Report München


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Amokläufe und die psychischen Folgen Ein Polizist klagt an

Oberkommissar Ernst Kappel ist ein Vollblutbulle: Er legt sich mit gewalttätigen Skinheads an; ermittelt in der Drogenszene. Nie lässt sich der Karatelehrer mit dem schwarzen Gürtel entmutigen. Bis zu dem Tag, als er in Winnenden am 11. März 2009 nach dem Amoklauf eines Jugendlichen die zerschossenen Körper der ermordeten Kinder sieht. Kappel leidet seitdem an einer Posttraumatischen Belastungsstörung und klagt über das System Polizei, das ihn im Stich ließ.

Von: Oliver Bendixen, Stefan Meining

Stand: 10.03.2020

Ernst Kappel sah sich selbst als Vollblutbulle. Hart im Geben. Hart im Nehmen. Bis zu diesem einen Tag im März 2009.

(Nachrichteneinblenden Winnenden, historisch, 11.03.2009)
„Ein Ort unter Schock: Winnenden, die Albertville-Realschule.“
„Insgesamt mit dem getöteten Täter: 16 Personen.“
„Die Ermittlungen dauern heute wohl noch bis tief in die Nacht.“

Im Dauereinsatz vor Ort ist damals auch Ernst Kappel.

"Es ist nicht mehr so, wie es früher war. Der Tag vor dem Amoklauf, der wird so nie wieder sein."

Ernst Kappel

Ernst Kappel ist der einzige Polizist, der offen darüber spricht, wie ihn der Amoklauf aus der Bahn wirft, ihn die Polizeiführung im Stich lässt. Ausgerechnet ihn! Der Karatemeister. Der harte Hund. Als Kriminalbeamter legt er Skinheads, Mördern und Drogendealern das Handwerk. Wenige Stunden nach dem Amoklauf muss der zweifache Vater die tödlichen Verletzungen der ermordeten Kinder in der Gerichtsmedizin dokumentieren.

"Ich kann mich an eine Situation noch gut erinnern: Da ist aus dem Körper aus den Schusslöchern ist unheimlich viel Blut rausgeflossen. Und eine junge Studentin wurde angehalten, das abzutupfen. Und so schnell konnte die gar nicht tupfen, wie das Blut rausgelaufen ist; und das hat dann alle ein bisschen nervös gemacht, weil man kriegt es einfach nicht sauber! Bei so viel Einschusslöchern!  Ich musste da einfach rausgehen und frische Luft atmen, weil ich war nervlich da, das habe ich schon gemerkt, völlig am Ende. Ich bin dann aber rein und habe es dann zu Ende gemacht, meine Arbeit."

Ernst Kappel

Vorgesetzte und Polizeiärzte nehmen seelisches Leiden nicht ernst

Vorgesetzte und Polizeiärzte nehmen sein seelisches Leiden nicht ernst. Jahrelang zermürbende Auseinandersetzungen folgen. Und dann noch die Hiobsbotschaft: Er hat einen Hirntumor. Ernst Kappel verliert sein linkes Auge. Erst gut drei Jahren nach dem Amoklauf wird ihm eine Therapie bei einem Traumatherapeuten bewilligt.

Harald Requardt stellt eine posttraumatische Belastungsstörung, abgekürzt PTBS fest. Betroffen seien oft sogenannte "alte Hasen".

"Es sind eigentlich diejenigen, die viel erlebt haben, die oft angegriffen wurden oder irgendwelche riskanten Einsätze haben, die kommen, weil dann irgendwann einmal die Abwehr praktisch zusammenbricht."

Harald Requardt, Traumatherapeut

Verletzte Seelen – bei der Polizei nicht selten bis heute ein Tabuthema, meint der Therapeut.

"Als ich denke schon, dass es ein Systemfehler ist, weil ich kenne eine Reihe auch von Polizisten, die sagen: Ich leide unter einer PTBS aber ich werde mich hüten, das jemals zu sagen, weil sonst ist es mit meiner Karriere vorbei."

Harald Requardt, Traumatherapeut

Einsatzkräfte nach Amoklauf in Winnenden

Nach Winnenden klagten elf betroffene Polizistinnen und Polizisten über psychische Probleme. Das Innenministerium von Baden-Württemberg stellt bis heute fest:  Zitat: „die nachgeordneten Dienststellen hätten alle möglichen Anstrengungen im Sinne einer Wiedereingliederung in den Beruf unternommen.“ (Quelle: Staatsministerium Baden Württemberg)

"Natürlich ist da in der Betrachtung alles getan worden. Es liegt ja ein Schreiben von meiner damaligen Dienststelle vor, wo drinnen stand, dass man zum Beispiel zum Schnittchenessen ins Landratsamt eingeladen worden sei. Das Ganze hat dem noch einen Deckel aufgesetzt, finde ich, zu schreiben, man hätte eine Veranstaltung im ‚Weißen Rössl‘ besuchen können, so eine Theaterveranstaltung. Was soll das Kranken helfen? Was? Nichts. Gar nichts!"

Ernst Kappel

Postraumatische Belastungsstörung erst 2017 endgültig anerkannt

Ernst Kappel lernt trotzdem mit seinem Trauma umzugehen. Vier Jahre nach dem Amoklauf lernt er Uwe Schill kennen. Er wird zu einem seiner besten Freunde. Uwe Schills Tochter wurde in Winnenden ermordet. Es ist sein erstes Fernsehinterview.

Gespräch mit Uwe Schill

Uwe Schill: „Ja. Es kommt immer wieder hoch. Aber es ist gut so. Es darf sein. Alles hat seine Zeit. Wichtig ist, dass man trotzdem weiterlebt und die Freude am Leben nicht verliert und die habe ich wiedergefunden das ist mir ganz viel wert.“

report München: „War da die Freundschaft zu Herrn Kappel wichtig in dem Zusammenhang?“

Uwe Schill: „Ja, klar!“

report München: „Warum?“

Uwe Schill: „Wir verstehen uns natürlich. Jeder leidet unter diesem Amoklauf. Jeder hat starke Verletzungen und wir wissen genau, wenn es dem anderen nicht gut geht, wie sich das anfühlt.“

Notarzteinsatz nach Attentat in Hanau

Gemeinsam verbringen die beiden Freunde den Samstagnachmittag. Wie so oft. Unter ihnen liegt Winnenden. Dann richtet ein Einzeltäter in Hanau ein Blutbad an – wie in Winnenden dokumentieren auch hier Beamte die tödlichen Verwundungen. Auch sie müssen mit dem Erlebten fertigwerden. Ernst Kappels Ehe scheiterte nach Winnenden.

"Ich würde den Familien raten, sehr umsichtig zu sein, Verständnis zu haben und wirklich genau aufzupassen und zu beachten, ja aufzupassen, ob sich der Partner, die Partnerin verändert."

Ernst Kappel

Den Kampf gegen die Vorgesetzten gewann er. 2017 wird seine Postraumatische Belastungsstörung endgültig anerkannt. Doch den Kampf gegen den Krebs wird Ernst Kappel verlieren. Sein Vermächtnis ist dieses Buch.

"Die Bilder, die sich in meine Seele eingebrannt haben, sie werden mich nicht nur mein Leben lang, sondern bis in den Tod begleiten."

Ernst Kappel

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