Report München


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Suchtkliniken am Limit Verzweifelte Patienten, gestresste Ärzte

Vor allem Langzeittherapien sind für Drogenabhängige schwer zu bekommen, manche müssen mehr als ein Jahr warten. Die Kliniken sind überfüllt. Ausgerechnet in dieser Lage will die Bundesregierung Cannabis legalisieren, das häufig Teil der Suchtdiagnose ist.

Von: Gabriele Knetsch

Stand: 31.10.2022

Der schwerste Gang, den eine Mutter gehen kann. Ihr Sohn starb Anfang des Jahres an einer Überdosis. Heroin, Kokain und anderen Stoffen. Daniel war 21. 

"Frust, Enttäuschung über das ganze System. Die Trauer ist immer da. Hauptsächlich ist es Frust, weil wir nichts tun konnten."

Gabriele Ketterl

Als 15-Jähriger fing Daniel mit Cannabis an - und rutschte immer tiefer in die Sucht. Erst letztes Jahr erfuhr es die Mutter.

"Hier war er so. Und ja, hier war er so, hier haben wir auch nicht mitgekriegt, dass er hier unten seine Drogen drin gelagert hatte. - Könnten sie das mal zeigen, wo die Drogen waren? - Die hatte er hier unten drin in der Wäsche versteckt."

Gabriele Ketterl

Als sie merkt, was los ist, will sie ihren Sohn retten.

Vergebliches Warten auf einen Therapieplatz

"Ich habe insgesamt circa 25 Suchtkliniken angeschrieben. Ich habe Suchtambulanzen angerufen. Ich habe Ärzte angerufen."

Gabriele Ketterl

Alles umsonst. Sie kann nicht verstehen, dass es so wenig Langzeittherapieplätze gibt.

"Wenn der rechtzeitig in eine Klinik in einer Langzeit Entzug gekommen wäre, hätte er vor allem jetzt am Schluss gerettet werden können. Weil er wollte. Seit November letzten Jahres wollte er. Aber es war nichts, das war nichts frei. Da war nichts zu kriegen, überall nicht. Tut uns leid, wir haben keine Plätze."

Gabriele Ketterl

Drogenkonsum und Zahl der Drogentoten steigt

Tatsache ist, Drogenkranke warten oft viele Monate auf eine Langzeittherapie. Für etliche ist das zu lang. Die Zahl der Drogentoten hat sich in den letzten 10 Jahren fast verdoppelt. Trauriger Rekord: 1826 Menschen starben 2021 an Drogen. Der Konsum steigt. Bei härteren Drogen leicht, bei Cannabis massiv. Über die Hälfte der über 18-Jährigen hat schon mal konsumiert. Ein Viertel nimmt es auch öfter.

Leon besuchen wir auf einer Entgiftungsstation. Auch für ihn begann der Einstieg mit Cannabis.

"Aber vor allem Jugendliche wie ich, mit 14, 15, 16 - ich habe mit 16 mit Cannabis angefangen -  haben doch eine toxische Verbindung dazu. Werden abhängig."

Leon Bischof

Leon litt an einer Depression. Und beschaffte sich immer stärkere Drogen. Süchtig machende Tabletten. Die Entgiftung dokumentiert er mit Zustimmung der Ärzte in sozialen Medien. 47.000 Follower: "Ich entgifte von Opioiden, hauptsächlich Oxicodon […] Mir geht es heute deutlich schlechter, man hört es auch an der Stimme." (Tik Tok-Videos, Leon Bischof)

Die dreiwöchige Entgiftung ist für Leon nur der erste Schritt. Um wirklich clean zu werden, braucht er einen Platz in einer Langzeittherapie. Ansonsten droht ein Rückfall. Seine Follower berichten ihm.

"Viele viele Leute schreiben mir, sie brauchen Hilfe, und zwar jetzt. Aber es ist keine Hilfe frei. Auch in Entzugskliniken ist es so, dass man teilweise Monate auf einen Platz wartet."

Leon Bischof

Zumindest bei der Entgiftung gibt es große Fortschritte.

Gespräch mit dem Arzt

Dr. Henrik Rohner, Suchtmediziner Uniklinik Bonn: "Wichtig wird sein, dass Sie, wenn Sie hier fertig sind, dass sie dann eine weitere psychiatrisch und psychotherapeutische Behandlung bekommen."

