Report München


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Boom der Pseudomedizin Experten warnen vor den Folgen

So manches Gerät verspricht, es könne wichtige Gesundheitsdaten liefern. In Wirklichkeit kann es bei Messungen einen Menschen nicht von einem Leberkäse unterscheiden, wie Recherchen von report München zeigten. Dennoch: Das Geschäft mit diesen umstrittenen Geräten boomt.

Von: Ulrich Hagmann

Stand: 14.06.2022

Im Internet gibt es viele Angebote für Geräte, die Messungen im sogenannten Informationsfeld des Körpers anbieten. Doch vor die Kamera gehen, will keiner der Ärzte und Therapeuten, die so etwas benutzen. Nach langer Suche werden wir fündig. Eine Lebens- und Gesundheitsberaterin ist bereit, ihr Gerät vorzuführen.

"Nehmen wir erst einmal Ihr Energiefeld auf. Und das machen wir bitte hier. Einfach die Handfläche auflegen. … Da oben ist der Lichtquanten-Resonator, das ist die Verbindung zum Informationsfeld. Ihr Informationsfeld zum großen Informationsfeld. Sie sind jetzt überall erreichbar."

Bijanka Baum, Gesundheitsberaterin

Einmal kurz die Hand auflegen und die Maschine hat angeblich eine Verbindung aufgebaut. Und danach die Hand auf ein zweites Feld legen.

"Jetzt kann ich Ihre DNA analysieren, Ihr Blut, Ihre Laborwerte. Ohne Ihnen Blut abgenommen zu haben, werde ich jetzt mehr wissen, als hätte ich Ihnen Blut abgenommen. Wir können uns jetzt alles anschauen, was der Hintergrund dahinter ist, wo Sie Probleme haben. Sie müssen mir jetzt nicht sagen, Sie haben Knieschmerzen oder Sonstiges. Das sagt Ihnen jetzt gleich die Bea und gibt Ihnen dazu gleich die mögliche Behandlung."

Bijanka Baum, Gesundheitsberaterin

Sie erzählt von Behandlungserfolgen und zeigt stolz, wie sie Patienten sogenannte „Heilfrequenzen“ aus ihrem Gerät hinterherschickt. Nach den Preisen werden wir später fragen.

Sie nennen es Quanten,-, Energie,- oder Informationsmedizin. Auch in Österreich und der Schweiz werben viele Ärzte und Heilpraktiker mit vergleichbaren Geräten. In Zürich treffen wir einen Mann. Sein Vater verstarb an Krebs. Der Arzt benutzte solch ein Gerät. Es habe den Krebs nicht erkannt, der Sohn erhebt jetzt schwere Vorwürfe. Aus beruflichen Gründen will er anonym bleiben.

"Die Unterlagen, die sind wirklich haarsträubend. Also da gibt es einen Scan-Bericht mit irgendwelchen zusammenhangslosen Diagnosen: Innere Würmer und irgendwelche Ernährungsschwächen, Allergien, Intoleranzen und daraus abgeleitet wird, dass man viele verschiedene Präparate nehmen muss, die relativ viel Geld kosten."

Anonym

Eine teure, aber nutzlose Fehlbehandlungen, das ist der Vorwurf, den der Arzt auf Anfrage von report München zurückweist. Die Schweizer Behörden haben eine Untersuchung eingeleitet. Die sei noch nicht abgeschlossen, erfahren wir auf Anfrage.

Doch das ist nicht der einzige Fall. Beim Schweizer Fernsehen haben sich weitere Angehörige verstorbener Krebspatienten gemeldet. Mehrfach hat Peter Basler in der Verbrauchersendung "Kassensturz" darüber berichtet. In gemeinsamen Recherchen untersuchen wir die Geschäftemacherei mit pseudomedizinischen Geräten.

