Report München


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5G-Ausbau und die Realität Bürgerinitiativen contra Zukunft

Eigentlich ist es Konsens in Deutschland, Funklöcher sollen geschlossen werden. Um digital nicht den Anschluss zu verlieren, muss der neue Mobilfunkstandard 5G eingeführt werden. Doch Mobilfunkgegner machen deutschlandweit mobil gegen neue Handymasten. Dabei geht die größte Strahlenbelastung nicht von den Masten, sondern vom eigenen Handy aus und das strahlt mehr, je schlechter das Netz ist.

Von: Ulrich Hagmann, Hans Hinterberger

Stand: 11.02.2020

München, Ende Januar. Mobilfunkgegner machen mobil – vor allem gegen die Einführung des neuen 5G Netzes. 

Demonstranten:

"Das ist ein Experiment, wo keiner weiß, wie es ausgeht."

"Ich fürchte um meine Gesundheit. ich möchte gern noch lange leben."

"Dass die Menschheit zu Grunde geht und es kaum jemand weiß!"

Die Demonstranten sind eine Minderheit. Macht man die Umfrage nicht ausgerechnet auf so einer Demo, ist der Tenor ein ganz anderer.

Passanten:

 "Das gehört doch in der modernen Welt dazu."

"Also, ich habe da keine Strahlenangst, Belastungsangst."

"Ich denke das ist halt einfach wichtig und Deutschland ist halt so weit hinterher, insofern mache ich mir keine Sorgen auch um die Kinder nicht."  

Ausbaden müssen diesen Konflikt: Menschen wie er: Max Paulus aus Bruckberg in Niederbayern hat einen Anruf erhalten. Um das Funkloch hier zu schließen, müsse ein Mast gebaut werden. 40 Meter hoch. Auf seinem Feld. Jetzt hat er ein Problem….

"Ich habe sofort die Ambivalenz des Themas gesehen und habe gesagt, ich werde jetzt nicht einfach unterschrieben, ich werde aber auch nicht nein sagen, nach dem St. Florians Prinzip. Ich habe es bei uns im Dorf öffentlich gemacht und habe gesagt, wie schaut es aus? Seht ihr das positiv, seht ihr das negativ?"

Max Paulus, Pensionär

Max Paulus ahnt: die Diskussion wird schwierig. Denn der Widerstand gegen den Mobilfunkausbau wächst.

In ganz Deutschland gibt es immer mehr Initiativen und öffentliche Proteste gegen Mobilfunk. Vor allem in Süddeutschland. 

Wissenschaft ist uneins

Einen entsprechenden Appell haben über 180 Professoren und Doktoren aus aller Welt unterschrieben. Einer ist der ehemalige Hochschullehrer Klaus Buchner, Physiker und Europaabgeordneter.

"Die Politik lässt sich von der Werbung und von anderen Dingen überzeugen. Aber ich bin Wissenschaftler. Ich will von der Wissenschaft her sehen, wo sind die Gefahren? Die sind eindeutig belegt."

Klaus Buchner, ÖDP, Europaabgeordneter

Doch die Wissenschaft ist uneins. In der Schweiz forscht Prof. Martin Röösli, er sitzt in vielen Expertengruppen und gilt Gegnern daher als Industrienah. Er aber sagt, Stand heute könne man ein Gesundheitsrisiko für Menschen nicht nachweisen. Ohnehin gehe die meiste Strahlung nicht von den Masten, sondern vom eigenen Handy aus.

"Vielen Leuten ist gar nicht bewusst, dass ein Handy sehr unterschiedlich strahlen kann. Was man hier sieht, dass wenn man guten Empfang hat, dann strahlt ein Handy 1 Million mal weniger."

Prof. Martin Röösli, Universität Basel

Handystrahlung steigt im Funkloch

Im Funkloch geht das Handy auf volle Sendeleistung, was Strahlung direkt am Körper bedeutet.

Bei gutem Netz und vollem Empfang, entsteht weniger Strahlung.

