Report München


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Bomben gegen Rom Deutschland und der "Freiheitskampf" in Südtirol

Südtirol vor 60 Jahren: Eine Serie von Sprengstoffanschlägen erschüttert die italienische Provinz. Im Kampf für mehr Autonomie schrecken "Freiheitskämpfer" - so nennen sie sich selbst - auch vor Gewalt nicht zurück. Es gibt Tote. Geheime Ermittlungsberichte deutscher Behörden zeigen, dass die Attentäter damals auch aus Deutschland Unterstützung hatten.

Von: Astrid Halder, Helga van Ooijen

Stand: 12.10.2021

11. Juni 1961: Rund um Bozen bebt der Talkessel: 37 Strommasten explodieren. Die sogenannte "Feuernacht". Auftakt einer ganzen Anschlagsserie im Kampf um mehr Selbstbestimmung. Unterstützung kam auch aus dem Ausland. München spielte eine wichtige Rolle: als Rückzugsort und für die Materialbeschaffung für den Bombenbau:

"Zu diesem Zweck haben wir dann in München Uhren gekauft und zwar Taschenuhren. Und zwar aus dem Grund, weil dann konnte der Kauf nicht nachverfolgt werden. Diese Uhren haben wir dann zu Zeitzündern umgebaut, mit denen man dann eine Sprengung auslösen konnte."

Herlinde Molling, damals 'Befreiungsausschuss Südtirol'

Die Mollings leben in Innsbruck, sie ist Kunsthistorikerin, er Bilderhauer - damals Eltern einer kleinen Tochter. Nach außen: ein bürgerliches Leben. Lange wusste fast niemand, dass sie vor 60 Jahren Anschläge vorbereiteten und durchführten:

"Mir persönlich ging es nur um Gerechtigkeit."

Herlinde Molling, damals 'Befreiungsausschuss Südtirol'

Viele empfinden die Trennung Tirols als willkürlich

Sie meint: Gerechtigkeit für Menschen jenseits der Brenners, in Südtirol. Heinrich Oberleiter, damals 17, Sohn einer südtiroler Bauernfamilie. Auch er war in der Feuernacht dabei. "Zurückgesetzt" und "benachteiligt" habe man sich gefühlt, sagt er: 

"Jetzt müssen wir was machen, weil das Recht ist mit Füßen getreten worden. 40 Jahre lang sind die Italiener mit genagelten Schuhen auf uns herumgetrampelt. Und jetzt brauchen sie sich nicht wundern, wenn wir drauf kommen, dass wir auch Genagelte anhaben können."

Heinrich Oberleiter

Viele - auf beiden Seiten des Brenners - empfinden die Trennung Tirols als willkürlich. Nach dem ersten Weltkrieg ging Südtirol als Kriegsbeute an Italien. Gegen den Willen der deutschsprachigen Bevölkerung. Rom will die Region italienisieren - in Schulen zum Beispiel durfte kein Deutsch gesprochen werden. Eine Politik, die auch unter Hitler und Mussolini - und nach dem 2. Weltkrieg -fortgesetzt wird: "In der Provinzhauptstadt Bozen zeigt sich Veränderung Südtirols besonders deutlich. 1910 sprachen von 28 000 Einwohnern 26 500 deutsch, 1960 von 79 000 nur noch 18 000." (Filmausschnitt)

Lange war der Protest friedlich, als sich nichts ändert, werden die Rufe nach gewaltsamen Widerstand lauter. Eine zentrale Rolle spielt der Befreiungsausschuss Südtirol, kurz BAS. Mit Aktivisten aus Süd- und Nordtirol. Auch die Mollings machen dort mit. Über Monate bereiten sie die Feuernacht vor, einen Anschlag auf das Industriegebiet in Bozen. Der BAS kennt das Stromnetz, plant für jeden einzelnen Strommasten die Sprengung.

Die Mollings haben damals einen zweiten Wohnsitz in München und ein Auto mit deutschem Kennzeichen - damit transportieren sie Sprengstoff. Sie nutzen den Wagen ...

"Um ein deutsches Urlauberpaar darzustellen, das auf sehr lustiger Urlaubsfahrt unterwegs ist. Und damit konnte man Sprengstoff liefern."

Herlinde Molling, damals 'Befreiungsausschuss Südtirol'

Rom schickt Militär

Dann im Juni 61 die Feuernacht! Mehr Aufmerksamkeit für das Südtirolproblem und mehr Rechte für die Menschen dort, wollten die Attentäter. Doch es kommt anders: Rom schickt Militär. Auch ihn: Pietro Antonioli ist im Piemont geboren, als junger Soldat gerät er unfreiwillig in den Konflikt:

"Wenn ich diese Bilder sehe, erinnere ich mich an den Wachdienst, als wir die ganze Nacht wach vor Angst waren. Angst, angegriffen zu werden, weil wir Soldaten sind. Wenn wir die Kraftwerke und Stromleitungen bewacht haben, war auch immer ein Brigadier der Carabinieri dabei, damit wir jederzeit hätten eingreifen können."

