und Freunden."

Abdurahman Hasan

Unter den tausenden Fotos ist eines mit der Identifikationsnummer seiner Frau benannt. Mit seiner Zustimmung, zeigen wir sie unverpixelt.

"Als wir unsere Datenbank durchsucht haben, haben wir dieses Foto Ihrer Frau gefunden - aufgenommen in einer Polizeistation."

Reporter BBC News

"Ihr Geist ist gebrochen. Es muss aus der Zeit stammen, zu der sie verurteilt wurde. Sie sieht verzweifelt aus."

Abdurahman Hasan

Die Xinjang Police Files - alles spricht dafür, dass sie echt sind - und nichts dagegen. In einer offiziellen chinesischen Stellungnahme heißt es, die Maßnahmen richteten sich gegen terroristische Bestrebungen, nicht jedoch gegen Menschenrechte oder eine Religion. Aber was heißt das jetzt für die Politik in Deutschland und Europa?

"Solche Bebilderung des Schreckens und des Grauens muss auch dazu führen, dass man zu neuen Sanktionen kommt."

Reinhard Bütikofer, B’90/Grüne, Vorsitzender China-Delegation Europäisches Parlament

Diese Menschen warten auf eine Antwort. Sie stehen stellvertretend für hunderttausende Schicksale.

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