Report München


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Unvorbereitet in die vierte Welle: Die Fehler und die Folgen der deutschen Corona-Politik

Lange sah die Politik zu, wie im Herbst die Anzahl der Corona-Infizierten ständig zunahm und sich die Situation in deutschen Krankenhäuser immer weiter zuspitzte. Die einen wollen sich nicht impfen lassen, die anderen wollen sich gerne ein drittes Mal impfen lassen: Doch wer soll sich wie und wo impfen lassen?

Von: Benedikt Nabben, Bernd Thomas

Stand: 09.11.2021

Auf der Intensivstation im Klinikum Nürnberg-Nord. Jetzt muss es schnell gehen. Was hier gerade vorbereitet wird, soll schon in Kürze die nicht mehr funktionierende Lunge eines Corona-Patienten ersetzen.

"Das ist jetzt ein circa 60-jähriger Patient, der vor zwei Tagen an die Beatmung ging und jetzt von der Lunge so schlecht ist, dass er nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen ist. Das ist jetzt praktisch das Gerät, der Motor."

Dr. Arnim Geise, Oberarzt Klinikum Nürnberg

Die Herz-Lungen-Maschine, die sogenannte Ecmo, ist seine letzte Chance. Dabei wird das Blut außerhalb des Körpers mit Sauerstoff angereichert. Vor Corona standen die Maschinen meist ungenutzt hier rum.

"Das sind die Parkplätze der Maschinen. Die sind jetzt halt weg."

Dr. Arnim Geise, Oberarzt Klinikum Nürnberg

Die Station ist am Limit, jedes Bett belegt. Ein Knochenjob in Schutzkleidung. Alle, die hier Dienst haben, sind harte Arbeit gewohnt. Doch eine Tatsache macht es aktuell für viele noch schwerer, durchzuhalten:

"95 Prozent der Patienten, die hier liegen, jetzt mit Covid, müssten hier nicht liegen, wenn sie geimpft wären."

Dr. Arnim Geise, Oberarzt Klinikum Nürnberg

"Wenn die bei uns an der Herz-Lungen-Maschine liegen, dann haben die ein Versterben von 50 Prozent Pi-mal-Daumen, wenn nicht gar mehr. Und die, die es überleben, die gehen dann mit einem ganz langen Reha-Verlauf raus."

Dr. Arnim Geise, Oberarzt Klinikum Nürnberg

"Wollen Sie mir gleich den Tisch annehmen, den Ecmo-Tisch."

Dr. Arnim Geise, Oberarzt Klinikum Nürnberg

München, vor einer Woche.

Beata und Andrzej Pytlak machen sich Sorgen, denn es kommt zu immer mehr Impfdurchbrüchen gerade bei Älteren.

"Ich weiß nicht, ob du gestern im Fernsehen angeschaut hast, sieht nicht so toll aus, die Situation ist etwas angespannt, irgendwie passt das alles nicht zusammen."

Beata und Andrzej Pytlak

Das Ehepaar verfolgt aufmerksam die Debatte über Auffrischimpfungen, denn Andrzej Pytlak ist Risikopatient, er hat Asthma, hohen Blutdruck und bereits eine Herz-OP hinter sich.

Jetzt fragen sie sich, ob eine Auffrischimpfung, die sogenannte Boosterimpfung, auch für sie Sinn macht – und ob sie wirklich problemlos eine bekommen.

"Bei mir war jetzt die letzte Impfung am 7.4.” “Letzt Impfung vor 181 Tagen steht bei mir. Für mich ist es klar, dass es unklar ist. Ich weiß es einfach nicht."

Andrzej und Beata Pytlak

Die beiden wissen nicht, ob sie jetzt schon eine Auffrischimpfung bekommen sollten. Deswegen gehen sie zum Hausarzt. Dort wollen sie auch ihre Antikörper bestimmen lassen.

"Ich bin gespannt, ob die Impfung noch hält."

Beata Pytlak

Zurück in Nürnberg auf der Intensivstation. Der Zustand eines Patienten hat sich verschlechtert. Die künstliche Beatmung reicht nicht mehr aus, um ihn am Leben zu halten. Dr. Geise kommuniziert über ein Tablet mit der Kollegin im Isolationsbereich, was nun zu tun ist.

"Hallo Frau Muschner, können Sie mir nochmal die Beatmung zeigen von dem Patienten? Also wirklich ein hoher Spitzendruck, absolut ausgereizt."

Dr. Arnim Geise, Oberarzt Klinikum Nürnberg

Jetzt bleibt für diesen Patienten nur noch die Herz-Lungen-Maschine – als allerletzte Hoffnung.

