Report München


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Millionenschäden durch Telefonbetrüger Opfer hoffen auf Entschädigung

Die Täter sind skrupellos, ihre Masche ist raffiniert. Rund 120 Millionen Euro soll eine Bande von Telefonbetrügern in Deutschland erbeutet haben. Die Ermittlungen führen ins Milieu arabisch-türkischer Clans. Jetzt wurden 67 Betrüger von einem Gericht in Izmir verurteilt. Deutsche Opfer hoffen, ihr Geld zurückzubekommen.

Author: Fabian Mader

Published at: 11-10-2022

Wir treffen eine Frau. Skrupellose Betrüger brachten sie mit einer unglaublichen Masche um Ihre Ersparnisse.

"Da klingelte das Telefon, und es meldete sich Oberhauptkommissar Stein. Hier ist gerade eine Rumänen-Bande festgenommen worden und in deren Rucksack befanden sich von mir eine Kopie meines Ausweises und dann noch Pistole und Messer. Wow."

Frau P.

Was die Rentnerin zu diesem Zeitpunkt nicht ahnt: Kommissar Stein ist kein Polizist, sondern ein Betrüger. Er will an ihr Erspartes: "Das Geld ist bei Ihnen zu Hause auch nicht mehr sicher. Wir gehen Nummer sicher, bei uns bei der Polizei wird es deponiert."

Eine Frau in Polizeiuniform holt das Geld bei ihr ab. Ein fünfstelliger Betrag.

Gespräch mit Betrugsopfer

Frau P.: "Dieser Mann, der hat eine Fähigkeit besessen, die war so ungeheuerlich. Weil man mich eigentlich nicht so schnell so reinlegen kann. Und er hat es geschafft."

report München: "Ich habe jetzt hier auch noch Fotos von ihrem Kommissar Stein, wollen Sie die sehen?"

Frau P.: "Ja, ich will denn sehen, ich will mal gucken, ob ich herausfinde, wer es sein könnte. Augenblick. Also, wenn es einer ist, von diesen ganzen, dann ist es er."

report München: "Korrekt. Wie haben Sie das jetzt erkannt?"

Frau P.: "Ja, so ist er, so locker, leicht, freundlich."

Gibt es eine Chance, das Geld zurückzubekommen?

Was sie jetzt noch nicht weiß: Vielleicht gibt es eine Chance, das Geld zurückzubekommen. Der falsche Polizist rief von der Türkei aus an - er gehört zu einer Bande von Telefonbetrügern. Hunderte Menschen sollen sie mit ihrer Masche betrogen haben.

Amar S.

Er soll der Kopf der Bande sein: Amar S. Er stammt aus Bremen. Vor mehr als zehn Jahren kommt er wegen Einbrüchen vor Gericht - und flieht aus dieser Zelle in die Türkei. Hier fühlte er sicher und soll die Masche falscher Polizist mit aufgebaut haben. So deutsche Fahnder. Mit Familienangehörigen aus dem Umfeld des Miri-Clans.

Im Internet prahlten seine Komplizen mit ihrer Beute. Viele von ihnen sind in Deutschland aufgewachsen. Ende 2020 ist damit Schluss. Die türkische Polizei nimmt dutzende Betrüger fest, stellt 60 Millionen Euro sicher.

report München berichtete bereits im Februar darüber.

Im September fällt das Landgericht in Izmir das Urteil - 400 Jahre Haft für den Hauptangeklagten Amar S. Dessen Anwälte wollen nicht mit uns sprechen, dafür die Anwältin zweier Mit-Verurteilter.

"Wir haben ein Strafmaß von zwei Jahren und einem Monat bekommen. Wir sind alle total schockiert und haben mit so einem Ergebnis nicht gerechnet."

Özay Aygün, Anwältin der Verteidigung

Sie will nun in Berufung gehen. Erleichterung dagegen in München - diese Einheit der Münchner Polizei war an den Ermittlungen von Deutschland aus beteiligt. Désirée Schelshorn findet das Urteil gerecht.

"Was ich viel wichtiger finde, ist, dass durch diese Verurteilung wirklich unsere Geschädigten diese Möglichkeit haben, dass sie ihren Schaden zurückbekommen."

