Report München


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Bürgeraufstand Der Streit um den Brennerbasistunnel

Der Brennerbasistunnel ist das größte Infrastrukturprojekt Europas - es soll den Norden mit dem Süden verbinden. Doch während in Italien und Österreich bereits am Tunnel gebaut wird, streitet man in Deutschland noch über die Zulaufstrecke und zeigt wenig Bereitschaft, den Verkehr auf die Schiene zu verlagern.

Von: Julia Mumelter, Anna Tillack

Stand: 14.05.2019

Wir - zwei Reporterinnen - aus Bayern und Südtirol - wollen wissen, was an der Brennerroute schief läuft. Die LKW über den Köpfen der Menschen werden jedes Jahr mehr. In Italien und Österreich soll nun diese Baustelle helfen. In 10 Jahren werden die LKW durch Güterzüge ersetzt. Doch die neuen Eisenbahnschienen auf deutscher Seite sind… noch nicht da. Über diese Wiesen sollen die Güterzüge eines Tages weiter bis nach Skandinavien rollen. Sie sind dagegen:

"Es ist ja der Bedarf nicht mal nachgewiesen und dafür sollen wir unser Tal opfern."

Tunnelgegner

In Südtirol hoch über der Autobahn treffen wir den Apfelbauer Johann Gasser. Von hier oben entgeht ihm nichts.

"Die Brennerachse ist sicher am Limit. Man sieht oft Tage wo die LKW stehen von hier bis wie weit man runter sieht. Es ist ja auch von den Emissionen ein Problem."

Johann Gasser

Das größte Infrastrukturprojekt der Europäischen Union

300 Meter tiefer, direkt unter der Autobahn, wohnt sie – Monika Hartmann. Für sie wäre der Brennerbasistunnel die Lösung – aber sie hat Angst, dass die Proteste der deutschen Seite der Alpen das Projekt gefährden, erzählt sie uns.

"Es wäre gut, wenn alle an einem Strang ziehen. Wenn dann muss man immer gesamteuropäisch denken, das auf alle Fälle."

Monika Hartmann

Auf den Tunnel wartet sie seit ihrer Kindheit.

"Gestern habe ich mit einem Bekannten geredet, der hat gesagt als er klein war hat man gesagt die Leute wollen auf den Mond und der Brennerbasistunnel wird gebaut. Dann sind die Leute zuerst auf den Mond geflogen, aber den Brennerbasistunnel gibt’s immer noch nicht."

Monika Hartmann

Jetzt wird er gebaut. Hier entsteht das größte Infrastrukturprojekt der Europäischen Union, 1,2 Milliarden Euro hat die EU bislang beigesteuert. Wir fragen uns: Wie ist es gelungen, die Kritiker zu überzeugen, die es bei Großprojekten immer gibt?

Hier in Südtirol haben die Planer von Anfang an darauf geachtet, die Bevölkerung mit einzubinden. Maria Gasser, die Bürgermeisterin des Städtchens unter der Brennerautobahn, kommt immer wieder hierher.

"Ich hatte ja auch Angst ich bin ja keine Baubranchenfrau, aber ich bin jetzt so fasziniert und mache auch immer wieder Fotos. Jetzt sind wir an einem historischen Punkt wo wir Europa verbinden."

Maria Gasser, Bürgermeisterin Klausen

Apfelbauer Johann Gasser sieht den Tunnel gleich zum ersten Mal. Fast täglich führt Martin Ausserdorfer Besucher wie ihn über die Baustelle. Er ist Schnittstelle zwischen Politik, Bevölkerung und Bauwirtschaft.

"Das sind zwei Haupttunnelröhren wo nachher die Züge durchfahren […] Nicht bauen das geht eigentlich nicht. Die Schiene hat Zukunft und ist die Zukunft."

Martin Ausserdorfer, Direktor Beobachtungsstelle Brennerbasistunnel

Wenns erstmal fertig ist, dann werden die Leute alleine überzeugt sein?

