Report München


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Beleidigt, beschimpft, belogen Apotheker im Fadenkreuz von Impfgegnern

Ohne an die Folgen zu denken, beauftragte die Politik Deutschlands Apotheken, Impfausweise zu kontrollieren und elektronisch zu registrieren. Inzwischen ist klar, dass massenhaft versucht wurde und wird, Apotheken falsche Zertifikate vorzulegen. Immer öfter schreitet dann die Polizei ein. Stellen die Apotheker diese Personen zur Rede, dann werden nicht selten Impfpass-Betrüger aggressiv. report München war bei Apotheken und begleitete die Polizei bei der Suche nach Impfpassbetrügern.

Von: Benedikt Nabben, Sabina Wolf

Stand: 11.01.2022

Neuerdings beschleicht Christina Wallrabe ein mulmiges Gefühl, wenn sie in ihre Apotheke fährt. Der Grund: Sie stellt digitale Impfzertifikate aus – und bekommt es immer wieder mit teils aggressiven Impfgegnern zu tun:

"Wenn ich die Impfausweise selbst ausstelle oder ich entdecke einen gefälschten Impfausweis, dann mach mich das mittlerweile nervös. [...] Es entwickeln sich ja doch Ängste, seitdem ich diesen Übergriff erfahren habe.."

Christina Wallrabe, Pharmazeutisch-technische Assistentin

Diesen Tag wird Christina Wallrabe nie vergessen - vor einigen Wochen in ihrer Apotheke in Dortmund:

"Mir wurde der Impfausweis hier durchgeschoben. Ich habe sofort erkannt, dass das eine Fälschung ist. Und ich habe zu ihm gesagt, er hat die Möglichkeit, die Apotheke zu verlassen, der Impfausweis bleibt hier oder ich rufe die Polizei. Damit war der junge Mann nicht einverstanden und wollte mir eigentlich den Impfausweis entreißen. Ich hatte ihn aber in der linken Hand, war schon mit dem Rücken zu ihm gedreht, und in dem Moment hatte er mir den, die Hand auf den Rücken gedreht. Und dann hat er mir noch mal den Arm hochgezogen, dass ich wirklich nur noch gebeugt nach unten stehen konnte."

Christina Wallrabe, Pharmazeutisch-technische Assistentin

Ein Kunde eilt ihr zu Hilfe. Der Täter flüchtet. Christina Wallrabe kann den Ausweis sichern. Sie erstattet Anzeige wegen Körperverletzung. Dutzendfach muss sie täglich gelbe Impfausweise prüfen – und Fälschungen aus dem Verkehr ziehen.

"Also das ist jetzt ein Potpourri an gefälschten Pässen. Wir konnten jetzt nicht alle behalten, weil die Leute auch teilweise vorne sehr aggressiv reagieren."

Christina Wallrabe, Pharmazeutisch-technische Assistentin

Alarmierender Trend

Kein Einzelfall: Viele Apotheken gehen aus völlig nachvollziehbaren Gründen diesem Streit aus dem Weg und geben die Impfpässe wieder zurück. Ohne Anruf bei der Polizei. Ein Problem für die Ermittler:

"Wir haben viele Apotheken, wo wir sehr viele Impfausweise von bekommen. Wir müssen aber auch ganz klar sagen, von einigen Apotheken bekommen wir keine Impfausweise, und wir gehen aktuell davon aus, dass die Dunkelziffer sehr, sehr hoch ist und dass wir tatsächlich hier nur die Spitze des Eisberges tatsächlich mitbekommen."

Gunnar Wortmann, Polizei Dortmund

Trotzdem: Die Zahlen zeigen einen alarmierenden Trend - in den meisten Bundesländern verdoppeln sich die Anzeigen wegen gefälschter Impfausweise seit Herbst vergangenen Jahres - pro Monat. 

Und führen zu Durchsuchungen. Beispiel Polizeipräsidium Augsburg Nord: Was hier geschieht, ist nur möglich, weil sich mutige Apotheker meldeten. Wir begleiten die Beamten von Kriminalpolizei und Einsatzhundertschaft:

"Man muss damit rechnen, dass wir ohne, dass es der Betroffene weiß, einen Durchsuchungsbeschluss erwirken und dann kommen wir eines Tages, so wie heute, unangemeldet an, und durchsuchen die Wohnung nach einem Impfausweis."