"Ist alles vorbereitet, ja. Dann wünsche ich Ihnen viel Glück."

Dr. Arnim Geise, Oberarzt Klinikum Nürnberg

Der 60-jährige Patient ist einer der älteren, die aktuell hier auf der Intensivstation behandelt werden.

"Das ist dann schon so auch die Altersgrenze, wo wir dann überhaupt uns noch überlegen, dass mit den Herz-Lungen-Maschinen zu machen. Einfach weil wir sehen, dass ab 60 dann die Prognose, die Chance, das überhaupt zu überleben, einfach dann ganz, ganz massiv sinkt. Und 60 ist jetzt, also zumindest für mich, ist das nicht mehr so weit weg. Das ist eigentlich heutzutage kein Alter, indem man sterben muss."

Dr. Arnim Geise, Oberarzt Klinikum Nürnberg

Zurück beim Ehepaar Pytlak. Sie wollen wissen, ob die letzte Corona-Impfung noch nachweisbar ist. Gleich bekommen sie deswegen Blut abgenommen.

Dr. Michael Weier, Allgemeinmediziner, München: “Was sind denn Ihre Ziele mit dem Test?”

Beata Pytlak: “Ich würde gerne wissen, wie geschützt ich noch bin. Ich bin zweimal geimpft.”

Dr. Michael Weier, Allgemeinmediziner, München: “Der Test gibt eine Aussage, aber eine schwammige. Gerade bei den Antikörpern gibt es noch überhaupt keine einheitlichen Standards, ab wann ein Antikörper für eine gute Immunität spricht und wann nicht.”

Der Test gibt zumindest einen Hinweis, ob das Immunsystem auf die vergangene Impfung reagiert hat.

In drei Tagen werden die Ergebnisse vorliegen. Andrzej und Beata Pytlak hoffen, möglichst schon dann auch eine Auffrischimpfung zu bekommen. Wenn Dr. Weier das für medizinisch sinnvoll hält, wäre dies nun möglich, denn Ende vergangener Woche haben die Gesundheitsminister entschieden: jeder kann eine Auffrischimpfung bekommen, sobald die vorige Impfung mindestens sechs Monate zurückliegt. Bisher betrifft das nur eine Minderheit, report München hat alle 16 Gesundheitsministerien angefragt, wie die Auffrisch-Impfungen durchgeführt werden. Einige Länder setzen vor allem auf mobile Teams und Impfzentren. Andere haben diese längst geschlossen, dort sind die Hausärzte voll in der Pflicht.

Auch die Informationsstrategie ist überall anders. Manche Länder schreiben Senioren direkt an, andere verweisen lediglich auf Informationsangebote – vor allem in den sozialen Medien.

Für den Virologen Klaus Stöhr ist klar, wer die uneinheitliche Pandemiebekämpfung zu verantworten hat:

"Es fehlt die Führungskraft auf Bundesebene. Es braucht einen Stufenplan, wo vergleichbare Parameter auch vergleichbare Maßnahmen bringen. Und da müsste eigentlich die Bundesregierung einen Fahrplan vorgehen und Instrumentenkasten, woraus sich die Länder bedienen können. Und dann geht sicherlich auch diese Kakophonie der verschiedenen Maßnahmen in den verschiedenen Ländern zurück."

Prof. Klaus Stöhr, Virologe und Epidemiologe

Die Ständige Impfkommission bleibt erstmal bei Ihrer Empfehlung: Eine Impfauffrischung möglichst schnell für alle über 70 und für besonders gefährdete Personen.

"Bei Corona können wir im Moment noch nicht sagen, wann de facto für jeden dann eine Booster-Impfung wirklich notwendig sein wird im Sinne von, dass also tatsächlich dann keine ausreichende Schutzwirkung mehr da ist. Da ist einfach die die Nachbeobachtungszeit für die allermeisten jetzt hier noch viel zu kurz."

Prof. Christian Bogdan, Mitglied der STIKO

Seit Neuestem gehört Gesundheitsminister Spahn zum Team Booster-Impfung für alle.

"Also dass es so einen Unterschied macht, einen so klaren auch um eine Welle zu brechen, ist ja eine Erkenntnis, die wir erst seit wenigen Tagen, Wochen haben."

Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister

Wirklich?

Man könnte meinen, dass man einfach nur auf Israel schauen müsste. Hier gibt es seit dem Sommer Auffrischimpfungen. Und eine Inzidenz, die seit zwei Monaten stark sinkt.

Mahmud Matar leitet ein Impfzentrum in Tel Aviv und hat fast ein schlechtes Gewissen, dass wir heute zum Dreh erschienen, und keine Patienten da sind.

