Report München


29

Deutsche Bahn Schienen-Abriss statt Verkehrswende

In Zeiten des Klimawandels stellt sich die Frage einer sinnvollen Verkehrswende. Viele Menschen fordern einen Ausbau des Schienennetzes, dabei gibt es vielerorts Strecken, die genutzt werden könnten: Allein in den letzten 25 Jahren wurden 3600 Kilometer im Personenverkehr stillgelegt. Experten meinen, ein Großteil davon könnte ohne größeren Aufwand reaktiviert werden.

Von: Sebastian Kemnitzer, Fabian Mader

Stand: 17.09.2019

Eigentlich dürfte dieser Zug hier gar nicht mehr fahren. Die Bahn hat die Ilztalbahn zwischen Passau und Freyung vor Jahren aufgegeben. Aber Friedrich Papke und seine Mitstreiter leihen jedes Wochenende einen Zug aus - und betreiben die Strecke im Bayerischen Wald. Und das ehrenamtlich.

"Es ist verrückt, aber es macht Spaß. Es macht einfach wahnsinnig viel Spaß und ich könnte nicht damit aufhören."

Friedrich Papke, ehrenamtlicher Zugbegleiter

Auch Stefan Froschermaier fährt hier ohne Bezahlung - eigentlich ist er Arzt und führt eine urologische Praxis. Die Ausbildung zum Lokführer hat er nebenbei gemacht. Sein Ziel: Die Bahn soll die Strecke auch während der Woche wieder regulär betreiben.

Schienen-Abriss statt Verkehrswende | Bild: BR

"Der LKW-Verkehr hier hat inzwischen eine Dimension erreicht, muss man sagen, wo Autofahren keinen Spaß mehr macht und mir tun die Pendler leid, die jeden Tag hier im Stau stehen und hinter LKW herschleichen müssen."

Stefan Froschermaier, Urologe und Lokführer

Davon, dass wieder ein Zug fährt, ist das Lumdatal in Hessen noch weit entfernt. Seit gut 20 Jahren kämpfen Kerstin Lotz und ihre Mitstreiter um die Strecke, die kleinere Ortschaften an Gießen anschließen soll. In ihrer Freizeit befreien sie die Gleise von Gestrüpp - damit sie nicht verrotten.

"Ich hab Angst, dass halt die Region komplett abgehängt wird. Das ist ja mittlerweile schon auch ein bisschen so der Fall. Ich möchte einfach die Lebensqualität für die Menschen hier vor Ort, versuchen mit der Kombination aus Bus und Bahn zu steigern. Und wir haben halt dieses Juwel hier wirklich liegen. Wir brauchen es nicht mehr hinlegen wir müssen es – wie ich es so schön sage - nur ein bisschen aufpolieren"

Kerstin Lotz, Lumdatalbahn e.V.

3600 Kilometer stillgelegte Strecken in 25 Jahren

Ein Gutachten hat ihnen nun bescheinigt, dass ein Betrieb für die Strecke umsetzbar wäre, jetzt warten sie seit Monaten auf Ergebnisse aus einem Ingenieurbüro.

Schienen-Abriss statt Verkehrswende | Bild: BR

Überall in Deutschland gibt es Bürger wie Kerstin Lotz, die für die Reaktivierung von Bahnstrecken kämpfen. Oft wurden die Strecken in den 80er- und 90er- Jahren stillgelegt, als Bahnfahren nicht mehr en vogue war. Allein in den letzten 25 Jahren wurden 3600 Kilometer im Personenverkehr stillgelegt – und nur wenige dieser Strecken reaktiviert. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen hält die Stilllegungen der vergangenen Jahre für einen großen Fehler. Die CO2-Emissionen im Verkehrssektor müssten schließlich dringend sinken.

"Die Klimaziele, die die Bundesregierung sich vorgenommen hat, werden ohne diese notwendigen Reaktivierungen der Strecken gar nicht zu erreichen sein."

