Report München


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"Hört auf die Jugend!" Theo Waigel im Interview

Theo Waigel, der ehemalige Bundesfinanzminister, Vater des Euro und langjährige CSU-Vorsitzende - sein Wort hat nach wie vor Gewicht. Im report-Interview warnt er vor Populisten und Feinden der Demokratie, erklärt, warum der Euro für ihn die einzig richtige Währung für Europa ist und fordert die Politiker aller Parteien auf, aus dem Klimawandel Konsequenzen zu ziehen.

Von: Birgit Kappel, Philipp Grüll

Stand: 16.04.2019

(Filmeinspieler) Auf dem Friedhof von Niederbronn liegen 15 000 deutsche Soldaten begraben, die im Zweiten Weltkrieg in Frankreich gefallen sind. Und dass ausgerechnet Theo Waigel heute zu Gast war, hat einen Grund. Sein Bruder August Waigel hat hier die letzte Ruhestätte gefunden.

Theo Waigel: „Es war natürlich ein prägender Augenblick in meinem Leben. Ich war fünf Jahre alt, als der Bürgermeister von Oberrohr zu uns ins Haus kam und meiner Mutter und meinem Vater mitteilte, dass mein Bruder, der 18 Jahre alt war, gefallen ist… Es gibt einen Brief. Ich weiß nicht, ob den meine Eltern mir vorgelesen haben. Aber er hat mich natürlich zutiefst berührt, wo er an mich selbst schreibt. ‚Lieber Theo, will jedoch heute auch mal einige Zeilen senden, wirst mir schon böse sein, weil ich dir so lang nicht geschrieben habe. Vielleicht komme ich bald heim zu dir. Dann raufen wir wieder ein bisschen. Dann ist wieder alles vergessen…‘ Und dann. Ein anderer Brief. An die Eltern. ‚Ich denke mir schon manchmal, wenn es mich gleich erwischen würde. Aber, es lebt doch jeder gern.‘ Ein 18-Jähriger, der wenige Tage vor seinem Tod schreibt: ‚Aber es lebt doch jeder gern. Nun will ich für heute schließen. Und seid recht herzlich gegrüßt.‘ Wenige Tage später war er tot.“

Birgit Kappel: „Warum lassen Sie den Leser so sehr in Ihre Seele schauen?“

Theo Waigel: „Weil ich damit natürlich auch eine Botschaft an die junge Generation vermitteln möchte. Das, was damals geschehen ist, nicht zu vergessen. Und in eine andere Zukunft blicken zu können. Und es hat natürlich mein Leben auch bewegt. Wir leben Gott sei Dank in einer anderen Welt und haben es in der Hand, unsere Zukunft zu gestalten und das ist mein Appell an die junge Generation: ihre Zukunft in die Hand zu nehmen. Zu verhindern, dass nie mehr so etwas passiert. Den Populisten und Feinden der Demokratie, entschieden entgegenzutreten und für Europa einzutreten, denn mein Kollege Hans-Dietrich Genscher hat einmal gesagt: Das ist das Beste, was wir haben.“

(Filmeinspieler) Ein Erfolgserlebnis konnte heute der damit nicht geradezu verwöhnte Bundesfinanzminister für sich verbuchen. Die neuen Euro-Münzen - vorerst noch auf dem Papier - werden hart sein, härter als die Kriterien allemal. Theo Waigel sieht in der Einführung der Münzen eine Vertrauen schaffende Maßnahme, gegen die Euroskeptiker.

Birgit Kappel: „Es gibt ja nach wie vor Menschen, die stehen dem Euro skeptisch gegenüber, die haben mit Europa ein Problem. Verstehen Sie die auch ein Stück weit?“

Theo Waigel: „Ich kann sie verstehen und ich versuche sie zu verstehen. Aber ich versuche sie auch zu überzeugen. Denn mit 27, 28 oder 30 verschiedenen Währungen wäre es uns die letzten 10, 15 Jahre miserabel gegangen. Es hätte eine ständige Auf- und Abwertung untereinander gegeben. Währungsturbulenzen wären entstanden, Gegenmaßnahmen, Auf- und Abwertungen all das wäre ganz sicher nicht schön für die deutsche Wirtschaft und auch nicht für die Menschen gewesen.

Birgit Kappel: „Das Thema Grenzkontrollen hat letztes Jahr fast die Regierung gesprengt. Sollte sich da die CSU nicht vielleicht auch ehrlich machen? Man sieht ja jetzt, das Ganze hat nicht viel gebracht, dass man sagt, wir machen die Grenzen wieder auf, wir sind schließlich ein Europa?“

Theo Waigel:Der Streit hat sich nicht gelohnt. Natürlich muss es möglich sein, wenn alle anderen Maßnahmen nicht mehr helfen auch die eigene Grenze zu schützen. Das habe ich immer vertreten. Aber jede andere Lösung, jede europäische Lösung, jede bilaterale Lösung ist besser. Der Streit hat sich jedenfalls nicht gelohnt, weder für die CSU noch für die CDU.“

Filmeinspieler: Greta Thunberg: „Die Politiker und Mächtigen sind viel zu lange damit davongekommen, nichts gegen die Klimakrise zu tun. Aber wir werden dafür sorgen, dass sie damit nicht mehr davonkommen.“

Birgit Kappel: „Wie kommt das bei Ihnen an?“

Theo Waigel: „Ja ich war auch als Schüler schon politisch aktiv. Bin mit 17 Jahren in die Junge Union eingetreten und wir wollten die Welt verändern. Wir wollten raus aus der Welt von gestern, raus aus der Pädagogik der Angst aus der Theologie der Angst wie sie damals herrschte. Und was uns damals bewegt hat. Das darf man heute, muss man heute den jungen Menschen auch zugestehen. Insofern müssen wir das ernst nehmen, wenn das die Politik nicht ernst nimmt, dann werden solche Bewegungen über die Politik hinweggehen.“

Birgit Kappel: „Der Klimawandel wird als konkrete Bedrohung wahrgenommen. Hat da auch Ihre Politikergeneration was falschgemacht, falsche Weichen gestellt?“

Theo Waigel: „Jede Generation hat ihre Herausforderungen und muss sich an dem messen lassen, was zu dem Zeitpunkt bekannt ist. Zu der Zeit, als wir regierten, waren die Umweltzerstörungen jedenfalls naturwissenschaftlich nicht in der Weise dargelegt. Aber man muss daraus jetzt die Konsequenzen ziehen. Das ist gar keine Frage. Und Deutschland sollte wieder eine Vorreiterrolle in der Klimapolitik spielen wie das bis vor ein paar Jahren der Fall gewesen ist.“

Birgit Kappel: „Raten Sie das jetzt auch Ihrer CSU?“

Theo Waigel: „Ja sicher. Der CSU, der CDU, der Kanzlerin, die da mal vorbildlich war, und wo es an Dynamik auch in der Bundesrepublik Deutschland nachgelassen hat.“


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