Report München


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Die Abzocke mit Quantenmedizin und Bioresonanz Pseudowissenschaft versus Patientenwohl

Gesundheitscheck in 90 Sekunden, umfassende Ganzkörperanalyse durch Messung des Vitalfeldes, ohne Blutentnahme und aufwändige Untersuchung – das versprechen Hersteller von Diagnosegeräten, die vor allem in der alternativen Medizinszene vermarktet werden.

Von: Ulrich Hagmann

Stand: 26.02.2019

Die Willerts sind eine ganze normale Familie. Vater Betriebswirt, die Mutter kümmert sich um die beiden Söhne, der zehnjährige Robin klagt plötzlich über unklare Symptome.

"Mir ging´s da nicht so gut, weil da war mir auch immer schlecht."

Robin

"Wenn ich mir überlege, wie oft wir dich aus der Schule abgeholt haben, weil du so Bauchschmerzen hattest und manchmal auch so schlapp warst. Da ging den ganzen Tag gar nichts."

Hanno Willert. Betriebswirt

Eine akute Erkrankung kann der Kinderarzt nicht feststellen, Bekannte empfehlen der Familie deswegen einen Test mit dem "Global-Diagnostic". Innerhalb weniger Minuten liefert dieses Gerät angeblich eine Ganzkörperanalyse. Die Willerts lassen die ganze Familie scannen, zahlen für die Diagnose und die damit verbundenen Therapien über 3000 Euro beim Heilpraktiker.

"Im ersten Moment habe ich gedacht wow. Der schafft da Sachen über meinen Ist-Zustand, kann da über Zellen, über ganz spezielle Organe eine Aussage treffen, habe ich gesagt ist der Wahnsinn, aber natürlich schwingen da Zweifel mit."

Hanno Willert. Betriebswirt

Ganzkörperdiagnose ohne Blutabnahme

Über ähnlich zweifelhafte Geräte, die mit dem Slogan "Gesundheit ist messbar" vermarktet werden, hat report München schon vergangenes Jahr berichtet.

Damals hat der Allergologe und Kinderarzt Prof. Walter Dorsch Geräte untersucht, die ohne Blutabnahme Ganzkörperdiagnosen liefern. Im Mittelpunkt stand das Gerät des Marktführers "Bioscan". Höhepunkt: die Messung eines Leberkäses. Verblüffendes Ergebnis: der "Bioscan" lieferte für den Leberkäse die gleichen Gesundheitswerte, wie für den zuvor gemessenen Menschen.

"Das sollte jedem Laien zum Nachdenken bringen, dass er dieser Technik nicht vertraut."

Prof. Walter Dorsch, Kinderarzt und Allergologe

Nach der Veröffentlichung des Tests melden sich viele Patienten bei Prof. Dorsch, unter anderem auch die Willerts.

"Ihnen geht es ja wie vielen anderen auch, die von Alternativmedizinern mit einer Fülle von Diagnosen, einer Fülle von Untersuchungen überschwemmt werden und am Schluss sich nicht mehr auskennen und da gehört auch die Vitalfelddiagnostik mit dazu."

Prof. Walter Dorsch, Kinderarzt und Allergologe

Mit TÜV-Zertifikat beworben

Prof. Dorsch hat sowohl Robin Willert untersucht, als auch das Gerät Globalscan getestet. Per Werbebrief hatte der Hersteller, die Firma Vitatec, eine Demonstration des Gerätes in der Praxis des Professors angeboten. Der "Globalscan" wird mit einer Medizingerätezertifizierung beworben, die vom TÜV Süd bestätigt ist, und zu Preisen ab 20.000 Euro verkauft.

"Ich habe dann die Dame, die uns das vorgeführt hat, auch davon überzeugen können, dass wir ähnlich wie bei Bioscan unseren berühmten Leberkäsetest auch machen dürfen."

Prof. Walter Dorsch, Kinderarzt und Allergologe

In der Praxis des Professors wird also ein neues Gerät der Informationsmedizin getestet. Eine Fernsehkamera ist dabei nicht erwünscht. Der Professor darf die Tests allerdings selbst dokumentieren. 

