Report München


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Zerlumpt, verarmt, am Rande der Gesellschaft Auf den Spuren einer Bettlerfamilie

Sie kommen gemeinsam, jeder steuert seine Straßenecke an, legt eine Decke über die Beine und harrt aus – in der Hoffnung, dass Passanten Geld in den Pappbecher werfen. Genauso schnell wie sie gekommen sind, verschwinden sie auch wieder. Alle gemeinsam. Wo gehen diese Menschen hin, wer sind sie, steckt organisierte Kriminalität dahinter? report München ist den Bettlern gefolgt.

Von: Anna Tillack

Stand: 26.02.2019

An dieser Straßenecke sehe ich die junge Frau zum ersten Mal. Heute hat es minus 7 Grad. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nichts von ihr. Mehrere Tage beobachte ich sie und die anderen Bettler. Sie sitzen überall im Viertel, kommen und gehen gemeinsam. Abends trifft sich die Gruppe am Hauptbahnhof. Alle scheinen sich zu kennen. Warum sind sie hier und wo kommen sie her?

Sie fahren zu einer Kaserne im Münchner Norden, dort stellt die Stadt kostenlos Schlafplätze zur Verfügung, das hat sich offenbar herumgesprochen. Diese Männer kommen alle aus der gleichen Gemeinde erzählen sie, sind verwandt, verschwägert, Nachbarn, Cousins. Inmitten all der Menschen erkenne ich die junge Frau aus meinem Viertel wieder. Sie heißt Narcisa, wie die Narzisse, ist 21 Jahre alt und zusammen mit ihrer Schwester hier.

"Wir kommen nicht hierher, um für andere zu betteln, wir kommen um für uns ein bisschen Geld zu verdienen, in Rumänien können wir von nichts leben. Ich zum Beispiel bin alleine. Mein Mann ist im Knast, man hat ihm 4 Jahre und 8 Monate gegeben. Er hat illegal Holz geschlagen, man hat ihn erwischt und eingesperrt. Und jetzt bin ich alleine und weil ich keine Arbeit habe um meine Kinder zu ernähren, komme ich hierher."

Narcisa

Narcisas Söhne sind 4 und 6 Jahre alt. Jedes Jahr fährt sie mehrmals für einige Wochen zum Betteln nach München. Das Geld versteckt sie in ihrem BH, rund 500 Euro in fünf Wochen, viel mehr, als sie in Rumänien jemals verdienen könnte, sagt sie. An ihrem üblichen Platz treffe ich sie.

Keine Belege für eine Bettelmafia

Egal wie es ihr geht, egal bei welchem Wetter - sie sitzt immer hier. So grotesk es klingt – es ist ihre Arbeit … und die ist für heute zu Ende. Eine Streife der Sicherheitswacht fordert sie auf zu gehen. Ich will wissen, was sie falsch gemacht hat, denn sogenanntes stummes Betteln ist in München erlaubt. Die Sicherheitswacht will nicht gefilmt werden, erklärt mir aber, wenn jemand den Becher hochhebe und Leute anspreche, sei das aggressives Betteln und das sei verboten. Sie sei außerdem in der Bettelmafia, wie die anderen hier auch. Das Gerücht von einer sogenannten Bettelmafia geistert schon lange herum. Belege gibt es dafür keine, sagt uns auch die Polizei. Um der Sache auf den Grund zu gehen, muss ich nach Rumänien.

Südrumänien, zwei Stunden entfernt von der Hauptstadt Bukarest. Irgendwo hier soll Narcisa mit ihrer Familie leben. Ein Kleinbus bringt sie von München zurück in die Heimat, wann er genau ankommt und ob wir sie wirklich treffen, ist völlig unklar. Am nächsten Morgen endlich Kontakt per sms. Narcisa nennt uns einen Parkplatz am Rande einer Kleinstadt, hier sollen wir auf sie warten. Dann sehen wir sie am Straßenrand. 24 Stunden ist sie jetzt unterwegs.

"Auf der Reise konnte ich kaum Schlafen. Ich konnte nicht wegen der Gedanken - die Kinder, kommen wir sicher an... Ich betete zu Gott, dass wir sicher ankommen. Da wo wir herkommen, das ist so weit weg von zuhause..."

Narcisa

Die letzten 4 Kilometer bis zu ihrem Dorf muss sie zu Fuß gehen. 5 Wochen war Narcisa nicht mehr zuhause...

Bilder wie aus der Dritten Welt - in der EU

"Ich hoffe es sind keine Mäuse im Haus. Ich habe ein paar Wannen auf den Dachboden gestellt, weil es durchs Dach regnet. Ich hoffe es ist kein Wasser reingelaufen … Ich kann es kaum erwarten meine Kinder zu sehen, sie fehlen mir!"

Narcisa

Der Weg zum Romadorf ist beschwerlich. Bilder wie aus der Dritten Welt, doch wir sind immer noch in der EU.

"Niemand hilft uns, der Staat hilft uns nicht! Wenn wir die Rettung rufen kommt sie hier nicht an. Wenn Sie auf dieser Straße 5 Kilometer eine kranke oder schwangere Person transportieren können, ok, wenn nicht stirbt sie hier. Frauen haben hier schon im Pferdekarren entbunden!"

Dorfbewohner

"Wenn wir nicht nach Deutschland gehen, dann verhungern wir."

Dorfbewohnerin

Als wir fragen, wer von ihnen München kennt, wissen alle Bescheid. Insgesamt 30 Menschen aus dem kleinen Dorf fahren wie Narcisa regelmäßig zum Betteln hin.

"In Rumänien gibt es schon Arbeit, aber die Bezahlung ist schlecht. Es sind rund 210 Euro im Monat. Wegen dieser Jobs geht es uns so schlecht. Und dann die Anbindung! Hier kommt man nicht rein und raus…"

Dorfbewohner

Narcisa ist inzwischen bei ihrer Familie angekommen. Jetzt muss sie schauen, dass alles wieder in Gang kommt. Doch überall hat es durchs Dach geregnet. Auch das Holz ist nass, es wird einfach nicht warm in der Hütte.

Zuhause

Narcisa: „Wie geht's dir, alles ok?“
Kind: „Ja.“
Narcisa: „Hast du Mami vermisst?“
Kind: „Ja.“
Narcisa: „Hast du Mami auch vermisst?“
Älteres Kind: „Ja.“
Narcisa: „Ist euch kalt? Es dauert, bis es warm wird…“

Im Narcisas Leben gibt es keine Heizung, kein Warmwasser, keinen Job.

"Wenn kein Getreide und keine Kartoffeln mehr da sind, wenn die Kinder und ich verhungern, dann fahre ich wieder nach München... In Deutschland ist das Leben lebenswert. Wenn es regnet, ändert sich nichts. Auch nicht, wenn es eine Woche lang regnet. Wenn es hier eine Woche lang regnet werden wir alle weggespült."

Narcisa

Meistens dauert es 4 Wochen, dann ist das Geld weg und sie muss ihre Kinder und ihr Dorf wieder verlassen. In eine Welt wie sie unterschiedlicher nicht sein könnte. Als ich nach München zurückkomme, wird es gerade zum ersten Mal Frühling. Und Narcisas Platz ist schon wieder besetzt.

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