Joachim Berends, Vizepräsident VDV

Der Verband sieht das Potenzial, mit relativ wenig Aufwand rund 3.000 Kilometer Bahnstrecke in Deutschland zu reaktivieren. Einfach wird das aber nicht. Zurück in Niederbayern. Urologe Stefan Froschermaier will, dass die Bahn zwischen Passau und Freyung wieder regulär während der Woche fährt.

"Ich sehe ja, was hier am Wochenende zum Teil los ist. Wir haben Züge dabei, wo es nur noch Stehplätze gibt und ich kann mir vorstellen, wenn das unter der Woche gut organisiert ist, Parkmöglichkeiten an den Bahnhöfen bestehen, dass viele den Zug gerne nutzen."

Dr. Stefan Froschermaier, Urologe und Lokführer

Keine Priorität - trotz Klimazielen?

Damit das Land Bayern die Strecke reaktiviert, brauchen die Aktivisten ein unabhängiges Gutachten. Und da gibt es ein Problem. Denn die Strecke führt durch zwei Landkreise nach Passau. Die Stadt und ein Landkreis wollen die Analyse erstellen lassen, um zu sehen, ob sich der Zugverkehr unter der Woche lohnen würde -  aber der zweite Landkreis stellt sich bislang quer - er fürchtet Folgen für den Busverkehr. Und vom zuständigen Verkehrsministerium in München heißt es, man prüfe nur, wenn vor Ort Einigkeit herrsche.

Schienen-Abriss statt Verkehrswende | Bild: BR

"Wir arbeiten hier seit 9 Jahren ehrenamtlich und es kommt quasi keine Anerkennung dafür, dass wir hier arbeiten, in unserer Freizeit, im Gegenteil, wir werden nur ausgebremst…"

Friedrich Papke, Ehrenamtlicher Zugbegleiter

Nicht nur an den Behörden hängt es manchmal - auch für die Deutsche Bahn hat die Reaktivierung von Strecken offenbar oft keine Priorität. Im Norden Bayerns gibt es Streit um die Steigerwaldbahn - die Strecke zwischen Schweinfurth und Kitzingen.

Auch hier setzen sich Bürger für die Reaktivierung ein - andere sind dagegen - manche haben Häuser nah an die Gleise gebaut. Die Bahn hat nun Tatsachen geschaffen. Sie hat den Großteil der Trasse im Sommer kurzerhand an eine Gleisrückbau-Firma verkauft. Dabei haben mehrere Gutachten gezeigt, dass sich eine Reaktivierung lohnen könnte.

"Im Laufe der Jahre – man härtet ein bisschen ab. Man ist den Kummer gewöhnt. Der Verkauf jetzt an den Schrotthändler ist natürlich die Krönung des Ganzen, wo du sagst: Kann eigentlich gar nicht sein, das macht überhaupt keinen Sinn."

Dietmar Parakenings, Förderverein 'Steigerwald-Express'

Noch hat er Hoffnung - denn die Behörden müssten der Trasse erst ihren formalen Status als Verkehrsweg entziehen. Erst dann darf der Käufer hier alles abreißen. Zurück im Lumdatal bei Kerstin Lotz und ihren Mitstreitern. Sie wollen verhindern, dass die Bahn auch ihre Trasse zu Schrott erklärt - deshalb halten sie die Strecke in Schuss.

Schienen-Abriss statt Verkehrswende | Bild: BR

"Das ist keine Eisenbahnromantik oder irgendwie - Nostalgie. Definitiv nicht. Ich will, dass der Zug hier wirklich fährt und das nicht erst in 10 Jahren."

Kerstin Lotz, Lumdatalbahn e.V.

Nicht jede stillgelegte Bahnstrecke in Deutschland hat das Potenzial, wiederbelebt zu werden. Doch es ist die Pflicht der Politik, vorhandene Potenziale zu erkennen und dann schnell zu handeln.

Manuskript zum Druck

Manuskript als PDF:


29