"Genau das ist kontra-produktiv, also Leute die gegen Antennen sind, die bewirken schlussendlich, falls sie selber ein Handy benutzen und das auch nur einige Sekunden pro Tag machen, dass sie schlussendlich mehr Strahlenbelastung haben."

Prof. Martin Röösli, Universität Basel

Fakten. Aber es geht auch um Emotionen. Zum Beispiel hier in Bardenitz in Brandenburg. Das Dorf liegt im Funkloch doch gegen den geplanten 50 Meter hohen Sendmasten laufen Anwohner Sturm. Ein Ratsherr der Grünen erklärt warum.

"Dieser Turm ist ganz einfach zu dicht an der Wohnbebauung des Dorfes dran. Es gibt genügend Platz, er könnte einfach auch ein paar Hundert Meter weiter stehen."

Andreas Bruns, B` 90, Die Grünen, Stadtrat Treuenbrietzen

Die Telekom will nach jahrelanger Standortsuche genau an diesem Platz bauen. Auch weil die Politik Druck gemacht hat. Denn das Funkloch in Bardernitz war ein Riesenproblem bei den Waldbränden der vergangenen Jahre.

Es gab quasi keine Kommunikation, weil es weder Handynetz noch Digitalfunk für die Feuerwehr gab. Das war wirklich gefährlich erinnert sich der Bürgermeister von Treuenbrietzen, zu dessen Stadt Bardenitz gehört. Sein Gemeinderat hat zuerst gegen den Masten, dann dafür und dann wieder dagegen gestimmt.

5G-Ausbau und die Realität | Bild: BR

"Ich denke das ist so ein Problem bei uns in der Gesellschaft insgesamt, also alle wollen alles aber bitte nicht bei mir vor der Haustüre oder beim mir am Vorgarten, oder bei mir im Wohnzimmer oder am Wohnzimmer. Die Bedenken kann man ja sehr wohl verstehen und die sollte man auch ernst nehmen aber irgendwann muss man in diesem Land auch Entscheidungen treffen und daran krankt es aus meiner Sicht massiv, dass alle Entscheidungen prinzipiell in Frage gestellt werden und wir uns zu Tode diskutieren."

Michael Knape, Bürgermeister Treuenbrietzen

Direkte Schädigung nicht nachgewiesen

Während auf dem Land über jeden Sendeturm diskutiert wird, werden die Sendeanlagen in den Städten besser akzeptiert. Auch das Bundesamt für Strahlenschutz sagt die Strahlung von Mobilfunkmasten sei weit unter dem Grenzwert.

"Wir sind üblicherweise unter 1% des Grenzwertes exponiert. Wir sind mit dem Handy am Kopf tatsächlich bis zum Grenzwert exponiert, also aus rein fachlicher Sicht: Wenn es Unsicherheiten gibt, dann ist es tatsächlich für die intensive Handynutzung."

Dr. Gunde Ziegelberger, Bundesamt für Strahlenschutz

Bislang ließe sich auch für Vielnutzer eine direkte Schädigung nicht nachweisen, sagt das Bundesamt, es müsse aber intensiv weiter geforscht werden. 

Im niederbayerischen Bruckberg hat Max Paulus mit seinen Nachbarn diskutiert. Ein Funkmasten auf seinem Feld? Wie war die Reaktion?

5G-Ausbau und die Realität | Bild: BR

"Die Leute sehen es überwiegend ein. Mit einsehen meine ich, das Risiko ist tragbar. Es ist kalkulierbar. Weil die Wissenschaft in der überwiegenden Zahl zur Zeit sagt, das ist okay. Aber jetzt kommt halt das mit den Minder-Meinungen, Hauptsächlich im Internet. Den Satz habe ich gehört. Du, wenn da kranke Kinder sind? Denkst du da schon drüber nach? Sowas lässt mich nicht schlafen!"

Max Paulus, Pensionär

Max Paulus hat noch keine Entscheidung getroffen. Das Funkloch in Bruckberg wird wohl noch für einige Zeit weiter bestehen.

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