Report München


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Terrorbrutstätte Afghanistan Wie gefährdet ist Deutschland?

Nach beinahe zwanzig Jahren im Einsatz verlassen die letzten US-Soldaten Afghanistan. Die Taliban triumphieren. Welche Folgen hat das für die Sicherheit in Europa? report München trifft internationale Experten; aber auch Afghanen, die in letzter Sekunde dem Schrecken von Kabul entkommen sind. Was denken, was meinen Sie: Kehrt der Terror nach Deutschland zurück?

Von: Ulrich Hagmann, Ahmet Senyurt

Stand: 31.08.2021

Ein Treffen in München. Unser Ansprechpartner will unerkannt bleiben. Er sagt, er stehe auf einer Todesliste der Taliban. Der Grund: Er habe eng mit der gestürzten Regierung von Afghanistan zusammengearbeitet. Erst vor wenigen Tagen kehrte er nach Deutschland zurück.

Unser Ansprechpartner ist deutscher Staatsbürger. Er war wegen einer Beerdigung in Afghanistan. Er stammt aus einer angesehenen Politikerfamilie, die eng mit dem Vize-Präsidenten verbunden ist und Widerstand gegen die Taliban leistet.

"Das ist ganz schlimm, wer mit dem Vizepräsidenten zusammengearbeitet hat, der ist jetzt in Lebensgefahr. Die Taliban und Al Quaida Leute, die gehen von Haus zu Haus und erschießen unsere Leute. Das sind Tausende, die jetzt in Lebensgefahr sind."

Anonymer Ansprechpartner

Ortswechsel, eine Wohnung am Stadtrand von Stuttgart. Najib Rahmady und Abdullah Habibi bangen um ihre Freunde und Verwandten in Kabul.

"Es ist schade, die Amerikaner schießen auf die Taliban und Taliban schießen zurück und was, arme Leute sind tot. Ich kann nicht schlafen, gar nicht, mein Vater ist da, meine Schwester ist da und ganze Familie sind da."

Najib Rahmady, Ehemaliger Nato-Dolmetscher

Die beiden arbeiteten vor 10 Jahren in Afghanistan als Dolmetscher für die Nato, sie leben seit Jahren in Deutschland. Aber Abdullah Habibi war bis Ende August in Kabul, besuchte dort seine Eltern, im letzten Moment kam er in ein Flugzeug.

"Das war am Samstag, ich habe es geschafft, dass ich reinkomme in den Flughafen, und dann bis ich geflogen bin, habe ich immer noch... ich war nicht sicher, aber bis Flugzeug schon geflogen war in der Luft und dann habe ich dann Ding bekommen."

Abdullah Habibi, Ehemaliger Nato-Dolmetscher

Fatale Symbolkraft

Machtübernahme der Taliban

20 Jahre liegen zwischen diesen Bildern: Der Anschlag am 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York, der Sturz der Taliban durch die westliche Allianz, die Rückkehr der Taliban an die Macht im August 2021. Der chaotische Abzug des Westens. In der neutralen Schweiz, an der Universität Bern, sieht Professor Reinhard Schulze die Entwicklung mit Sorge. Die Symbolkraft der Bilder sei fatal, meint er.

"Weil hier die Taliban symbolisch für manche in der islamischen Welt gezeigt haben, dass sie in der Lage sind, dem Westen auch die Stirn zu bieten, sofern der Westen in der islamischen Welt ist. Das ist ja eben kein Angriff auf den Westen gewesen, sie wie 9/11, sondern ein eine Art von Verteidigungshaltung gegenüber dem Westen."

Prof. Reinhard Schulze, Islamwissenschaftler Universität Bern

Auch in den USA wird diese Symbolik genau registriert. In Washington am renommierten Wilson Center sprechen wir mit dem Terrorismus-Experten Michael Kugelman.

"Was wir in den letzten Wochen gesehen haben, war ein Sieg der Taliban-Propaganda nach dem anderen. Es gibt nichts, was diese Militanten mehr aufrüttelt, als zu sehen, wie ausländische Streitkräfte vertrieben werden."

Michael Kugelman, Terrorismus Experte, Wilson Center USA

Tausende Terroristen in Afghanistan

Nicht nur die Taliban triumphieren, laut einem UN-Bericht vom Mai 2021 befinden sich in Afghanistan auch tausende Terroristen des Islamischen Staates, abgekürzt IS, und von Al-Qaida. Allein der IS hat im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet 1500 bis 2200 Kämpfer stationiert, Al-Qaida soll dort 500 Kämpfer unter Waffen haben.

Vordergründig sind die Jihadisten zerstritten. Aber: Sie eint der Hass auf den Westen. Sie alle sinnen auf Rache, wegen des Einmarsches in Afghanistan, wegen des Todes Osama Bin Ladens, wegen des Drohnenkrieges. Für sie geht der Kampf gegen den Westen weiter und sie haben Pläne, sagt unser Ansprechpartner:

"Die versuchen derzeit alles, um Unruhe und Terror in den Westen zu bringen und die nutzen die Situation am Flughafen um Kämpfer in die westlichen Länder zu schleusen. Die haben große Pläne für Anschläge. Wir haben große Angst vor der Rache von Al-Qaida."

Anonymer Ansprechpartner

Kann das sein: Und wie groß ist die Gefahr, dass durch die Evakuierungsflüge Kämpfer in den Westen gelangt sind? In Frankreich wurde ein evakuierter Afghane verhaftet, 4 weitere stehen unter Beobachtung wegen möglicher Terror-Kontakte. In Berlin treffen wir den israelischen Geheimdienstspezialisten Shlomo Shpiro. Auch er ist darüber besorgt; verweist aber auf eine viel größere Gefahr. 

Evakuierungsflüge nicht die größte Gefahr

"Eine Terrororganisation mit einem geografischen Gebiet ist viel gefährlicher als eine Terrororganisation ohne Gebet, die sich ständig verstecken muss, bewegen muss. Und ich glaube, viele Extremisten sitzen jetzt zuhause, um zu sehen, ob sie in Afghanistan jetzt willkommen werden. Und wenn ja, werden Sie sich auf den Weg machen."

Prof. Shlomo Spiro, Bar-Illan Universität, Tel Aviv

Auch für Professor Schulze in Bern stellen nicht die Evakuierungsflüge die größte Gefahr dar.

"Gefährder sind eher diejenigen, die jetzt schon in Europa sind und schon die ganze Zeit über sich Sympathien gegenüber dem islamischen Chat oder den Taliban versucht zu arbeiten und die dann gegebenenfalls mit einer Aktion in Europa zu zeigen versuchen, dass sie loyale Parteigänger des islamischen Staates oder der Taliban sind."

Prof. Reinhard Schulze, Islamwissenschaftler Universität Bern

Und in Afghanistan droht nach dem Rückzug des Westens eine Hungersnot.

"Aber momentan die Leute gestorben wegen Essen. Mein Vater ist 80 Jahre alt, wenn er zwei Tage nicht isst, was passiert?"

Najib Rahmady, Ehemaliger Nato Dolmetscher

Hunger und Terror, das ist die Bilanz in Afghanistan nach 20 Jahren Militäreinsatz. Eine Riesenblamage für den Westen und ein enormer Rückschlag im Krieg gegen den Terror. 

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