Report München


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80 Jahre nach Kriegsbeginn Die letzten Zeitzeugen erinnern sich

Deutschland, August 1939. Der letzte Sommer vor dem Zweiten Weltkrieg. Viele Familien machen Urlaub, doch die Ruhe ist trügerisch, denn die Politik der Nationalsozialisten wird immer aggressiver. Am frühen Morgen des 1. September überfällt die Wehrmacht Polen. Sechs Jahre Krieg beginnen. Im Interview mit report München blicken drei Zeitzeugen zurück: Der ehemalige SPD-Bundesvorsitzende und Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, der israelische Antisemitismusforscher Yehuda Bauer und die frühere Bundeswissenschaftsministerin und CDU-Politikerin Dorothee Wilms.

Von: Stefan Meining, Markus Rosch

Stand: 27.08.2019

Deutschland, Ende August 1939: Der letzte Sommer vor dem Weltkrieg. Seltene Farbaufnahmen. Wer kann, macht Urlaub. Doch die Ruhe ist trügerisch, denn die Politik der Nationalsozialisten wird immer aggressiver. 

"Ich war mit meinen Eltern im Urlaub, wir waren in Tirol. In Grän, das ist am Haldensee in der Nähe. Und wir haben die Tage dort vorher auch erlebt. Und nach dem Abkommen zwischen Hitler und Stalin, war ein Moment die allgemeine Hoffnung, es kommt nicht zum Kriege."

Hans-Jochen Vogel, ehemaliger SPD-Vorsitzender

Dann, am frühen Morgen des 1. September überfällt die Wehrmacht Polen. In den Urlaubsorten verfolgen die Deutschen Hitlers Kriegshetze am Radio: "Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen." (Adolf Hitler, 1. September)

Keinen Jubel gibt es in der Ferienwohnung der Familie des damals 13 Jahre alten Hans-Jochen Vogel.

"Es war schon eher eine gedrückte Stimmung. Mein Vater hat ja am Ersten Weltkrieg teilgenommen, war vier ihr jahrelang Soldat im Ersten Weltkrieg und hatte vom Krieg eine sehr präzise und sehr negative Einstellung."

Hans-Jochen Vogel, ehemaliger SPD-Vorsitzender

Die damals 9-jährige Dorothee Wilms sitzt mit ihren Eltern im Schwarzwald den ganzen Tag gebannt vor dem Radio:

"Mein Vater drängte sofort auf Rückkehr, weil er Sorge hatte, dass wir nicht mehr nach Hause kommen; dass das Auto vielleicht beschlagnahmt wird oder, dass es Straßensperren gibt und so weiter! Und so sind wir nach Hause und das ist eigentlich meine Erinnerung an den Kriegsanfang: eine völlig überstürzte Rückkehr nach Hause."

Dorothee Wilms, Bundesministerin a.D.

Der Krieg stellte entscheidende Weichen für ihr Leben

Dorothee Wilms ist Jahrgang 1929. Nach dem Krieg macht sie eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Karriere: Die CDU-Politikerin wird erste Geschäftsführerin der Unionsfraktion im Bundestag und einzige Bundesministerin im ersten Kabinett Kohl. Der Krieg stellte entscheidende Weichen für ihr Leben.

"Wenn Sie den 1. September symbolhaft nehmen: Das war der Beginn eines Krieges, der mich als Kind und jungen Menschen außerordentlich geprägt hat und der in mir den dringenden Wunsch geweckt und hat wachsen lassen, dass die Menschen doch bitte friedlich und freundlich miteinander leben sollten und dass sie auch ihre vorhandenen Konflikte auf rationale Weise aushandeln und ausleben und nicht in kämpferischer Weise."

Dorothee Wilms, Bundesministerin a.D.

Schicksalstag 1. September. Hans-Jochen Vogel hat die eigenartige Stimmung noch gut in Erinnerung.

"Es gab auch keinen lauten Protest. Denn Hitler war ja bis dahin in seiner Außenpolitik, auch in seiner Außenpolitik mit militärischem Zwang und Druck sehr erfolgreich gewesen."

