Report München


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Urlaub im Ausnahmezustand Deutsche Touristen in der Türkei

Trotz sehr hoher Corona-Zahlen wirbt die Türkei um deutsche Touristen. Das Land braucht die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr dringend. Die Bundesregierung signalisiert Zustimmung. Hinzu kommt eine nach wie vor angespannte Lage der Menschenrechte. Ein Stimmungsbild vor Ort bei deutschen Touristen und Erdogan-Kritikern von ARD-Türkeikorrespondeten Oliver Mayer-Rüth.

Von: Oliver Mayer-Rüth

Stand: 18.05.2021

Deutsche Touristen trotz Corona in der Türkei. Bisher trauen sich jedoch nur wenige Urlauber aufgrund der Pandemie an die Ägäis oder die türkische Riviera. Dabei hat das türkische Tourismusministerium scharfe Regeln für Hotels und Mitarbeiter eingeführt. Diese müssen überall und immer Maske tragen, während Touristen von der Maskenpflicht befreit sind.

Christofer, Kai-Michael und Maciej sind aus Ratingen bei Düsseldorf an die Ägäis gekommen und überzeugt, es war die richtige Entscheidung – trotz vieler Warnungen von Politikern und Experten in Deutschland. 

Maciej Nojman und Christofer Atmannsperger

"Ich für mich selber, Sorgen um mich selbst habe ich mir nicht gemacht, sondern wenn einem die Möglichkeit gegeben wird, mit einem PCR-Test und den ganzen Arrangements im Hotel hier, die dafür geleistet werden, um einen sicheren Urlaub zustande zu bringen, warum sollte man das nicht wahrnehmen."

Christofer Atmannsperger, Urlauber

"Wir werden ja jeden Tag getestet. Die Temperatur wird getestet. Maskenpflicht, Abstand halten usw. Von daher, wenn das alles funktioniert, warum soll man das nicht machen."

Maciej Nojman, Urlauber

Viele Hotels halten kostenfreie Quarantänezimmer vor

Solange sich keiner infiziert, ist die Urlaubsidylle perfekt. Und für Erkrankte halten inzwischen viele Hotels Quarantänezimmer vor. In den meisten Fällen für die Urlauber kostenfrei, bis sie wieder gesund sind.

Die Stadt Didim, knapp 100km weiter südlich. Auch hier sind derzeit deutsche Staatsbürger, die aber lieber noch heute zurück nach Deutschland wollen, als einen Tag länger in der Türkei zu bleiben. 

Wenige hundert Meter vom Strand entfernt haben die deutsch-kurdische Sängerin Hozan Cane und ihre Tochter Gönül Örs eine vorübergehende Bleibe gefunden. Die Kölnerin Cane saß wegen haltloser Terrorvorwürfe zweieinhalb Jahre im Gefängnis. Das Urteil wurde aufgehoben. Jetzt gibt es einen neuen Prozess. Ihre Tochter will vor zwei Jahren die Mutter in Haft besuchen. Direkt nach der Einreise in die Türkei erlässt ein Richter eine Ausreisesperre, die Vorwürfe sind ähnlich haltlos. Auch gegen sie läuft ein Verfahren. Das Interview wollen sie drinnen geben, damit die Nachbarn nichts hören. Beide sehen sich als Gefangene des türkischen Präsidenten Erdogan, dürfen das Land nicht verlassen.

"Ich kann sein, wo ich will, momentan in der Türkei. Es wird nicht enden oder mich definitiv nicht glücklich machen, wenn ich nicht zuhause bin. Ich bin hier Geisel, ich werde hier als Geisel festgehalten."

Gönül Örs

Ihre Mutter ist aufgrund der langen Haft seelisch angeschlagen. Sie habe ihr Deutsch im Gefängnis verlernt, sagt sie. Ihr größter Wunsch sei es, nach Köln zurückzukehren.

"Ich habe Deutschland immer sehr geliebt und mich wie eine Deutsche gefühlt. Ich träume davon, dort den Rest meines Lebens zu verbringen. Die Türkei hingegen versuche ich zu vergessen. So viel Leid haben sie uns zugefügt."

