Report München


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Weggefegt Der Kampf um AKKs Erbe

Merz, Spahn, Laschet oder doch Söder? Noch halten sich die Herren bedeckt, doch hinter den Kulissen wird nach dem Rückzug von AKK bereits um ihr Erbe gefeilscht. Mittendrin junge Abgeordnete, die versuchen in stürmischen Zeiten ins richtige Boot zu steigen. Doch auf wen setzt man nun, wer wird das Rennen machen? Und wer geht am Ende unter?

Von: Markus Rosch

Stand: 11.02.2020

Heute Morgen, Berlin. Christoph Bernstiel auf dem Weg zur Sitzung des Innenausschusses im Bundestag. Die Nacht war kurz. Das politische Erdbeben in der Union hat den Bundestagsabgeordneten nicht zur Ruhe kommen lassen. Wer soll seine Partei nun in Zukunft führen?

"Wir können jetzt nicht bis Dezember warten. Die SPD hat es gezeigt wie man's nicht macht. Und das kann für uns keine Schablone sein. Ich gehe jetzt von einem Sonderparteitag aus. Noch deutlich vor dem Sommer."

Christoph Bernstiel, CDU, Bundestagsabgeordneter

Ein Tag zuvor: Halle an der Saale. Der Bundestagswahlkreis von Christoph Bernstiel. Der 36-jährige ist direkt gewählt worden. Hier kennt ihn jeder. Auch der politische Gegner von der SPD sagt da mal hallo. Die politischen Ereignisse in Thüringen und den Schulterschluss mit der AfD kann Bernstiel nicht nachvollziehen. Das macht ihn wütend.

Christoph Bernstiel, CDU, Bundestagsabgeordneter | Bild: BR

"Emotional hat mich das schon mitgenommen. Denn das war schon eine sehr ausgepeitschte Stimmung. Und für mich persönlich ist es klar, dass es weder mit der AfD noch mit den Linken eine Kooperation geben kann. Und dass dies in Frage gestellt worden ist, hat mich schon sehr aufgewühlt. Und wir sind noch dabei das Ganze aufzuarbeiten."

Christoph Bernstiel, CDU, Bundestagsabgeordneter 

Wenige Minuten später. Der Paukenschlag. Eilmeldung: Die CDU-Vorsitzende will zurücktreten. Den Abgeordneten aus Sachsen-Anhalt trifft das völlig unvorbereitet:

"Das kommt schon sehr überraschend. Und das wird schon eine sehr spannende Woche."

Christoph Bernstiel, CDU, Bundestagsabgeordneter

Und jetzt kommen schon die ersten Meldungen?

"Absolut. Das überschlägt sich jetzt. Und jeder hat eine Info zu verdauen. Und jetzt müssen wir kucken, was wir daraus machen."

Christoph Bernstiel, CDU, Bundestagsabgeordneter

Damit nimmt der Tag für Christoph Bernstiel aus Halle eine neue Wendung. Denn in Berlin bricht Chaos aus.

"Die Union ist so zerrissen wie in der ganzen Nachkriegsgeschichte nicht. Und das ist das eigentlich große Problem der CDU. Sie muss erst mal Stabilität in den eigenen Reihen herstellen. Sie muss die Fliehkräfte begradigen. Sie muss versuchen aus dieser Krise eine Chance zu machen."

Albrecht von Lucke, Politologe, Blätter für deutsche und internationale Politik

Chaos in Berlin

Spontane Treffen in der CDU-Halle. Im Hintergrund: Die Live Übertragung aus Berlin. Im nächsten Jahr sind hier Landtagswahlen: Noch regiert man, aber die Stimmung ist nervös. Und jetzt das. Es wird über mögliche Lösungen diskutiert.

"Jetzt ist totales Chaos. Jeder wird sich auf Kanzlerkandidatur stürzen müssen . Und dann ist die die Frage Sonderparteitag mit Nachfolgewahl." Christoph Bernstiel, CDU, Bundestagsabgeordneter

Hier in Halle will man nur jetzt nur eins: Nach vorne kucken.