"Es ist ein einfach etwas leer."

Mahmud Matar, Impfzentrum Tel Aviv

Der Grund liegt auf der Hand: In Israel konnte bereits jeder, der wollte, eine Auffrischimpfung bekommen. Insgesamt ist knapp die Hälfte der Bevölkerung zum dritten Mal geimpft.

"Bevor wir die dritte Impfung hatten, waren die Corona-Stationen in jedem großen Krankenhaus in Israel voll. Aber jetzt sind die quasi leer."

Mahmud Matar, Impfzentrum Tel Aviv

Israel hat zwar früh mit den Auffrischimpfungen begonnen, doch am Anfang gab es sie auch hier nicht für die gesamte Bevölkerung.

"Wir haben mit den Auffrisch-Impfungen bei den vulnerablen, den Organtransplantierten-Patienten begonnen und konnten einen Anstieg der Antikörper feststellen. Dann hat die Regierung eine sehr wichtige Entscheidung getroffen: Die gesamte Bevölkerung zu impfen."

Prof. Arnon Afek, Ehemaliger Director General, Israelisches Gesundheitsministerium

Ein Grund warum in Israel so viele schon die dritte Impfung haben: Der Grüne Pass, den man zum Beispiel beim Stadion-Besuch braucht, ist nach der zweiten Impfung nur sechs Monate gültig. Dann benötigt man eine Auffrischimpfung, um weiter ausgehen zu können.

Solche Regelungen gibt es in Deutschland nicht.

"Das ist jetzt ein junger Patient, der jetzt an ner anderen Herz-Lungen-Maschine liegt."

Dr. Arnim Geise, Oberarzt Klinikum Nürnberg

So gut wie alle Patienten, die auf der Intensivstation in Nürnberg um ihr Leben ringen, sind ungeimpft. Dieser Familienvater Anfang 40 ist nicht mehr infektiös, doch er liegt weiterhin erstmal im künstlichen Koma.

Klinikum Nürnberg

Dr. Arnim Geise, Oberarzt Klinikum Nürnberg: "Wenn man sich das Beatmungsgerät anschaut: Der kann gar keine eigenen Atemhügel machen, so verbacken ist die Lunge. Und wir hoffen jetzt einfach, dass sich nicht noch neue Komplikationen entwickeln und die Lunge sich spontan wieder so heilt, dass er ohne so ein Gerät wieder lebensfähig ist. Und er dann irgendwann auch wieder ein normales Leben nach ganz langer Reha-Zeit führen kann."

report München: "Und wie gut sind die Chancen dafür?"

Dr. Arnim Geise, Oberarzt Klinikum Nürnberg: "Vielleicht 20 bis 30 Prozent bei ihm."

Beata und Andrzej Pytlak wurde vor drei Tagen Blut abgenommen, um die Antikörper zu bestimmen. Jetzt bekommen Sie das Ergebnis:

"Bei Ihnen ist es so, dass ein Abbau vorhanden ist, im normalen Maße würde ich sagen. Sie sind aber etwas höher als der Durchschnitt sechs Monate nach der Zweitimpfung. Also ich würde sagen, dass ist eine gute Nachricht. Das zeigt, dass ihr Immunsystem sehr gut angesprochen hat auf die Impfung. Auf der einen Seite ist das jetzt kein Grund, die Drittimpfung nicht zu machen."

Dr. Michael Weier, Allgemeinmediziner, München

Andrzej Pytlak ist über 60 und Risikopatient. Er bekommt deshalb die Auffrischimpfung sofort. Und auch seine Frau hat schon einen Termin ausgemacht.

Die vierte Infektionswelle hat Deutschland voll im Griff. Die Impfkampagne: stockend, die Politik: unkoordiniert und die Intensivstationen: oft proppenvoll. Schlecht für alle.

"Wir kommen auch immer wieder in die Situation, wo ich einen jungen, onkologischen Patienten hab, der ein Intensivbett braucht und einen Impfverweigerer, von dem ich vielleicht sogar noch weiß, dass er irgendwie Corona leugnet oder irgendwie als Querdenken drauf ist. Und ich habe nur ein Bett, dann kommt man einfach in Gewissenskonflikte. Das ist so. Und wahrscheinlich muss auch einfach mal die Gesellschaft diskutieren, wie man knappe Ressourcen am besten verteilt."

Dr. Arnim Geise, Oberarzt Klinikum Nürnberg

Auf Deutschlands Intensivstationen rechnen sie mit dem Schlimmsten für die nächsten Wochen.


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