Report München


22

Die Welt an ihren Grenzen Was die wachsende Weltbevölkerung für uns bedeutet

Jahr für Jahr nimmt die Bevölkerung der Erde um mehr als 80 Millionen Menschen zu. Kein Grund zum Jubeln: Dieses enorme Bevölkerungswachstum bringt für Mensch und Natur enorme Probleme. Vor allem in Afrika wächst die Bevölkerung. Die Folge: Viele junge Afrikaner sehen in ihrem Land keine Zukunft und flüchten vor Armut und Perspektivlosigkeit. Kritiker sehen auch die europäische Entwicklungshilfe als eine der Ursachen.

Von: Fabian Mader

Stand: 19.03.2019

Afrikas Jugend sucht eine Perspektive - zuhause findet sie sie selten. Viele bringen sich in Lebensgefahr, denn die Bevölkerung wächst viel zu schnell.

"Es ist natürlich ein Tabuthema. Wer möchte sich schon in das Vermehrungsverhalten anderer Menschen oder anderer Nationen einmischen?"

Dr. Reiner Klingholz, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Bis 2050 wird sich Zahl der Bewohner Afrikas verdoppeln

Reiner Klingholz verfolgt in Berlin eine schwierige Mission. Er berät die Bundesregierung und will sie dazu bringen, ein heikles Thema anzupacken: Das rapide Bevölkerungswachstum in Afrika. Denn bis 2050 wird sich Zahl der Bewohner Afrikas verdoppeln. Von mehr als eine auf mehr als zwei Milliarden Menschen. Ausgerechnet die ärmsten Länder werden sich sogar nahezu oder ganz verdreifachen. Frauen im Niger bekommen im Schnitt 7 Kinder. Eine Chance, diese vielen Menschen zu ernähren oder in Jobs zu bringen, gibt es eigentlich nicht.

"Wenn man dann sagt: na gut, alle, die dort keine Beschäftigung haben, die können ja nach Europa gehen - das ist von den Zahlen her absolut undenkbar."

Dr. Reiner Klingholz, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Wir sind in Nairobi – der Hauptstadt von Kenia - Auch hier wird sich die Zahl der Einwohner bis 2050 verdoppeln. 60 Prozent der Bevölkerung lebt in solchen Großstädten in Slums. Gerade dort bekommen die Menschen besonders viele Kinder.

Dorcas lebt im Slum Kawangware mit ihren fünf Kindern. Drei sind zuhause, zwei gehen zur Schule. 100 Dollar im Monat hat sie, um die fünf Kinder zu ernähren. Sie liebt all ihre Kinder, sagt sie, aber:

"Mir wäre es lieber, ich hätte drei Kinder. Dann könnte ich ihnen ein gutes Leben ermöglichen. Oft sind die Schuluniformen zerrissen, und es schwierig, neue zu bekommen. Aber es war wohl Gottes Plan, dass ich fünf Kinder bekomme."

Dorcas

Dorcas hat keine Ausbildung, sie lebt vom Wäschewaschen. Vom Vater der Kinder bekommt sie keine Unterstützung. Zu viele Kinder haben weder ein eigenes Bett, noch echte Perspektiven. Das sieht auch Afrikas Verband der evangelischen Kirchen so. Der Grundsatz der Bibel: Seid fruchtbar und mehret euch, gilt nicht mehr uneingeschränkt - zumindest nicht in Afrika.

Was die wachsende Weltbevölkerung für uns bedeutet | Bild: BR

"Menschen dürfen nicht mehr Kinder bekommen, als die Erde ernähren kann."

Dr. Ref. Lydia Mwaniki, All African Conference of Churches (AACC)

"Keine Hilfszahlung der Welt wird die Menschen sonst hier halten"

Der Verband der evangelischen Kirchen startet eine neue Kampagne: Frauen sollen weniger Kinder bekommen, damit diese eine reale Chance haben. Ihre Mitgliedskirchen erreichen mehr als 100 Millionen Menschen, knapp die Hälfte der Christen in Afrika.

Entwicklungshilfeorganisationen sind bei dem Thema allerdings zurückhaltend – Bright Muwador vom Kirchenverband kann das nicht verstehen. Für ihn geht es nicht nur um Afrikas Zukunft.

"Wenn wir weiterhin immer mehr Menschen werden, als es unsere Ressourcen hergeben, werden sich diese nach Europa durchkämpfen. Deswegen hat Europa die Pflicht, die Überbevölkerung in Afrika zu bekämpfen. Keine Hilfszahlung der Welt wird die Menschen sonst hier halten."