Leon Bischof: "Auf jeden Fall. Und danach geht es nur noch bergauf."

Cannabis soll legal werden - schon für 18-Jährige

Drei Monate später. Er hat immer noch keinen Langzeittherapie-Platz. Wir sind dabei, als er es bei mehreren Therapeuten versucht. Bei einer Therapeutin sind Patienten abgesprungen. Therapiebeginn aber erst im neuen Jahr.

"Sie sind jetzt die erste und einzige Person, die ich damit erreichen konnte. Ich habe 20 Leute abtelefoniert. Wenn ich mal durchgekommen bin, hieß es, ein halbes Jahr, ein Jahr. Was Schnelleres als Sie scheint es nicht zu geben."

Leon Bischof

Zurück in Bayern. Auch Gabriele Ketterls Sohn Daniel hat entgiftet - bekam dann aber keine Langzeittherapie. Er wurde rückfällig.

"Warum wird es so totgeschwiegen? Da sterben Kinder. Da werden Kinder angefixt. Das darf nicht sein, das muss Thema werden. Ich sehe die Verantwortlichen in der Politik und im Gesundheitssystem."

Gabriele Ketterl

Die Politik? Sie will erstmal Cannabis legalisieren - die Droge, die sowohl für Leon als auch für Daniel der Einstieg war. 20-30 Gramm Cannabis sollen künftig erlaubt sein. Schon für 18-Jährige. 

Experten warnen vor schweren Folgen von Cannabis bei Jugendlichen

Gerade für junge Menschen sei die Freigabe von Cannabis hochgefährlich, warnt die Chefin einer psychiatrischen Klinik in Berlin.

"Unsere Gehirne wachsen bis Mitte 20, und insofern ist das natürlich ein riesiges Problem, da Cannabis im Gehirn an den Stellen andockt, wo Gedächtnis, Lernleistung, Konzentration, Antrieb entsteht. Und das kann auch ein lebenslanger Schaden werden."

Dr. Iris Hauth, ärztliche Direktorin der Alexianer St. Joseph-Klinik Berlin Weissensee

Durch die Legalisierung könnte es noch mehr Anfragen in psychiatrischen Kliniken geben, warnen Experten.

"Meine Befürchtung bei der Cannabis-Legalisierung ist natürlich, dass die Quote derer, die schwere Psychosen bekommen, dann steigen wird, so wie es in anderen Ländern ja passiert ist."

Dr. Henrik Rohner, Suchtmediziner Uniklinik Bonn

Wir konfrontieren Gesundheitsminister Karl Lauterbach mit unseren Recherchen. Der Medizinprofessor war früher selbst entschiedener Gegner der Cannabis-Legalisierung. Anfrage bei einer Pressekonferenz: "Viele Suchtkliniken sind überfüllt, teilweise lange Wartezeiten. Was plant die Bundesregierung vor dem Hintergrund der Cannabis-Legalisierung, um die Kapazitäten zu erhöhen?"

"Das ist nicht nur etwas, was wir erkennen, dass es da einen großen Bedarf gibt, sondern da wird es eine Lösung geben."

Karl Lauterbach, Bundesgesundheitsminister

Wann und wie es dazu kommen wird? Kein Wort dazu auf der Pressekonferenz. Gabriele Ketterl ist enttäuscht. Sie hält diese Ankündigung für viel zu unkonkret. Junge Drogensüchtige bräuchten Hilfe, und zwar schnell.

"Wenn ein Kind freiwillig sagt, ich will, er hat gesagt, ich brauche Hilfe, dann muss die Möglichkeit da sein, dann müssen Kapazitäten da sein, dass diesem Kind geholfen wird. Dann kann nicht ein Gesundheitssystem sagen, nein, tut mir leid, wir haben keine Plätze mehr. Wir sind komplett überfüllt. Das kann nicht sein."

