Report München


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Dubiose Bioresonanz Wie mit fragwürdigen Untersuchungen Verbraucher verunsichert werden

In Apotheken, bei Heilpraktikern, Ernährungsberatern und Reformhäusern wird bundesweit für eine neuartige Bioresonanzuntersuchung geworben. Ohne Blutabnahme liefert der Test über 200 Gesundheitsparameter. Experten haben die Testgeräte untersucht. „Alles Humbug“, so ihr Fazit. Einziger Sinn der Tests: Verbrauchern möglichst viele Nahrungsergänzungsmittel zu verkaufen.

Stand: 16.01.2018

Gesundheit ist messbar. In 90 Sekunden bis zu über 200 Parameter, ohne Blutabnahme schmerzfrei. Eine medizinische Sensation? Jedenfalls werben derzeit Heilpraktiker, Ernährungsberater, Reformhäuser und sogar Apotheken für ein angeblich umfassendes Gesundheitsmessverfahren auf Grundlage der Bioresonanz.

"Das klingt phantastisch, wenn da was dran ist, aber glauben kann ich das erst, wenn ich wirklich das mit eigenen Augen gesehen und geprüft habe."

Dr. med. Andreas Kolt, Klinische Forschung

Das wollen auch wir genau wissen und testen die Geräte. Zuerst  werden Personen gemessen, dann mit denselben Daten ein Leberkäse und ein nasser Lappen. Können die Bioresonanzgeräte den Unterschied erkennen?

Der Kinderarzt und Allergologe Prof. Walter Dorsch und Dr. Andreas Kolt, der in der klinischen Forschung arbeitet, untersuchen  die Bioresonanz Geräte. Sie liefern umfassende Gesundheitsdaten: für Knochen, Leber, Haut, Kreislauf, Herz, Hirn, Darm bis zu Vitaminmangel und Schwermetallbelastung. Gemessen werden physikalisch nicht nachweisbare sogenannte „Skalarwellen“, die angeblich die Bioresonanz des Körpers abbilden.

Bioresonanz | Bild: BR

"Ich fasse ein Gerät an über 1 Minute und er bildet sämtliche Werte meines Körpers ab, das kann nicht sein."

Dr. med. Cornelia Czap, Kinderärztin

Die Testgruppe besteht aus Ärzten und Arzthelferinnen der Münchner Kinderarztpraxis des Professors.

Zuerst testet das Team den Vieva Vital-Analyzer, danach ein Gerät des Markführers Bioscan. Bei beiden Geräten sind die Resultate ähnlich. Die Befunde haben nichts mit der realen medizinischen Situation der Testpersonen zu tun.

"Die einzigen körperlichen Defizite, die ich habe, ist eine Allergie und die ist auch deutlich und die ist auch über Jahrzehnte bei mir vorhanden, die bildet er zum Beispiel gar nicht ab."

Dr. med. Cornelia Czap, Kinderärztin

Bioresonanzmessung

In einem zweiten Durchlauf wird mit den Daten aller Testpersonen ein Leberkäse gemessen. Der Leberkäse liefert bei beiden Geräten die exakt selben Werte wie der Patient unter dessen Namen er gemessen wird. Ein und derselbe Leberkäse produziert also 5 verschiedene Gesundheitsprofile.

"Wenn meinem Leberkäse ein Erektionskoeffizient im hochnormalen Bereich konstatiert wird, ein phantastisches Samenvolumen und eine Spermienverflüssigung, dann ist das einfach ein Witz. Das sind Begrifflichkeiten, die eine medizinische Terminologie vortäuschen aber keine sind."

Prof. Dr. Walter Dorsch, Allergologe

"Es bietet sich natürlich an, dass man diese Art der Messungen auch mit dem Vertrieb von Nahrungsergänzungsmitteln kombiniert. Denn wir haben heute gesehen und auch bei früheren Messungen, dass bei jedem Patienten, den wir messen immer einige Werte im Minusbereich sind, also Vitamine, Mineralien, Aminosäuren."

Dr. Andreas Kolt, Klinische Forschung

Diesem Verdacht gehen wir nach. Unter dem Motto „Gesundheit ist messbar“ bietet die Reformhauskette Vitalia während unserer Dreharbeiten bundesweit in über 70 Märkten Termine für Bioresonanzmessungen an.