Bright Muwador, stv. Generalsekretär AACC

Zu selten, findet er, investieren internationale Organisationen in Projekte, um das Bevölkerungswachstum zu bremsen. Eine Ausnahme ist dieses Jugendzentrum. Es wird unterstützt von der deutschen Stiftung Weltbevölkerung. Jugendliche werden dort zu Coaches ausgebildet. Sie wollen andere junge Mädchen in ihrem Viertel überzeugen, weniger Kinder zu bekommen. Und vor allem später damit anzufangen.

"Ich wurde schwanger mit 16. Das ist viel zu jung. Ich möchte andere Mädchen motivieren, Verhütungsmethoden zu benutzen. Ich möchte nicht, dass sie den Fehler wiederholen, den ich gemacht habe."

Maggy

Die 19-Jährige nimmt zwei Freundinnen mit auf ihre Tour. Es geht durch eine ärmliche Gegend von Nairobi. Sie wollen Jugendlichen zeigen, wie sie verhüten können. Denn davon wissen die meisten wenig. Die Jungs sind zunächst skeptisch. Aber dann kann Maggie einen der Jüngsten doch noch überzeugen.

"Ich habe mit so vielen Menschen gesprochen, ich hoffe einfach, dass sie die Verhütungsmethoden nutzen und ihre Familien planen."

Maggy

Deutsche Unternehmen investieren kaum in Afrika

Nicht nur Kurse in Familienplanung könnten helfen. Das mächtigste Mittel sind wirtschaftliche Entwicklung und Bildung. Studien zeigen: Wenn Frauen eine weiterführende Schule besucht haben, bekommen sie im Durchschnitt 2 Kinder weniger. Genau da setzt Code Pamoja an. Die Initiative bringt Softwareentwickler aus Nairobi mit Programmierern aus den Niederlanden zusammen. Sie arbeiten für eine Zeit gemeinsam an Aufträgen. Afrikanische Studenten wie Martha lernen dabei vor allem, große Projekte zu managen.

"Ich habe jetzt eine ganz andere Grundlage in meinem Beruf. Die Kunden können mir vertrauen."

Martha Mwangi, Software-Entwicklerin

Martha programmiert jetzt ein Online-Tool für die kenianische Regierung. Früher hätte sie sich das nicht zugetraut. Jobs schaffen und Bildung verbessern. Das sind für Reiner Klingholz die besten Mittel, um das Bevölkerungswachstum zu bewältigen.

"Man hätte viel mehr in Bildung investieren müssen. Man hätte viel mehr investieren müssen in den Aufbau von Unternehmen. Und zwar nicht, dass man von Deutschland aus kommt und sagt, hier bauen wir mal ein Unternehmen auf. Sondern dass die Möglichkeiten entstehen, in diesen Ländern, aus eigener Kraft Unternehmen aufzubauen."

Dr. Reiner Klingholz, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Entwicklungshilfe hat sich lange darauf konzentriert, Not und Hunger zu bekämpfen. Mit großem Erfolg – immer mehr Menschen erreichen ein höheres Alter. Aber dieser Erfolg wirft nun neue Fragen auf.

"Man könnte fast sagen: das ist der Fluch der guten Tat. Also diese humanitären Hilfen hat man aus guten Gründen getan. Um zu verhindern, dass die Menschen sterben. Aber das reicht nicht für Entwicklung, sondern man muss eben nicht nur verhindern, dass sie sterben, sondern man muss sie auch befähigen, sich um ihre eigene Zukunft zu kümmern."

Dr. Reiner Kleinholz, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Der Bundesentwicklungsminister hat das Thema durchaus erkannt – sein Ministerium verweist auf Projekte, die Bildung fördern, auch die Wirtschaft soll mehr in Afrika investieren. Der Erfolg ist bislang überschaubar. Nur 1 Prozent der Auslands-Investitionen deutscher Unternehmen gehen nach Afrika.

Dabei lässt sich auch die Migration langfristig nur mit besseren Jobchancen in den Griff bekommen – sagt der Vorsitzende des Afrikavereins der deutschen Wirtschaft.

"Wir müssen doch dafür sorgen, dass sie zuhause bleiben wollen. Weil dort etwas Spannendes passiert, weil sie ihre Familie ernähren können, weil sie zur Entwicklung ihres Landes beitragen können. Und dafür braucht es diese Investitionen."

Dr. Stefan Liebing, Vors. Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft

Das Bevölkerungswachstum in Afrika, ein heikles, und schwieriges Thema - auf Dauer wird sich diese Herausforderung für Europa nicht verdrängen lassen.


22