Kann der "Globalscan" zwischen dem Professor, einem nassen Lappen, einer Metallplatte und einem Leberkäse unterscheiden? Auf die Ergebnisse des Tests werden wir später zurückkommen. Denn der Leberkäsetest liefert nur einen ersten Verdacht. Aber die Recherchen von Professor Dorsch und report München sind vor allem beim Thema Bioscan schon sehr viel weitergekommen.

"Nach der Ausstrahlung von Report hat uns ja ein Herr Pugge kontaktiert und uns mitgeteilt, dass er das Geheimnis lüften könne."

Prof. Walter Dorsch, Kinderarzt und Allergologe

"Es geht keinerlei Signal von diesem Gerät in den PC hinein."

Der Sportwissenschaftler Daniel Pugge befasst sich in seinem Videoblog intensiv mit der Hardware solcher Diagnosegeräte und der Frage, was dort überhaupt gemessen wird. Mit einer USB-Analysesoftware untersucht er den Datenstrom, der zwischen dem Bioscan-Kasten und dem Computer ausgetauscht wird. 

"In der Zeile ‚Out‘ sehe ich immer Befehle aber in der Zeile ‚IN‘ das heißt also, das sind Signale, die der PC wahrnehmen würde, ist immer leer."

Prof. Walter Dorsch, Kinderarzt und Allergologe

"Genau richtig. Und wenn es so sein würde, dass Daten jetzt gemessen werden im Körper, und an den PC übertragen werden, dann müssten hier richtig große Datenmengen auch entstehen."

Daniel Pugge, Sportwissenschaftler

"Das muss man sich genau vorhalten. Es geht keinerlei Signal von diesem Gerät in den PC hinein."

Prof. Walter Dorsch, Kinderarzt und Allergologe

Der Hersteller des Bioscan, das Institut Dr. Rilling, hat diesen Ergebnissen widersprochen, schon im Oktober ein Sachverständigen-Gutachten angekündigt, das bis heute nicht vorliegt. Mittlerweile hat das Regierungspräsidium Stuttgart Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Tübingen erstattet. Ein Ermittlungsverfahren ist eingeleitet.

Der „Globalscan“ kann nicht zwischen Leberkäse und Mensch unterscheiden

Zurück in der Praxis des Professors. Der Test des "Globalscan" ist abgeschlossen. Der Professor konnte die Testergebnisse fotografieren, ausgehändigt werden sie ihm nicht.  Auch der „Globalscan“, ein vom TÜV zertifiziertes Medizinprodukt, kann nicht zwischen Leberkäse und Mensch unterscheiden, liefert pseudomedizinische Befunde für Leberkäse, nassen Lappen und einen Metallstab.

"Wenn ich als Laie ein Medizingeräte benutze, wo drauf steht ‚TÜV validiert‘, dann glaube ich, dass das, was da rauskommt, auch valide ist und sinnvoll."

Prof. Walter Dorsch, Kinderarzt und Allergologe

Auf Nachfrage erklärt der TÜV Süd: "Die Zertifizierung schließt die auf der Homepage des Herstellers beschriebene Vitalfeld-Technologie nicht mit ein."

Zertifiziert ist Global Diagnostic zur Bestimmung der Fett, Wasser und Muskelanteile des Körpers. Ein anerkanntes Verfahren, das ähnlich auch moderne Körperfettwaagen verwenden. Damit lassen sich aber keine Aussagen über innere Organe und den Gesundheitszustand des Gesamtsystems machen.

Der Hersteller schreibt dazu: "Die medizinischen Anwendungen sind nach den entsprechenden Richtlinien zertifiziert, die Gesundheitsvorsorgeanwendungen erfüllen ebenfalls die einschlägigen Vorschriften."

Behörden haben Überprüfung eingeleitet

Auch im Fall Globalscan haben die zuständigen bayerischen Behörden eine Überprüfung eingeleitet.  Viel zu spät, meint Familie Willert.

"Das ist ja wie beim Dieselskandal..."

Hanno Willert. Betriebswirt

"Ja, das ist ein Mangel eines Gerätes, wenn es etwas vortäuscht, was es nicht kann."

Prof. Walter Dorsch, Kinderarzt und Allergologe

Zumindest konnte Professor Dorsch klären, was Robin fehlt. Der Junge hat eine Laktoseintoleranz, kann also Milchzucker nicht verarbeiten. Ein solcher Test ist übrigens Kassenleistung – teure Pseudomedizin ist dafür nicht notwendig. 


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