Unter einem Pseudonym lässt sich der Reporter in mehreren Reformhäusern an verschiedenen Geräten testen. Tatsächlich fallen die Ergebnisse unterschiedlich aus. Mal liegt die Knochenmineraldichte im Roten mal im Normalbereich. Schwer nachvollziehbar.

Allerdings ist die Tendenz bei allen Tests gleich. Der 52-jährige hat angeblich gesundheitliche Probleme, die mit Entgiftungskuren, Vitaminpräparaten und anderen Nahrungsergänzungsmitteln zu lösen sind.

Gleiches Ergebnis für Mensch und Leberkäse

In einem Vitalia Reformhaus in Augsburg dürfen wir schließlich verschiedene Tests mit der Kamera filmen. Die Verkäuferin will allerdings nicht im Bild erscheinen. Wir testen den Reporter, dann den Leberkäse als Reporter, dann den Reporter mit Daten eines 14-jährigen. Während Leberkäse und Reporter das gleiche Ergebnis produzieren, variieren die Ergebnisse, wenn die Altersangabe der getesteten Person geändert wird.

Reporter: „ich bin doch der gleiche Mensch und der misst meine Schwingungen. Das kann ihm ja egal sein...der Maschine...“

Verkäuferin: "Wir haben uns ja drauf geeinigt, dass ich das auch sehr kritisch sehe. Aber uns hat man, ich verstehe schon was Sie mir sagen wollen, uns hat man bei der Schulung ganz klar gesagt, bei allen Fragezeichen, die es da gibt, dass da quasi wenn da irgendwie Schwingungen, die wir ja vergleichen, wir haben quasi eine Idealschwingung, und die ist Alters,- Geschlechtsverschieden natürlich definiert“.

Die Tests werfen eine Menge Fragen auf. Wir wenden uns direkt an Vitalia und werden zum „Bioscan“ Hersteller weiterverwiesen.

Der Hersteller residiert in Schwaben. Es empfangen uns ein Geschäftsführer, ein Elektroingenieur und ein Medienanwalt. Gedreht werden darf während der Besprechung nicht. Es gibt auch kein Interview. Man habe nie behauptet durch die Tests Laborwerte ersetzen zu können. Für Werbebotschaften von Anwendern sei man nicht verantwortlich. Bei den Tests seien die Geräte unsachgemäß eingesetzt worden. Mehrfachmessungen liefern Fehler, weil das Gerät auf quantenphysikalischer Grundlage bei der Messung auch das Informationsfeld der Testperson oder eben auch des Leberkäses beeinflusse.

Schriftlich führt die Firma aus: „Da Wasser bekanntlich ein guter Informationsträger ist, werden auch bei zweckentfremdeten Messungen mit Wasseranteilen Informationen übertragen. Das Gerät kann selbstständig nicht unterscheiden, ob es sich um eine natürliche Person handelt oder einen Gegenstand mit Wasseranteilen.“

"Überzeugende Antworten hat er uns nicht geliefert, kann er auch nicht liefern. Die Schlussfolgerung, die ich daraus ziehe, heißt, wenn Sie in die Nähe solcher Geräte kommen, nehmen sie bitte einen Putzlumpen mit und machen Sie einen Selbsttest."

Prof. Dr. Walter Dorsch, Allergologe

Der  Hersteller Vieva hat unsere Fragen überhaupt nicht beantwortet, sondern lediglich auf Studien verwiesen, die sich aber mit anderen Themen befassen.

Die Reformhauskette Vitalia hat Konsequenzen gezogen: „Die von Ihnen übermittelten Messresultate und Beanstandungen haben uns ebenfalls sehr überrascht, weshalb wir zum Wohle unserer Kundinnen und Kunden bis zur Klärung des Sachverhaltes und der Überprüfung unserer neun Geräte keine Messungen mehr anbieten.“

Die Testergebnisse sind nicht reproduzierbar und deswegen wertlos. Wer sich aufgrund solch dubioser Tests teure Nahrungsergänzungsmittel andrehen lässt, wird im Grunde betrogen.

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