Hozan Cane

Deutsche Touristen kommen trotz rechtstaatlicher Probleme und Erdogan

Mutter und Tochter wünschen sich, der deutsche Außenminister Maas würde sich mehr für ihre Rückkehr nach Deutschland einsetzen. Entsetzt sind sie über den Besuch des türkischen Außenministers in Berlin. Denn Maas macht sich jetzt für eine rasche Normalisierung des Tourismus in der Türkei stark.

"Wir wollen, dass im Sommer so viel Urlaub möglich ist, wie eben verantwortbar ist, und daran werden wir weiterarbeiten."

Heiko Maas, SPD, Deutscher Außenminister

"Die sollen erst mal die Deutschen nachhause lassen, die hier unfreiwillig sind und dann können gerne die Deutschen, die hier Urlaub machen wollen, kommen. Weil, die würden dann aus freien Stücken entscheiden, hierhin zu kommen. Aber ich glaube, aus meiner Position raus, kann ich nur sagen, die sollen erst mal mich nachhause gehen lassen, weil ich möchte, nicht weiter hier in diesem Land bleiben."

Gönül Örs

Doch wann sie zurück nach Deutschland können, ist ungewiss. Ständig wird der Prozess vertagt.

"Ich habe keine Ahnung, was uns hier in der Türkei erwartet. Der Prozess war bisher nicht gerecht, es war ein politisch motivierter Prozess, daher weiß ich nicht, welcher Weg vor uns liegt."

Hozan Cane

In einem funktionierenden Rechtsstaat wären beide längst von allen Vorwürfen freigesprochen. Deutsche Touristen kommen trotzdem in die Türkei. Trotz rechtstaatlicher Probleme und Erdogan.

"Er sagt nicht immer wirklich das Richtige, macht nicht immer das Richtige. Da müsste man mal einen Riegel vorschieben. Aber das ist auch schwer. Aber um die Leute hier zu unterstützen, sind wir eigentlich auch gerne immer hier."

Horst Kluth, Urlauber

"Ich lass die Politik immer außen vor."

Christofer Altmannsperger, Urlauber

"Die Politik ist die eine Sache und die Menschen, die hier leben, die andere."

Maciej Nojman, Urlauber

Vor einigen Wochen lag die Inzidenz in Istanbul bei Tausend

Istanbul. Vor einigen Wochen lag hier die Inzidenz bei Tausend. Bis vergangenen Sonntag galt 17 Tage lang ein verschärfter Lockdown. Die Menschen durften nur noch zum Arbeiten und zum Einkaufen von Lebensmitteln vor die Türe. Selbst den Kauf von Alkohol untersagte die islamisch-konservative Regierung vorübergehend.

Touristen hingegen durften sich während des gesamten Lockdowns überall in der Türkei frei bewegen und im Hotel Alkohol trinken.

Professor Küçükosmanoğlu, Generalsekretär der regierungsunabhängigen Istanbuler Ärztekammer, bestätigt einen Rückgang der Inzidenz aufgrund des verschärften Lockdowns. Doch die von der Regierung veröffentlichten Zahlen sieht er kritisch.

"Wir hatten von Beginn an Zweifel, an den vom Gesundheitsministerium veröffentlichten Zahlen. Aber trotz dieser Zweifel sehen auch wir, dass die Zahlen runtergehen. Die Öffnung muss jetzt kontrolliert und schrittweise stattfinden. Während des Lockdowns hätten mehr Impfungen durchgeführt werden müssen, um die Gesellschaft zu immunisieren. Leider ist aber die Zahl der Impfungen zurückgegangen."

Prof. Osman Kücükosmanoglu, Generalsekretär der regierungsunabhängigen Istanbuler Ärztekammer

Gönül Örs und ihre Mutter Hozan Cane haben bisher keine Impfung bekommen. Cane hatte vor wenigen Wochen Corona. Einen Arzt konnte sie sich nicht leisten. Ab Juni stehen sie wieder vor Gericht. Beide rechnen damit, dass sie hier weiterhin festsitzen, während ihre deutschen Landsleute in der Türkei Urlaub machen.

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