Report München


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Väter im Abseits Wie deutsche Arbeitgeber die Elternzeit boykottieren

Männer nehmen im Durchschnitt 3,4 Monate Elternzeit, Frauen 13,2 - die Erziehungsarbeit ist in Deutschland also mitnichten gleichberechtigt aufgeteilt. Das liegt auch mit daran, dass Arbeitgeber Männer daran hindern, längere Elternzeiten zu nehmen, wie Recherchen von report München belegen. Eingeschüchterte Väter berichten von Mobbing, Erpressung, Kündigungen und langwierigen Prozessen vor dem Arbeitsgericht.

Stand: 16.04.2019

Stephan Kühnle und sein Baby auf dem Weg zum Chef. Er will vier Monate Elternzeit nehmen. Ob sein Traum in Erfüllung geht, hängt von den nächsten Minuten ab.

"Der Worst Case wäre, dass wir unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie wir die Elternzeit organisieren und vertreten wollen. Einerseits zwischen meinem Chef und andererseits zwischen meinem Team. Und dass wir da nicht eine gemeinsame Linie finden, dass es sich dann auch für alle gut anfühlt."

Stephan Kühnle

Denn was eigentlich selbstverständlich klingt, kann in Deutschland ganz schön schiefgehen. Das weiß keiner besser als er, Thomas Bolte. Der Gang zum Chef vor ein paar Jahren hat sein Leben komplett auf den Kopf gestellt.

"Man hat mir klipp und klar gesagt: Wir finden das nicht gut was du machen willst, vor allem als Mann. Das war eben gar nicht üblich bis dahin im Unternehmen. Man hat mir klar zu verstehen gegeben, dass man den Vertrag nach dieser Zeit wahrscheinlich auflösen möchte."

Thomas Bolte

Bolte geht, macht sich selbstständig und arbeitet jetzt von zuhause aus. Dass die meisten Männer nur die 2 Monate "Mindestelternzeit" nehmen, findet er schade.

"Vier Wochen oder zwei Monate ­- da hat man gerade mal an der Oberfläche gekratzt und sich daran gewöhnt, dass Nachwuchs da ist. Und man hat vielleicht gelernt, die Windeln zu wechseln. Aber alles andere, was dann kommt, da ist man schon wieder längst im Büro. Das ist dann einfach schade, wenn man das nicht mitnehmen kann."

Thomas Bolte

Nur jeder dritte Vater nutzt das Elterngeld

Männer wie Thomas Bolte, die ein ganzes Jahr Elternzeit beantragen, sind immer noch Exoten. In Deutschland nutzt nur jeder dritte Vater das Elterngeld. Frauen bleiben im Durchschnitt 11,7 Monate vollständig zuhause, Männer dagegen nur 3.

Die Gründe: Gehaltseinbußen, Unternehmenskultur und Vorgesetzte. Die Hälfte der Väter würden gerne längere Auszeiten für ihre Kinder nehmen, doch häufig machen es ihnen ihre Arbeitgeber nicht leicht. Jeder dritte Vater, der länger in Elternzeit geht, erfährt einen Karriereknick.

Diese Väter vertritt Anwalt Peter Groll. Er kennt die Strategien der Arbeitgeber genau.

"Interessanterweise wird nie das Thema Elternzeit angesprochen. Selbst wenn ich es anspreche, wird es abgestritten. Es werden Performancegründe genannt. Manchmal auch angebliche Umorganisationen, die nie stattgefunden haben. Unterm Strich wird man sich irgendwann auf etwas verständigen, mit einem Beendigungstermin und einer Abfindung."

Peter Groll, Fachanwalt für Arbeitsrecht

Performancegründe - mit diesem Argument hat es auch sein Arbeitgeber versucht. Dieser Mann, nennen wir ihn Leo, ist Arzt. Aus Angst vor beruflichen Nachteilen will er nicht erkannt werden. Als Leo Elternzeit beantragt, schneiden die Kollegen ihn.

"Man spürt so, dass man einfach nicht mehr angerufen wird, zum Mittagessen gehen. So ganz einfache Dinge. Oder dass man sich zwischendurch dazusetzt und dann stehen die Kollegen wieder auf und gehen. […] Man hätte die ganze Zeit nur heulen können tatsächlich. Man hat sich wirklich als derjenige gefühlt, der was falsch gemacht hat und das stimmt ja nicht!"

Leo

Sein Chef stellt ihm plötzlich nur noch schlechte Zeugnisse aus, will ihn nun um jeden Preis loswerden.

"Mit so einer Drohkulisse, die ins Existenzielle geht für einen jungen Familienvater."

Leo

Mobbing, Erpressung, Demütigung

Mobbing, Erpressung, Demütigung - all das musste er ertragen, um Zeit für seine Familie haben zu dürfen. Dass junge Kollegen an seiner alten Klinik inzwischen sogar verschweigen, dass sie Vater werden, hätte er in Deutschland niemals für möglich gehalten.

Doch Leo ist mit seiner Geschichte nicht allein. Während der Recherche stoßen wir auf immer mehr Männer, die alle das gleiche durchgemacht haben. Alle wollen anonym bleiben.

Anonyme Väter

Arzt: „…Mein Chef hat gesagt, meine Elternzeit ist das Unsozialste, das je einer verlangt hat. Wenn Sie wiederkommen, werden wir Sie genauso unsozial behandeln…“

Logistiker: „…Ich hatte das Gefühl, nach der Elternzeit auf dem Abstellgleis geparkt worden zu sein. Ohne Laptop und Schreibtisch...“

Pressesprecher: „…Meine Vorgesetzten mieden den Kontakt zu mir, antworteten nicht mehr auf Mails, Meetings wurden abgesagt…“

Grafiker: „…An meinem ersten Arbeitstag nach der Elternzeit habe ich sofort die Kündigung erhalten… Die Rollenverteilung ‚Mann arbeitet, Frau bleibt zuhause‘ ist so ausgeprägt wie zur Zeit meiner Eltern.“

Mit den Recherchen konfrontiert, antwortet das zuständige Ministerium nur schriftlich. Man arbeite an einer familienfreundlicheren Unternehmenskultur. Die Opposition kritisiert, Deutschland sei in diesem Punkt noch lange nicht gleichberechtigt.

"Mich schockiert es und mich regt es vor allem auch auf. Weil ich glaube, wir könnten da mit anderen Rahmenbedingungen mehr tun. Wir haben den Vorschlag, drei Mal acht Monate. Also acht Monate für Vater, acht Monate für Mutter und acht Monate kann man sich dann aussuchen, Vater oder Mutter. Das bedeutet, mindestens acht Monate haben die Väter auch zur Verfügung. Und das ist auch ganz klar, das geht dann nicht anders."

Katrin Göring-Eckardt, Bündnis90/Die Grünen

Zurück zu Stephan Kühnle, dem jungen Familienvater, der heute sein Elternzeitgespräch führt. Stephan hofft, dass Team und Chef ihn unterstützen. Ein paar Minuten später hat er Klarheit:

"Super, also ich bin ganz zufrieden. Hatte es mir so erhofft. Er hat tatsächlich auch gemeint, dass ich seine volle Unterstützung bekomme und er alle Hebel in Bewegung setzt, dass wir eine gute Vertretung für mich im Team bekommen."

Stephan Kühnle

Andere Väter wie Leo, der Arzt, können davon nur träumen. Er musste einen Anwalt nehmen und die Klinik wechseln.

"Die haben mich rausgeekelt. Gewinnen kann glaub ich keiner in sowas. Glaub verlieren tun dabei alle."

Leo


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