"Schaun Sie, hier kenn ich niemanden der sagen würde es ärgert mich wenn der Tunnel schon in Betrieb wäre. Es ist Unisono die Meinung 30 Jahre zu spät, wir sagen heute besser spät als nie. Wir glauben, dass es auch eine bestimmte Intelligenz in Bayern gibt und da wird man dann sagen schauen wir mal und dann werden wir das schon machen."

Martin Ausserdorfer, Direktor Beobachtungsstelle Brennerbasistunnel

In Bayern - Von Baustelle keine Spur

Doch danach sieht es 180 Kilometer weiter nördlich, in Bayern, eben nicht aus. Von Baustelle keine Spur. Irgendwo auf diesen Wiesen sollen die neuen Gleise verlaufen - eventuell direkt durch Christian Zweckstätters Grundstück.

"Bei uns ums Haus wirds wahrscheinlich Baustelle werden wenn die Bahn ihre Planungen durchsetzt, und ihre Eisenbahn da durchbauen wird. Entweder muss das Haus weg oder wir haben rundherum Baustelle."

Christian Zweckstätter, Bürgerforum Inntal e.V.

report München: "Bei uns wird das so gesehen, wir kriegen jetzt diesen Brennerbasistunnel, das ist ne tolle Sache und in Bayern wird grad gebremst, verstehen Sie das und was sagen Sie den Südtirolern?“

"Ich finde jetzt nicht, dass wir bremsen. Das geht auf dem alten Gleis, wir bremsen nicht. Die brauchen nur auf das alte Gleis fahren und sollen mit dem alten Gleis weiterfahren."

Christian Zweckstätter, Bürgerforum Inntal e.V.

Denn auf dem alten Gleis ist noch Platz, bei elektronischer Aufrüstung könnten statt 200 sogar mehr als 300 Züge pro Tag fahren. Doch im LKW-Land Deutschland sind die Güter großteils hier…

"Auf gut bayerisch ist es momentan so, dass kein Politiker im Verkehrsministerium drin sitzt, der einen Arsch in der Hose hat und für uns Bürger da ist und uns die Wahrheit sagt."

Christian Zweckstätter, Bürgerforum Inntal e.V.

Bürger fühlen sich nicht ernst genommen

Christian Zweckstätter ist einer von vielen. Inzwischen gibt es 17 Bürgerinitiativen gegen die Ausbaupläne des Verkehrsministers Andreas Scheuer. Doch der reagiert nicht. Unsere zahlreichen Anfragen insbesondere nach der der aktuell geringen Auslastung der Schiene hat er allesamt ignoriert. Uns leuchtet ein, warum die Menschen im Inntal nicht an den großen Traum vom europäischen Schienenverkehr glauben.

Zurück über die Berge in Südtirol. Die Tunnel-Führung ist zu Ende. Und Apfelbauer Johann Gasser beeindruckt

"Natürlich sind wir erleichtert, weil wir sehen die Arbeiten haben begonnen, wir sind jetzt mitten drin und in 10 Jahren hoffen wir, dass sie fertig sind."

Johann Gasser

Und die Menschen auf der anderen Seite der Alpen? Kann ihr Protest das Projekt kippen?

"Wir hatten in den 2000er Jahren sehr viel Kritik, wir wurden ausgepfiffen von Menschenmengen, weil sich das niemand vorstellen konnte, wie so ein Bauwerk abgewickelt wird. Wir nehmen das sehr ernst, weil wir nie Sachen versprechen, die wir dann nicht halten können."

Martin Ausserdorfer, Direktor Beobachtungsstelle Brennerbasistunnel

Ernst genommen fühlen sich die Bürger in Bayern nicht. Und die Zeit sie zu überzeugen wird knapp, denn in 10 Jahren soll der Brennerbasistunnel eröffnen.

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