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Plastikmüll statt Mode Ersticken wir in Billig-Altkleidern?

60 Kleidungsstücke kauft jeder Deutsche pro Jahr. Längst hat sich der Kleiderkauf vom Bedarf entkoppelt, ist zur Freizeitbeschäftigung geworden. Mit verantwortlich für die Textilflut: der wachsende Einsatz synthetischer Fasern wie Polyester, die Kleidung so billig machen. Altkleidersammler stöhnen, denn die vielen Billig- und Plastikklamotten lassen sich schlecht recyceln und taugen zum Teil nicht einmal mehr als Putzlappen.

Von: Sabine Lindlbauer

Stand: 17.09.2019

Helmut Huber und Oliver Holtz sind Altkleidersammler. Die beiden haben ein Problem: Ihre Ware wächst ihnen buchstäblich über den Kopf. Die Produktion von Kleidung hat sich weltweit seit der Jahrtausendwende verdoppelt.

"Ich sag das ist alles Plastik, Mischgewebe ja. Da ist so viel Polyesteranteil drinnen – das ist keine hundertprozentige Baumwolle, wo ich sage: da kann ich nicht einmal einen Putzlumpen daraus machen. Und von dieser Ware, die im Prinzip keine Qualität mehr aufweist, haben wir Tonnen."

Oliver Holtz, Altkleidersammler Firma Bilsheim

Mode als Wegwerfartikel

Abnehmende Qualität und immer mehr Billigware machen den Kleidersammlern das Leben schwer.

"Wenn man nichts damit anfangen kann mit dem Zeug, dann ist das einfach Müll. Und was wollen wir mit Müll?"

Helmut Huber, Altkleidersammler Bayerisches Rotes Kreuz Nürnberg

In Deutschland landen jedes Jahr über eine Million Tonnen Altkleider im Container. Tendenz steigend. Das Problem: Gute tragbare Stücke, die sogenannte Cremeware, von der die Branche lebt, gibt es immer seltener. Mode ist zum Wegwerfartikel geworden.

Immer öfter besteht Kleidung aus billigem Fasermix: Polyester, Polyacryl oder Elasthan. Doch: je mehr Synthetik, desto schwieriger die Weiterverwertung. Aus wasserabweisender Funktionskleidung kann man nicht mal Lumpen machen. Nicht mehr tragbare Kleider wandern daher immer öfter - kostenpflichtig - in die Müllverbrennung. Für die Altkleidersammler ist das ein schlechtes Geschäft. Die erdölbasierte Polyester-Faser ist der große Gewinner der Fast Fashion und ihr Treiber. Billig, leicht und immer verfügbar.

Über die Hälfte aus Kunststoff

Mehr als die Hälfte aller weltweit produzierten Fasern sind aus Polyester. Rund 60% aller Kleidungsstücke enthalten den Kunststoff inzwischen. An der TU Dresden beschäftigen sich Wissenschaftler mit der Frage, wie sehr Synthetikfasern aus Kleidung die Umwelt belasten. Besonders im Visier: Fleece-Kleidung.

"Polyester ist eigentlich ne glatte Oberfläche, aber hier wird dieses Material extra mit Messern zerrissen in der Produktion damit es möglichst flauschig ist. Und das dient uns eigentlich als Beispiel für ein Textil, was besonders viele Mikropartikel emittiert. Man sieht das hier auch: die Oberfläche ist sehr fusselig und dieses Textil setzt halt viele Partikel frei."

Professor Stefan Stolte, Institut für Wasserchemie Universität Dresden

Bis zu 20% des ursprünglichen Gewichts verliert so ein Fleecepulli im Lauf seines Lebens. Beim Waschen. Die Fasern landen hier – im Abwasser.

"Es gibt ne Studie vom Umweltbundesamt, die hat das für die 80 Mio Fleecejacken, die es in Deutschland gibt, mal abgeschätzt und da sind jetzt schon mehrere tausend Tonnen an Mikropartikel-Emission, die dann allein durch das Waschen an Fleecepullis freigesetzt werden."

Professor Stefan Stolte, Institut für Wasserchemie Universität Dresden

Im Schnitt 60 Kleidungsstücke - pro Jahr

An der Entwicklung neuer Fasern arbeitet Franziska Uhl aus Reutlingen. Um die besonderen Eigenschaften unterschiedlicher Natur-Fasern zu untersuchen, verbringt die Studentin viel Zeit im Labor. Die angehende Textil-Technologin hadert mit der Branche, in der sie eines Tages arbeiten wird. Den derzeitigen Trend hin zu Fast Fashion und Billig-Textilien will sie nicht mitmachen.

"Ich würde gern nicht den Plastikmüll von morgen produzieren, sondern ich will Textilien wieder produzieren, die beim Kunden wertgeschätzt werden und die eben nicht 300 Jahre brauchen, um auseinander zu fallen."

Franziska Uhl, Studentin

Der Kleiderkauf hat sich vom Bedarf entkoppelt. Jeder Deutsche kauft im Schnitt 60 neue Teile pro Jahr. Franziska Uhl will auch da nicht mehr mitmachen.

"Man geht nicht mehr spazieren, sondern man geht shoppen. Und früher war das nicht möglich, weil früher war halt Kleidung Wertschätzung und man hat wirklich lange auf was gespart und das dann gepflegt."

Franziska Uhl, Studentin

Alternative Hundehaar

Die Studentin will neue Wege gehen. Zusammen mit einer Freundin aus Berlin hat sie ein Startup gegründet. Es geht um eine Edelfaser. Und die besteht aus: Hundehaar! – im Fachjargon Chiengora. Zweimal im Jahr haben Hunde einen Fellwechsel. Dann müssen sie ausgekämmt werden. Um an den Rohstoff heranzukommen, ist Franziska dabei, ein Netzwerk aufzubauen. Vor allem Hunde-Züchter und Vereine sind ihre Lieferanten.

Samojeden sind Hunde, die besonders viel von der begehrten, feinen Unterwolle haben. Und die Wolle ist geruchsneutral. Die meisten Lieferungen kommen per Post. Franziskas WG-Zimmer gleicht inzwischen einem Woll-Lager. Erste Musterteile sind schon entstanden. Die Edelwolle Chiengora wird bereits in mehreren Berliner Woll-Läden verkauft. Für Franziska Uhl besonders wichtig: Der Rohstoff Hundehaar ist biologisch abbaubar. Und: die Wolle kann auch recycelt werden.

Müssen wir das Entsorgen von Altkleidern künftig bezahlen?

Ans Ende der Produkte denken wenige in der Textilindustrie. Darum muss sich die Altkleiderbranche kümmern. Doch die stößt an ihre Grenzen. Früher gab es eine Mischkalkulation, die für die Altkleidersammler aufgegangen ist.

"Die gute Ware oben finanziert die schlechte Ware unten und des Verhältnis wird immer knapper, immer schlechter und wenn‘s so weiter geht is des bloß eine Frage der Zeit, bis man jetzt mal – rein übersetzt – ein jeder,  der ein T-Shirt in den Container wirft noch einen 5er mit hin hängen muss, dass man für die Entsorgung Mittel hat."

Helmut Huber, Altkleidersammler Bayerisches Rotes Kreuz Nürnberg

Muss das Entsorgen von Altkleidern künftig also bezahlt werden? Wenn sich nichts ändert am Billigkonsum, wird es wohl so kommen.

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