Désirée Schelshorn, stv. Leiterin AG Phänomene, Polizeipräsidium München

Aber ob das klappt? Eigentlich hat der Richter für 39 deutsche Opfer türkische Anwälte bestellt - aber die Kommunikation ist schwierig - wie uns eine Anwältin in Izmir bestätigt.

"Ich habe mit niemandem gesprochen. Die Mandantin, die ich vertrete, hat mich noch nicht kontaktiert. Vielleicht weiß Sie gar nicht, dass ich Sie vertrete."

Selin Tuğçe Şimşek, Opferanwältin

Über 60 Millionen Euro bei der Bande gefunden

Und die Frau, die auf die Bande hereingefallen ist? Wir zeigen ihr eine Kopie des Urteils. Sie hört davon zum ersten Mal.

Gespräch mit Betrugsopfer

report München: "Kompliziertes Deutsch, aber ganz wichtig ist das Wort Rückgabe."

Frau P: "Die Rückgabe der Güter. Was heißt das konkret?"

report München: "Da geht es darum, dass das Gericht Ihnen Ihr Geld zurückgeben möchte. Die haben ein Vermögen von etwa 60 Millionen Euro bei der Bande gefunden insgesamt."

Frau P.: "60 Millionen?"

report München: "60 Millionen Euro."

Frau P.: "Wow. Das heißt, hab ich das jetzt richtig verstanden? Es könnte eventuell sein, dass ich noch mal das Geld, dass ich noch mal mein sauer verdientes Geld noch mal bekomme?"

report München: "Das ist auf jeden Fall der Plan. Aber Sie wussten von all dem nichts?"

Frau P.: "Nein."

Weitere großangelegte Polizeiaktion in der Türkei

Polizeiaktion in der Türkei

Schon bald könnten noch sehr viel mehr Opfer aus Deutschland Ansprüche anmelden. Denn völlig überraschend kommt es wenige Tage nach dem Urteil zu einer weiteren, großangelegten Polizeiaaktion in der Türkei. Wieder geht es gegen ein kriminelles Netzwerk falscher Polizisten. Spezialkräfte stellen laut türkischen Medien knapp 30 Millionen Euro an Vermögen sicher. 

Nehmen rund 30 Personen fest - darunter den mutmaßlichen Kopf der Bande. Wer ist dieser Mann? Gemeinsam mit rbb24 Recherche gehen wir auf Spurensuche, treffen einen Clan-Experten in Deutschland.

Wie Amar S. stammt auch der zuletzt Inhaftierte aus Bremen. Auch er soll mit der Masche "falscher Polizist" Menschen betrogen haben, so Fahnder. Und: Amar S. und der jetzt festgenommene Mann seien entfernt miteinander verwandt.

"Beide gehören ja den hier lebenden Großfamilien an. Gleiche Ethnie, gleicher Herkunftsort, Familienangehörige oder verschwägerte Familien, die das Konstrukt der Bande bilden. Und das ist letztendlich das, was landläufig als Clankriminalität bezeichnet wird."

Ehemaliger Ermittler, Bremen

Täter fühlten sich sicher

Eine Zusammenarbeit zwischen deutschen und türkischen Behörden hat es in dieser Größenordnung wohl noch nie gegeben - Münchner Polizisten haben ihre türkischen Kollegen monatelang unterstützt. Auch der mutmaßliche Boss der zweiten Bande fühlte sich in der Türkei sicher.

"Er hat ganz oft auch ein Profilbild von sich selber mit drin gehabt in den sozialen Medien, also, es war ganz einfach, ihn zu identifizieren, weil ich glaube, so ein bisschen dieser Hochmut ist jetzt eben am Schluss, ist ihm einfach auf die Füße gefallen."

Désirée Schelshorn, stv. Leiterin AG Phänomene, Polizeipräsidium München

Der Täter war also völlig sorglos?

"Der war völlig sorglos, vielleicht auch ein bisschen arrogant."

Désirée Schelshorn, stv. Leiterin AG Phänomene, Polizeipräsidium München

Auch er soll jetzt in der Türkei vor Gericht gestellt werden - neue Hoffnung für Opfer, ihr Geld zurückzubekommen.


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Markus Tilli, Dienstag, 18.Oktober 2022, 20:15 Uhr

1. telefonbetrug

Mal eine Frage ?! Zum Betrug gehören immer zwei ! Derjenige der es versucht u. der andere der drauf einfällt !

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