Report München


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report-Mitbegründer Trauer um Dagobert Lindlau

Als Journalist leitete und prägte er das ARD-Magazin report München, arbeitete viele Jahre als Chefreporter des BR und moderierte unter anderem zwölf Jahre lang den ARD-Weltspiegel. Dagobert Lindlau wurde 88 Jahre alt.

Von: Sebastian Kemnitzer

Stand: 04.12.2018

Mit 75 schrieb Lindlau ein Buch mit dem Titel "Reporter: Eine Art Beruf". Ein Titel, der perfekt zu Lindlaus Leben passt. Über Jahrzehnte war er als Reporter einer, der das Programm des Bayerischen Rundfunks und der ARD mit seiner Arbeit maßgeblich prägte. Dafür bekam er viel Applaus seiner Zuschauer - und wichtige Journalistenpreise - unter anderem dreimal den begehrten Grimme-Preis.

Er erlebte Geschichten, die mehr als nur ein Buch füllen könnten: In Italien saß er im Gefängnis, die Mafia bedrohte ihn mit dem Tode, er war unterwegs im Drogenmilieu. Unterwegs zu sein, das war Zeit seines Lebens das Credo für Lindlau. Als Journalist könne man sich nur dann ein richtiges Bild machen, wenn man vor Ort ist.

"Dank auch denen, auf die man zählen konnte, wenn Widerstand geleistet werden musste."

Dagobert Lindlau in einem letzten Brief

Lindlaus Vermächtnis

Dagobert Lindlau hat dem BR einen Brief hinterlassen, in dem er zurückblickt auf seine Zeit als Fernseh-Reporter: „Beruflich war ich immer dann glücklich, wenn ich als Reporter mit den Besten der ARD arbeiten konnte. Auf die war Verlass. Auch dann, wenn wir, auch gegen den Druck von parteipolitischen Interessen, versuchen mussten, dem wichtigsten Privileg unserer Zuschauer zu dienen: nämlich deren Recht zu erfahren, was los ist.“

Dagobert Lindlau erinnert sich und dankt, wie wir es von ihm gewohnt waren: kurz, auf den Punkt, aufrecht:

"Dank auch denen, auf die man zählen konnte, wenn Widerstand geleistet werden musste. Ohne sie wären die demokratischen Fürstenherrschaften der Parteien und Verbände nicht zu ertragen und die Herausgabe des Senders nicht zu verhindern gewesen. Dank aber vor allem unseren Zuschauern, auf die man sich immer verlassen konnte, wenn es eng wurde."

Dagobert Lindlau

Der junge Lindlau: Bombenangriff knapp überlebt

Lindlau wurde 1930 in München geboren, als Jugendlicher überlebte er einen Bombenangriff im Jahr 1944 schwer verletzt – fast zwei Jahre war er deswegen ans Bett gebunden. Nach dem Abitur schrieb er erst für Zeitschriften und Zeitungen, bevor er 1954 das Fernsehen für sich entdeckte. Auf seiner Homepage heißt es dazu: "1954 lockte mich das Fernsehen. Ich wollte mit echten Menschen und Ereignissen zu tun haben."

Von "Anno" zu "report München"

1962 gestaltete Lindlau das Magazin "Anno" in das bis heute bestehende ARD-Politmagazin "report München" um und prägte das Magazin maßgeblich, unter anderem als Redaktionsleiter. In dieser Zeit interviewte er Persönlichkeiten wie Willy Brandt, Heinrich Böll und Theodor Adorno. Für ein Interview mit dem Philosophen Max Horkheimer, den Lindlau als seinen Lehrer bezeichnet, bekam er den Grimme-Preis.

"Stolz bin ich auf einen Grimme-Preis für das Interview mit Max Horkheimer zum 'faschistischen Antifaschismus' im Jahr 1967. Es war eine Kritik am politischen Kampf und an einem Klima, in dem die RAF mit Mord und Totschlag für eine gerechte Welt kämpfen wollte."

Dagobert Lindlau

Immer wieder zog Lindlau in den kommenden Jahren ins Ausland, nach Japan, in die USA, in den Nahen Osten, immer wieder in Kriegsgebiete. Diese Einsätze mündeten schließlich in der Moderation des Weltspiegels – 12 Jahre lang präsentierte Lindlau das Auslandsmagazin der ARD, bevor er 1987 Korrespondent in Wien wurde. Danach kehrte er als Chefreporter zum BR zurück.

Vielfach ausgezeichnet – Ratgeber für junge Kollegen

Dagobert Lindlau wurde für seine Arbeit vielfach ausgezeichnet. Seine Bücher "Der Mob" und "Der Lohnkiller" wurden zu Bestsellern – der Journalismus und insbesondere die Arbeit als Reporter ließ Lindlau nie los, gerne stand er bis zuletzt jüngeren Kollegen mit Rat und Tat zur Seite.

BR-Chefredakteur Christian Nitsche würdigt Lindlaus Lebenswerk:

"Lindlau stand jederzeit aufrecht, verkörperte Unabhängigkeit. Sagen, was ist, ob es gefällt oder nicht, dies war sein Prinzip. Er war im besten Sinne widerborstig, ließ sich nicht einschüchtern, kämpfte für prinzipientreuen Journalismus. Das Publikum lernte ihn kennen als ebenso kritische wie authentische Instanz in der politischen Debatte. Lindlau prägte immer wieder die öffentliche Diskussion, weil er die Dinge ohne Umschweife beim Namen nannte. Wir trauern um einen Menschen, der in schwierigen Zeiten Orientierung bot, der Gefahren auf sich nahm, um Klarheit zu schaffen. Seinem Lebenswerk gebührt unser Respekt."

Christian Nitsche, BR-Chefredakteur


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