Report München


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Kaum Rente trotz lebenslanger Arbeit Die vernachlässigten Aussiedler

Millionen Aussiedler und Spätaussiedler sind die vergangenen Jahrzehnte nach Deutschland gekommen. Sie haben oft noch viele Jahre gearbeitet. Im Alter werden viele nun von den Kürzungen der Rentenansprüche überrascht. Teils um 40 Prozent. So will es das Fremdrentengesetz seit den 90er Jahren. Für die Betroffenen eine große Ungerechtigkeit. Die Aussiedler hoffen nun auf ein Zeichen aus Berlin und auf eine Anerkennung ihrer Lebensleistung.

Von: Melanie Boeff

Stand: 23.10.2018

Das Alte Schauspiel in Stuttgart. Hier war Ritta Apfelbach-Kartmann schon lange nicht mehr, obwohl sie gerne würde. Und sie sogar selbst früher Theaterschauspielerin war. 

"Aber es ist so, dass ich das finanziell nicht gebacken kriege. Denn wenn wir zu zweit hingehen, dann sind 60 Euro weg."

Ritta Apfelbach-Kartmann

Ins Theater gehen ist für sie Luxus geworden. Das Problem: Ihre kleine Rente. Pro Monat bekommt sie rund 900 Euro. So steht es ihrem ersten Rentenbescheid. Aber da steht auch noch etwas Anderes:

"Nach derzeitiger Rechtslage ist es so, dass Sie nach dem Fremdrentengesetz vorgemerkte Zeiten nur zu 60 Prozent berücksichtigt bekommen."

Ritta Apfelbach-Kartmann

Ritta Apfelbach-Kartmann ist Aussiedlerin aus Rumänien. 1989 kam sie nach Deutschland.

Wie sie kamen über die vergangenen Jahrzehnte zahlreiche deutsche Aussiedler und Spätaussiedler nach Deutschland. Die meisten aus Polen, viele andere stammten aus Russland und Kasachstan. Aber auch Rumänien zählt zu den wichtigsten Herkunftsländern. Seit 1950 waren es rund 4,5 Millionen Menschen.

Seit 1996 haben Hunderttausende von ihnen ein Problem: Eine Reform des Fremdrentengesetzes kürzte ihre Ansprüche.

"In meinem Fall sind es zum Beispiel vierzehn Jahre in Rumänien, die nur zu 60 Prozent berücksichtigt werden, die 25 Jahre, die ich beim Diakonischen Werk Württemberg gearbeitet habe, werden zu hundert Prozent anerkannt."

Ritta Apfelbach-Kartmann

Rund 780.000 Renten von Kürzungen betroffen

Es gibt zwei Gruppen von Betroffenen: Wer nach 1996 in Rente gegangen ist bekommt nur 60 Prozent der Arbeitsleistung im Herkunftsland anerkannt. Bei allen, die nach 1996 nach Deutschland zugezogen sind, wurde die Rente gedeckelt: auf maximal 800 Euro. Nach Zahlen der Deutschen Rentenversicherung sind rund 780.000 Renten von diesen Kürzungen betroffen.

Darunter fällt auch Ernst Vogel. Er ist 79 Jahre alt und stammt aus Rumänien. In einem Mietshaus in München ist er Hausmeister. Obwohl er schon 50 Jahre lang LKW-Fahrer war. Viermal die Woche arbeitet er hier – um sich seine Rente aufzubessern.

"Nicht, dass alles auf null ist am Monatsende. Das finde ich schon ungerecht. Weil vielleicht die, die zehn Jahre vor mir in Rente gegangen sind, wurden nicht betroffen. Und warum ich? Warum ist das dann ein Unterschied?"

Ernst Vogel

Rückblick. Als Aussiedler und Spätaussiedler in Deutschland ankamen, sollten sie eigentlich bei der Rente so behandelt werden, als hätten sie immer schon in die deutsche Rentenkasse eingezahlt.

Und die meisten von ihnen kamen hier an. Das Grenzdurchgangslager Friedland in Niedersachsen. Hier findet eine Gedenkveranstaltung der Russlanddeutschen statt. Mit dabei: Bernd Fabritius – der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen. Er bekommt den Unmut zuerst ab.

"Ich meine, das ist ungerecht wenn wir uns was zu Schulden gekommen hätten, dann muss man das offen sagen, aber wir haben uns nichts zu Schulden kommen lassen – wir sind hergekommen und damals wurde nicht gesagt, dass hier das und das gekürzt wird."

Ein Betroffener

"Die Menschen verstehen es nicht, dass letztlich die Kinder sie dann unterstützen müssen, wo die ja bereits einen eigenen Beitrag in die Rentenkasse leisten."

Bernd Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten

Wir treffen in Friedland auch Olga Becker. Sie kommt aus Kasachstan.

"1995 sind wir nach Deutschland gekommen und die erste Station war hier in Friedland. Wir sind hier angekommen und wohnten in diesen Baracken. In der Nummer 15."

Olga Becker

In Kasachstan hat sie 25 Jahre lang als Lehrerin unterrichtet. Doch hier wurde ihre Berufsausbildung nicht anerkannt. In drei Jahren geht sie in Rente. Dann bekommt Olga Becker 630 Euro pro Monat.

"Natürlich kann man von dieser Rente nicht leben. Ich hoffe, dass mein Mann noch lange lebt und mich unterstützt mit meiner Rente komme ich natürlich nicht weiter."

Olga Becker

Olga Becker ist enttäuscht. Was wird sich künftig für die Betroffenen ändern? Im Koalitionsvertrag heißt es, man wolle prüfen, ob ein Ausgleich für die Aussiedler und Spätaussiedler durch eine Fondslösung möglich ist. Wir fragen beim Sozialministerium in Berlin nach. Die Antwort: „Zu der im Koalitionsvertrag genannten Prüfung für Spätaussiedler gibt es noch keine Festlegungen.“ Für die Rentnerin und Spätaussiedlerin Ritta Apfelbach-Kartmann ist das zu wenig.

"Sind wir gleichberechtigte Staatsbürger oder sind wir Staatsbürger zweiter Klasse? Ich habe viel darüber nachgedacht: Ich finde das diskriminierend."

Ritta Apfelbach-Kartmann

Die Schauspielerin hat die Hoffnung trotzdem noch nicht aufgegeben. Damit sie sich die Theaterbühne irgendwann nicht mehr nur auf alten Fotos anschauen muss.

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