Martin Gleber, Polizei Augsburg, Leiter Betrugskommissariat   

Fälschungen schwer zu erkennen

Es geht los. Mehrfach pro Woche machen sich die Beamten inzwischen auf die Jagd nach gefälschten Impfdokumenten.

"Ein Erfolg ist es für uns, wenn wir aus der Sache unverletzt wieder zurückkommen und wenn sich die Sache bestätigt und wir am Ende sichergestellte Impfausweise haben, dann ist das für uns ein Erfolgserlebnis."

Polizist, Polizei Augsburg

Am Einsatzort dürfen wir aus Datenschutzgründen nicht filmen. Aber schon in wenigen Minuten werden die Polizisten zurück sein. Doch zunächst zur City-Apotheke in Ludwigshafen. Mit zunehmend ungutem Gefühl stellt auch Apotheker Volker Fehst digitale Impfzertifikate aus. Ob ein gelber Impfpass echt oder gefälscht ist, ist manchmal sehr schwer festzustellen:

"Es gibt Merkmale, die haben wir uns aber auch selbst angeeignet, weil wir wurden ja in die Situation gestellt, diese Zertifizierung vorzunehmen, hatten aber keine Handhabe, keine Anleitung, wie man jetzt gefälschte Pässe erkennen kann."

Volker Fehst, Apotheker

Von der Politik im Stich gelassen

Impfpässe überprüfen und digitale Impfzertifikate ausstellen: Viele Apotheken fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Typische Aussagen einer deutschlandweiten report München-Umfrage:

"Die Apotheken fühlen sich alleine gelassen."

 Hessischer Apothekerverband

"…gut gemachte Fälschungen [können …] nicht vollumfänglich erkannt werden."

 Apothekerkammer Sachsen-Anhalt

"Man muss leider feststellen, dass so manche Rabattgutscheine im Handel besser vor Fälschungen geschützt sind als Impfpässe."

Apothekerverband Nordrhein

Wir sind in Regensburg: Apotheker Josef Kammermeier macht uns auf ein weiteres Problem aufmerksam. Bisher sei unklar, ob Apotheken bei Verdachtsfällen überhaupt die Polizei rufen dürfen:

"Wir unterliegen Kraft unseres Berufes auch der Schweigepflicht und dürfen solche Daten gar nicht weitergeben. Güter abwägend entscheiden wir dann trotzdem, die Polizei zu verständigen, weil wir feststellen, dass die Leute sich einerseits für sich Impf-Zertifikate erschleichen, auf der anderen Seite aber auch die Pandemie weiter befeuern, wenn sie ungeimpft dann in Lokalitäten gehen, wo sie gar keine Berechtigung dafür haben."

Josef Kammermeier, stellv. Vorsitzender Bayerischer Apothekerverband e. V.

Im Klartext: Jeder Apotheker muss selbst entscheiden, wie er vorgeht – und muss im Zweifelsfall die rechtlichen Konsequenzen tragen. Eine enorme Belastung. Denn: Eine bundeseinheitlich eindeutige Regelung gibt es bisher nicht. Josef Kammermeier fordert:

"…im Bereich der Impfpässe eine Klarstellung, dass wir rechtlich richtig handeln."

Josef Kammermeier, stellv. Vorsitzender Bayerischer Apothekerverband e. V.

Doch damit ist nicht zu rechnen. Der Bundesgesundheitsminister lehnt ein Interview ab. Auf schriftliche Anfrage von report München antwortet das Ministerium nur grundsätzlich, Zitat: „…der analoge Impfnachweis ist ein sicheres Dokument, dessen Fälschung strafbar ist.“

Kein Wort zur schwierigen Situation der Apotheken-Mitarbeiter.

Zurück in Augsburg. Die Hausdurchsuchung bei den mutmaßlichen Impfpassbetrügern war erfolgreich. Die Beamten konnten mehrere gefälschte Impfpässe sicherstellen. Jetzt droht den Besitzern Geld- oder sogar Freiheitsstrafe. Polizeieinsätze, Apothekenmitarbeiter als Hilfssheriffs – Da die gelben Impfbüchlein kinderleicht zu fälschen sind wird sich daran wohl so schnell nichts ändern.

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