"Chaos tut nie einem gut. Wir sind keine Partei, die den Vorsitzenden so oft wechselt wie die beispielsweise die SPD. Wir werden versuchen so schnell wie möglich Ruhe in das Verfahren zu bekommen. Und versuchen die unterschiedlichen Lager wieder zu einen."

Christoph Bernstiel, CDU, Bundestagsabgeordneter

Nur wenige Stunden später. 170 Kilometer weiter nördlich. Krisensitzung in Berlin. Christoph Bernstiel hetzt in die parlamentarische Gesellschaft. Das Wetter passt zur Lage. Ein Sturm zieht auf.

Dann rauscht Sachsen Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff an. Man hat viel zu besprechen. Christoph Bernstiel hat einige Fragen.

"Solche Dinge passieren nicht jeden Tag. Und das beschäftigt einen hier, insbesondere hier in Berlin, wo die nächsten Besprechungen anstehen. Und dann werden wir erfahren, was die Hintergründe der Entscheidung sind. Die sind nach wie vor unklar."

Christoph Bernstiel, CDU, Bundestagsabgeordneter

Spielte Merkel entscheidende Rolle?

Hinter den Kulissen wird heftig spekuliert. Erste Einzelheiten dringen nach außen.

"Das war eine einsame Entscheidung von Annegret Kramp-Karrenbauer. Die offensichtlich ganz klar gemerkt hat: Der Rückhalt in der Partei ist ihr verloren gegangen. Also zu den eigenen Fehlern, die in großer Zahl vorgefallen sind, sind die inneren Feinde in der CDU gekommen. Die jeden Fehler ausgeschlachtet haben, der Rückhalt war nicht mehr da, sie hat die Flucht nach vorne angetreten, ich würde sagen: In die Einsicht der Notwendigkeit: Die Kanzlerkandidatur war nicht mehr zu erreichen."

Albrecht von Lucke, Politologe, Blätter für deutsche und internationale Politik

Fraktionssitzung der CDU am Nachmittag. Annegret Kramp-Karrenbauer ist nun eine Chefin auf Abruf. Sie will den Übergang moderieren, noch mindestens bis Sommer im Amt bleiben. Und auch bei der Nachfolge mitreden. Aber nicht nur Christoph Bernstiel bezweifelt, ob das klappt. Die Basis murrt, will Entscheidungen.

"Die Mitglieder bei uns wünschen sich das Gleiche wie schon seit mehreren Jahren. Ein klares Profil der Union: Wir geben vor in welche Richtung die Reise gehen soll. Und dann sollen sich die anderen Parteien an unsere Politik aufreiben. Dafür braucht es starke Führungspersönlichkeiten. Und genau so eine wünschen wir uns jetzt. Und die soll danach auch die Kanzlerschaft bestreiten."

Christoph Bernstiel, CDU, Bundestagsabgeordneter

Apropos Kanzlerin. Was immer mehr klar wird: Merkel spielte wohl eine entscheidende Rolle beim Rücktritt von AKK.

"Das freundschaftliche Verhältnis zwischen Angela Merkel und AKK, das noch dazu geführt hat, dass ganz klar AKK die Kandidatin vom Merkel Gnaden war. Dieses Verhältnis ist ganz schnell zerstört worden. Zum Teil auch durch AKK, weil sie nicht klar auf dem Kurs von Merkel geblieben ist, aber vor allem weil Merkel ganz klar und bewusst Distanz hergestellt hat. Sie hat das Interesse an dem weiteren Schicksal ihrer Nachfolgerin verloren."

Albrecht von Lucke, Politologe, Blätter für deutsche und internationale Politik

Nun dreht sich Kandidaten-Karussell. Und nicht nur Christoph Bernstiel fordert: Es muss schnell über die künftige Führung entschieden werden.

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