Hans Jochen Vogel, ehemaliger SPD-Vorsitzender

In Jerusalem erinnert sich der 93-jährige Yehuda Bauer. Ihm gelingt es damals gerade noch dem Kriegswahnsinn zu entkommen: Mit seinen Eltern flieht er aus Prag nach Palästina. Stunden später marschieren die Nazis ein.

"Wir fuhren in der Nacht vom 14. zum 15. März 1939. In der Nacht waren die Deutschen schon im Mährisch-Ostrau. Wir gingen von Mährisch-Ostrau nach Polen. Ich verstand das ziemlich genau, soweit ein Kind das verstehen konnte, ich verstand das ganz genau, dass die Deutschen die Feinde der Juden sind und dass wir bedroht sind."

Yehuda Bauer, Antisemitismusforscher

Der Krieg wird immer brutaler, auch für Hans-Jochen Vogel. 1943 mit nur 17 Jahren muss er zur Wehrmacht, muss an die Ostfront.

"Frieden nicht für selbstverständlich halten"

"Es gehört zu den wichtigsten Erlebnissen meines Lebens, dass ich selber Soldat war, den Krieg erlebt habe und wissen Sie, wenn einer, der gerade eben mit einem geredet hat, dann plötzlich tot neben einem liegt - das ist etwas, was man nie vergisst."

Hans Jochen Vogel, ehemaliger SPD-Vorsitzender

Für Dorothee Wilms sind es vor allem die ständigen Luftangriffe, die sie nie vergessen wird.

"Der Luftkrieg und der Bombenkrieg ist für mich das Kriegserlebnis schlechthin und hat mich auch geprägt, weil wir nächtelang im Keller gesessen sind; und immer, wenn nachts Alarm gewesen ist, fing die Schule erst um 10 Uhr an; und ich habe später oft spöttisch gesagt, wenn mir irgendwann ein Wissen fehlte: ‚Da habe ich gerade im Keller gesessen!‘ - Als das gelehrt wurde. Also ich habe wirklich dann gerade in den letzten Monaten des Sommers 1944 auch die Tagesangriffe der gegnerischen Luftwaffe, also der Engländer und der Amerikaner hautnah erlebt. Und die Tagesangriffe waren ebenso, dass Jagdbomber über die Orte flogen, über die Straßen flogen im Tiefflug und alles mit dem Maschinengewehr niedermähten, was sich bewegte."

Dorothee Wilms, Bundesministerin a.D.

Zu dieser Zeit kämpft Yehuda Bauer, heute ein berühmter Antisemitismus-Forscher, für die Unabhängigkeit Palästinas in der jüdischen Untergrundarmee. Und fürchtet selbst dort die Deutschen.

"Als der Rommel vor den Toren stand 1942 und die Bedrohung da war, dass die Deutschen Palästina erobern werden, kam mein Vater nach Hause und sagte, ich habe ein Gewehr, wenn die Deutschen nach Palästina einmarschieren, gehen wir hinauf auf den Berg, den Carmel, lebendig fallen wir den Deutschen nicht in die Hände."

Yehuda Bauer, Antisemitismusforscher

Eine schlimme Zeit, mit furchtbaren Erinnerungen. Auch deshalb wird Hans Jochen Vogel Politiker. Er tritt in die SPD ein, wird Oberbürgermeister von München, Regierender Bürgermeister von Berlin, SPD-Vorsitzender und Kanzlerkandidat. Für Frieden und Freiheit streitet der 93-jährige bis heute.

"Und deswegen gehöre ich zu denen, die Frieden nicht für selbstverständlich halten und ich habe in all meinen Funktionen, habe ich mich für das Erinnern an die Verbrechen der Vergangenheit und für den Frieden eingesetzt. Und da stand mir das, was am 1. September 1939 begonnen hat, der Krieg, jederzeit auf Abruf vor Augen."

Hans Jochen Vogel, ehemaliger SPD-Vorsitzender

Bis heute?

"Bis heute. Ja!"

Hans Jochen Vogel, ehemaliger SPD-Vorsitzender

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