Report München


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US-Wahl Akzeptiert Trump das Ergebnis?

Wie geht es nach der Wahl in den USA weiter? Präsident Trump hat immer wieder angekündigt, ein Ergebnis gegen ihn anzufechten. Wie realistisch ist das bei einem knappen Wahlausgang? Welche Szenarien gibt es? report München spricht mit dem US-Wahl-Experten Nils Gilman und mit dem renommierten Historiker Allan Lichtman, der seit 1984 fast jede US-Wahl richtig vorhergesagt hat.

Von: Fabian Mader, Ahmet Senyurt

Stand: 03.11.2020

Wir sprechen eine Ikone unter amerikanischen Historikern – Allan Lichtman hat seit Ronald Reagan mit einer Ausnahme jeden US-Präsidenten korrekt vorhergesagt – auch Donald Trump.

"Trump hat mir das hier geschickt, nachdem ich seinen Sieg vorhergesagt habe."

Prof. Allan Lichtman, American University Washington

Er hat ein System für seine Vorhersagen entwickelt – wer macht dieses Mal das Rennen?

"Meine Prognose ist, dass Trump als erster Amtsinhaber seit George Bush sen. an seiner Wiederwahl scheitern wird. Joe Biden wird der nächste Präsident der Vereinigten Staaten."

Prof. Allan Lichtman, American University Washington

Droht eine Verfassungskrise?

Aber die Frage, die sich viele Experten in den USA stellen – würde Trump eine solche Niederlage überhaupt akzeptieren?

"Sie können uns diese Wahl nur wegnehmen, wenn sie betrügen. Wir werden gewinnen!"

Donald Trump

"Wir könnten in eine tiefe Verfassungskrise schlittern. Wenn Biden und Trump behaupten, gewonnen zu haben – und der anderen Seite Betrug vorwerfen."

Dr. Nils Gilman, Historiker, Berggruen Institut

Das hängt auch mit dem amerikanischen Wahlsystem zusammen. Denn jeder Bundesstaat organisiert die Wahl selbst. Hat ein Kandidat dort die Mehrheit, bekommt er dessen Wahlfrauen und Männer. Sie wählen den Präsidenten.

Am Wahlabend werden wohl erstmal nur die Urnen der Wahlbüros komplett ausgezählt – die Auswertung der Briefwahl dürfte in manchen Staaten dagegen Tage dauern. Nun hat eine Agentur ermittelt, dass nur 19 Prozent der Republikaner per Brief wählen wollen, aber 69 Prozent der Demokraten. Deren Stimmen werden also teilweise später ausgezählt. Deshalb könnte nach Ansicht der Agentur am Wahlabend Donald Trump vorne liegen – während der kommenden Tage würde Joe Biden nach und nach aufholen und schließlich in Führung gehen.

Ziehen die Republikaner gegen Briefwahl vor Gericht?

"Also könnte er sagen und eigentlich sagt er das schon seit längerer Zeit: Dass nur die Stimmen zählen dürfen, die persönlich abgegeben wurden. Und dass diese ganzen Briefwahlzettel unrechtmäßig sind. Das wäre ein Albtraum."

Dr. Nils Gilman, Historiker, Berggruen Institut

"Sie werden 80 Millionen Briefwahlzettel versenden. Das geht nicht. Das ist der größte Betrug in der Geschichte der Politik."

Donald Trump

Nils Gilman hat ein Planspiel mit rund 100 Größen aus US-Politik und Wissenschaft organisiert. Sie bildeten je ein Team Biden und Trump und sollten mögliche Szenarien durchspielen.

Gilman befürchtet, dass die Republikaner vor Gericht ziehen – und die Rechtmäßigkeit von Briefwahlstimmen anzweifeln. 

"Und wenn der Fall am Supreme Court landet: Da haben die Republikaner eine 6 zu 3 Mehrheit. Wer weiß, was dort passiert."

Dr. Nils Gilman, Historiker, Berggruen Institut

Im Jahr 2000 stoppte der Supreme Court die Neuauszählung

Dafür gibt es bereits ein Vorbild. Im Jahr 2000 lagen Al Gore und George W. Bush gleich auf. Alles hing an Florida. Bush führte dort mit nur wenigen hundert Stimmen. Obwohl das Ergebnis umstritten war, stoppte der Supreme Court die Neuauszählung.

Zumindest lief die Auseinandersetzung damals ohne Ausschreitungen ab. Aber wie wäre das heute?

"Wenn Trump sagt, dass die Wahl gestohlen wurde. Dass die Demokraten das gesamte System umkrempeln wollen. Dann wird eine Niederlage für die Menschen zu einem existentiellen Risiko. Und so etwas bringt sie dazu, gewalttätig zu werden."

Dr. Nils Gilman, Historiker, Berggruen Institut

Die einzige Hoffnung des Forschers: Ein sich früh abzeichnender, deutlicher Sieg für Joe Biden. Dann würde Trumps Rhetorik nicht mehr verfangen. Historiker Allan Lichtman glaubt generell nicht daran, dass Trump eine mögliche Niederlage verhindern könnte.

"Er kann sich noch im Grab umdrehen und sagen, er wurde um den Sieg gebracht – was soll‘s?"

Prof. Allan Lichtman, American University Washington

Diese Vorhersage dürfte Anhänger von Joe Biden freuen.

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