Pietro Antonioli, ehemaliger Soldat

Die Behörden greifen durch: es gibt unzählige Verhaftungen. Und Folterungen.

"Als diese Folterungen bekannt wurden ist eigentlich erst die große Symphatiewelle im In- und Ausland und auch in Südtirol losgebrochen. Ich würde sagen, die Misshandlungen und auch das Bekanntwerden der Misshandlungen haben dem Befreiungsausschuss Südtirol weit mehr gebracht als die Feuernacht."

Christoph Franceschini, Journalist und Buchautor

Oberleiter und seine Mitstreiter werden gesucht. Durch ein Fahndungsplakat der Italiener werden sie als „Pusterer Buam“ bekannt: Oberleiter flieht ins Ausland, nach Österreich und Deutschland - kehrt nur noch für Anschläge zurück.

Die Gewalt eskaliert

In Südtirol eskaliert die Gewalt - die sich längst nicht mehr nur gegen Sachen richtet. Es gibt Tote. Die Lage wird immer unübersichtlicher. Teile des italienischen Geheimdienstes sind angeblich in Anschläge verwickelt, um das die Autonomiebewegung zu diskreditieren. Mindestens 37 Menschen sterben - auf beiden Seiten.

Aus Deutschland mischen sich rechtsnationale Kreise ein - das wird auch in Italien so wahrgenommen: "Il Messaggero bezeichnet fast täglich Bayern als das Ursprungsland für die Gewalttaten in Südtirol." (Filmausschnitt)

Tatsächlich ermittelt hier seit 1961 das Landeskriminalamt. report München liegt ein Ermittlungsbericht vor - er ist bis heute Verschlusssache. Es geht dabei um den Burger-Kreis... Norbert Burger ist Österreicher, an Anschhlägen beteiligt. Mischt in der neonazistischen Szene in Deutschland mit, taucht in München über Monate unter. Im BAS galt offiziell: keine Gewalt gegen Menschen -  Burger dagegen: skrupellos:

"Unter Mord versteht man bekanntlich die Tötung aus gemeinen, niedrigen Motiven und das kann man ja den Aktionen der Freiheitskämpfer nicht unterstellen, dass sie solche verfolgen."

Norbert Burger

Die Akten belegen Burgers Verbindungen nach Deutschland: 

"Das ist ein Spitzelbericht von diesem Spitzel Fausto. Es geht da um Sprengstofflieferungen. er sagt da, dass 250 Gramm Sprengstoff aus Ingolstadt kommen. Drei Automatische Gewehre aus deutscher Fabrikation, zwei amerikanische Pistolen  - und dass alles versteckt wird am Starnberger See."

Christoph Franceschini, Journalist und Buchautor

 In Italien wächst der Druck, eine politische Lösung zu finden. Die Verhandlungen zwischen Rom und Südtirol werden mit Unterstützung aus Wien intensiviert.

Oberleiter wurde inzwischen in Abwesenheit zu zweimal lebenslänglich verurteilt. Die deutschen Behörden schreiben im Burger-Bericht dass in der Einsatzgruppe der Attentäter auch Heinrich Oberleiter war. Trotzdem lebt er unbehelligt in Bayern ... ihm wird damals ein Anschlag in Mailand vorgeworfen. Die bayerische Polizei ermittelt zurückhaltend:

"Auf alle Fälle sind sie gekommen und haben gesagt, ja sie wissen schon, dass ich schon länger da bin. Aber sie haben sich gedacht, sie lassen mich mal ankommen."

Heinrich Oberleiter, damals 'Befreiungsausschuss Südtirol'

Was hat die Gewalt bewirkt?

Die Justiz stellt das Verfahren bald ein, er wird nicht nach Italien ausgeliefert, lebt bis heute in Franken. Herlinde Molling geriet nie ins Visier der Behörden, heute sind ihre Taten verjährt. Als sich eine politische Lösung abzeichnete, stellt sie alle Aktivitäten ein. Was aber hat die Gewalt bewirkt?

"Die Anschläge haben nicht die Autonomie gebracht. Sie haben aber die Lösung des Südtirolproblems beschleunigt. Duch diesen Unruheherd ist ein internationaler Druck auf Italien zugekommen, dass man eine Lösung finden musste."

Christoph Franceschini, Journalist und Buchautor

Pietro Antonioli findet in Südtirol eine neue Heimat:

"Ich habe immer versucht meine Pflicht zu tun, das haben die Menschen hier auch so gesehen - und das wurde akzeptiert. Da gab es nie blöde Sprüche."

Piedro Antonioli

Seit 50 Jahren ist Südtirol autonom. Heute ist die Region wohlhabend und: ein Vorbild in Europa für friedliches Zusammenleben...


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