Gabriele Ketterl

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Susanne Guhl, Leitung Suchtberatungsstelle in Nds., Freitag, 04.November 2022, 20:43 Uhr

17. Chance vertan - neue Reportage über das Suchthilfesystem wäre nötig!

Ich bin entsetzt über diesen wirklich schlecht recherchierten Bericht!
Es wurde u.a. die Chance vertan, hier Informationen zum umfangreichen Suchthilfesystem in Deutschland zu geben, die der betroffenen Mutter offensichtlich bisher niemand gegeben hat. Der erste Weg von Betroffenen und Angehörigen sollte in eine Suchtberatungsstelle führen. Hier gibt es durch ausgebildete Berater*innen und Suchttherapeuten*innen ausführliche Beratung zu den passenden Hilfsmaßnahmen, und Anträge für stationäre Suchttherapien müssen in der Regel auch über die Beratungsstellen laufen. Es gibt Möglichkeiten, hier durch regelmäßige Gespräche Wartezeiten auf stationäre Behandlungsplätze zu überbrücken, es gibt auch das Angebot der Ambulanten Suchtththerapie in den Fachstellen für Sucht und Suchtprävention bei gut ausgebildeten Suchttherapeuten - oder gibt es die nicht in Bayern??

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Redaktion, Freitag, 04.November 2022, 11:37 Uhr

16. Antwort auf Kommentare Teil 1

In unserem Filmbetrag haben wir zwei Fälle dokumentiert, bei denen die Patienten nach Aussage ihrer Eltern, bzw. Freunde Drogen konsumierten und als erste Droge Cannabis konsumierten. Damit treffen wir keine Aussage darüber, inwieweit Cannabis grundsätzlich als Einstiegsdroge zu betrachten sei. Selbstverständlich ist die Suchtgefahr durch Alkohol und Nikotin ebenfalls ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Allerdings sehen wir darin kein Argument, die Gefahr durch den Konsum von Cannabis nicht zu thematisieren. Tatsache ist: Der Konsum illegaler Drogen steigt, massiv bei Cannabis, geringer bei anderen Drogen. Diese Informationen sind der aktuellen Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, „Der Substanzkonsum Jugendlicher und junger Erwachsener in Deutschland“ zu entnehmen. Mediziner und Fachgesellschaften verweisen darauf, dass Cannabis insbesondere für junge Menschen unter 25 aus gesundheitlichen Gründen nicht empfehlenswert sei. (1/2)

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Redaktion, Freitag, 04.November 2022, 11:36 Uhr

15. Antwort auf Kommentare Teil 2

Sowohl die Deutsche Fachgesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) als auch der Berufsverband für Kinder- und Jugendärzte machen gesundheitliche Bedenken geltend und empfehlen den Schutz junger Menschen vor Cannabis. Suchtmediziner verweisen zudem auf die durch Studien belegte Zunahme der Gefahr von Psychosen durch Cannabis. Dies sind schwerste psychiatrische Erkrankungen, die zu Klinikeinweisungen führen können. (2/2)

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Redaktion, Freitag, 04.November 2022, 11:34 Uhr

14. Antwort auf Kommentare

Sowohl die Deutsche Fachgesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) als auch der Berufsverband für Kinder- und Jugendärzte machen gesundheitliche Bedenken geltend und empfehlen den Schutz junger Menschen vor Cannabis. Suchtmediziner verweisen zudem auf die durch Studien belegte Zunahme der Gefahr von Psychosen durch Cannabis. Dies sind schwerste psychiatrische Erkrankungen, die zu Klinikeinweisungen führen können. (2/2)

Antworten

Redaktion, Freitag, 04.November 2022, 11:33 Uhr

13. Antwort auf die Kommentare

In unserem Filmbetrag haben wir zwei Fälle dokumentiert, bei denen die Patienten nach Aussage ihrer Eltern, bzw. Freunde Drogen konsumierten und als erste Droge Cannabis konsumierten. Damit treffen wir keine Aussage darüber, inwieweit Cannabis grundsätzlich als Einstiegsdroge zu betrachten sei. Selbstverständlich ist die Suchtgefahr durch Alkohol und Nikotin ebenfalls ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Allerdings sehen wir darin kein Argument, die Gefahr durch den Konsum von Cannabis nicht zu thematisieren. Tatsache ist: Der Konsum illegaler Drogen steigt, massiv bei Cannabis, geringer bei anderen Drogen. Diese Informationen sind der aktuellen Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, „Der Substanzkonsum Jugendlicher und junger Erwachsener in Deutschland“ zu entnehmen. Mediziner und Fachgesellschaften verweisen darauf, dass Cannabis insbesondere für junge Menschen unter 25 aus gesundheitlichen Gründen nicht empfehlenswert sei. (1/2)

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