In der Schweiz gab es Beschwerden gegen die Fernsehberichte. Alle wurden von der unabhängigen Beschwerdeinstanz abgewiesen. Dagegen will der Arzt vor dem Schweizer Bundesgericht klagen.

"Das Prinzip ist eigentlich immer dasselbe. Sie messen irgendetwas, was war für einen normalen Menschen nicht nachvollziehbar ist. Auch für die Wissenschaft ist es nicht nachvollziehbar.

Also, wir glauben ja an die Justiz. Und wo irgendein Humbug ist oder irgendein Eso-Mist, der lässt sich nicht nachweisen. Deshalb sind wir guter Dinge, dass wir da nie gerichtlich verurteilt werden."

Peter Basler, Sendung Kassensturz, SRF

Auch in Deutschland beschäftigt sich die Justiz mit der sogenannten Informationsmedizin. In Reutlingen sind zwei Männer und eine Frau wegen gewerbsmäßigen Betrugs und Verstößen gegen das Heilmittelwerbegesetz angeklagt. Sie hatten unter dem Slogan "Gesundheit ist messbar", dieses Gerät auf den Markt gebracht - den "Bioscan" - und zu Preisen zwischen 3500 und knapp 6000 Euro verkauft.

Zusammen mit report München hatte der Kinderarzt und Allergologe Professor Walter Dorsch Tests durchgeführt und gezeigt: Das Gerät liefert für Menschen und Leberkäse dieselben Ergebnisse. Er war im Prozess als Zeuge geladen.

"Mich erstaunt einfach, wie man unverfroren solche Dinge in die Welt setzen kann. Dinge, wie die zweihundertfache Lichtgeschwindigkeit, dass die russische Raumfahrt-Medizin mit beteiligt ist. Und wenn ich mir dann vorstelle, dass ein wirklich notleidender, ein hilfesuchender Mensch mit solchen Dingen hinters Licht geführt wird, dann halte ich das für …ja, einfach nicht tolerabel. Es ist der Missbrauch des Vertrauensverhältnisses eines Mitmenschen."

Prof. Walter Dorsch, Kinderarzt und Allergologe

Im Prozess schweigen die beiden angeklagten Männer. Das Amtsgericht kommt zu dem Schluss: Der Bioscan kann nichts messen und verurteilt sie wegen Betrugs. 3 Jahre Haft für den Haupttäter, 2 Jahre für den zweiten Geschäftsführer. Wegen Wiederholungsgefahr wurden die Männer noch im Gerichtssaal verhaftet. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, die Verteidiger haben Berufung eingelegt.

Zurück bei der Gesundheitsberaterin. Sie empfiehlt verschiedene Behandlungen zum Beispiel am Auge, der Reporter ist schließlich Brillenträger. Die spannende Frage: Was kostet das?

"Eine Großbehandlung mit DNA-Aufstellung ist bei 3300 Euro, die Listen laufen dafür 4 Wochen und nach 2 Wochen macht man einen Checkup und erneuert die Listen, weil die Frequenzen, die Sie verarbeitet haben, da will der Körper, was Neues. Das ist, wie wenn man mit einem Auto in die Waschanlage fährt, dann nützt es nichts, wenn man ewig weiter wäscht, man will eine Politur."

Bijanka Baum, Gesundheitsberaterin

Sie ist überzeugt von der Technologie des Gerätes. Wie das alles genau funktioniert - diese Frage hat uns der Erfinder von TimeWaver nicht beantwortet. Stattdessen schreibt uns der Anwalt der Firma. Zitat:

"Meine Mandantin –[ also die Time Waver GmbH] - hat zu keinem Zeitpunkt behauptet, dass mit dem Time Waver Ferndiagnosen und Fernheilungen möglich sind."

Anwalt der Time Waver GmbH

Der TimeWaver sei als Hilfsmittel gedacht, die Bewertung der Informationen sei alleiniger Verantwortungsbereich des Therapeuten. Ob die Firma damit durchkommt? Die Zukunft wird es zeigen.

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