Report München


17

Verunsicherte Eigentümer, besorgte Kommunen Wie teuer wird energetische Gebäudesanierung?

Laut EU-Parlament soll es strengere Anforderungen an die Energieeffizienz von Gebäuden geben. Auf die Eigentümer von Altbauten, aber auch auf Deutschlands Kommunen können hohe Kosten zukommen.

Von: Gabriele Knetsch, Sabina Wolf

Stand: 24.04.2023

Eschenbach in Bayern. Hermine Bolte erwartet Besuch aus der Nachbarschaft. Das EU-Parlament will Eigentümer verpflichten, energetisch zu sanieren. Das treibt hier viele um. Vor ein paar Wochen sprach die Rentnerin in report München über ihre Sorgen zum Verbot von Öl- und Gasheizungen. Ihr Interview im Fernsehen haben viele hier gesehen.

"Jeder hängt an seinem Haus. Jeder hat viel investiert. Und: Jetzt trifft es besonders den Rentner, Leute mit kleinem Einkommen. Und: Dass wir für den Klimaschutz sind, ist ja klar, für die Sanierungen sind wir! Aber wie sollen wir es finanzieren und das ist das Thema, wo wir uns austauschen."

Hermine Bolte

Viele hier sind aufgebracht. Denn in Eschenbach wohnen viele Menschen in älteren Einfamilienhäusern. Die meisten sind energetisch nicht auf dem neuesten Stand.

Nachbarn

Anita Zehrer: "Hast du keine Nachkommen, die das mit stützen könnten oder übernehmen, dann bist du gezwungen zu verkaufen."

Herbert Binner: "Das Haus kannst du verkaufen. Oder fast schon verschenken."

Marita Gradl: "Also man fragt sich wirklich, wie man mit einem Gehalt das finanzieren möchte, das man sich aufgebaut hat."

Auch das Haus von Hermine Bolte ist sanierungsbedürftig. Was die Umrüstung kostet, will ihr ein Energieberater sagen. Er wird später noch zu ihr kommen.

Wie mit den Ängsten der Menschen umgehen? In Rheinland-Pfalz besuchen wir den Umweltpsychologen Gerhard Reese. Er fordert klimapolitische Maßnahmen. Aber:

"Ich meine, da schwingt natürlich auch 30, 40 Jahre Politikversagen mit. Wir hatten viel, viel Zeit, Klimaschutz auf den Weg zu bringen. Es wurde leider mit den letzten Regierungen nicht nur in Deutschland, weltweit, oft versäumt. Und natürlich kann ich diese Sorgen total nachvollziehen. Deswegen ist es umso wichtiger, dass die Politik, diese Maßnahmen, diese Veränderungen so gestaltet, dass sie sozial gerecht sind."

Prof. Gerhard Reese, Technische Universität Rheinland-Pfalz

Straßburg - 14. März. Das Europäische Parlament stimmt für eine neue EU-Gebäudesanierungs-Richtlinie. Die Mitgliedsstaaten müssen noch zustimmen.

Demnach sollen Gebäude entsprechend ihrer Energie Effizienz in eine Skala eingeteilt werden. Danach ist G die schlechteste Energieeffizienzklasse, A gilt als die beste. Die Richtlinie würde viele Eigentümer verpflichten, zu sanieren - bis 2030 auf Klasse E, bis 2033 sogar auf Klasse D. Öffentliche Gebäude sollen die beiden Klassen drei Jahre vorher erreichen.

Energetische Sanierung - unbezahlbar für viele Kommunen?

Ist das zu schaffen? Wir sind im Löwenberger Land, in Brandenburg, 60 Kilometer nördlich von Berlin. Bürgermeister Pieter Schneider führt uns durch seine Gemeinde und will uns den Zustand einiger öffentlicher Gebäude hier zeigen.

"Unser Schulstandort ist energetisch eine Vollkatastrophe."

Pieter Schneider, Bürgermeister Löwenberger Land, Brandenburger Vereinigte Bürgerbewegungen/Freie Wähler

Die 45 Jahre alte Libertas Schule ist in einer ganz niedrigen Energieeffizienzklasse angesiedelt. Daran besteht für den Bürgermeister kein Zweifel. Die Sanierung wäre deshalb ein Muss.

"Wir haben es im Sommer sehr schön warm und im Winter sehr schön kalt. Also Energieeffizienz tendiert Richtung Null, weil einfach der Umfang der notwendigen Arbeiten außerhalb der Möglichkeiten eines Haushalts sind. […] Es sind Summen von 25, 30 Millionen im Spiel."

Pieter Schneider, Bürgermeister Löwenberger Land, Brandenburger Vereinigte Bürgerbewegungen/Freie Wähler

Doch die hat die Kommune nicht.

"Nee. Also der Umfang der Arbeiten, die Größenordnung und insbesondere jetzt auch die Anforderungen, die uns durch die neue Gesetzgebung angetragen sind, die sind außerhalb des für uns Machbaren."

Pieter Schneider, Bürgermeister Löwenberger Land, Brandenburger Vereinigte Bürgerbewegungen/Freie Wähler

Der Bürgermeister hält klimapolitische Maßnahmen für wichtig. Zusammen schauen wir uns den Beschluss des Europa-Parlaments zur EU-Gebäuderichtlinie an. Schneiders Fazit: ohne finanzielle Hilfe ginge es nicht:

"Wenn wir mit dieser neuen Gesetzgebung Tempo in diese Sanierung kriegen, schön. Aber dann müssen entsprechend auch die Töpfe geöffnet werden, derer wir uns bedienen können."

Pieter Schneider, Bürgermeister Löwenberger Land, Brandenburger Vereinigte Bürgerbewegungen/Freie Wähler

Bei wie vielen öffentlichen Gebäuden in Deutschland wären energetische Sanierungen nötig? Was weiß die Bundesregierung dazu? Auf Anfrage erklärt das zuständige Bundesbauministerium: 'Es gibt in Deutschland bislang kein Register, dass den Energieverbrauch von Gebäuden der öffentlichen Hand erfasst.'

Hohe Kosten für Hausbesitzer?

Und auch für private Gebäude gibt es keine Daten. Hermine Bolte will es genau wissen. Ein Energieberater soll Klarheit schaffen. Ihr Elternhaus - Baujahr 52.

Gespräch mit Energieberater

Thomas Graml, Energieberater: "Uiuiui! […] Die Rohrleitungen sind teilweise nicht gedämmt. Aufsteigende Feuchtigkeit überall. Aber isoliert sollte das Ganze werden. Das kostet Geld."

Beim Gang durchs Haus wird die Sanierungs-Liste immer länger.

Thomas Graml, Energieberater: "Das Dach selber ist nicht gemacht worden. Außendämmung ist halt bei Ihnen problematisch."

Hermine Bolte: "Herr Graml, wenn wir alles zusammen rechnen, auf welche Investitionen muss ich mich einstellen?"

Thomas Graml, Energieberater: "Da liegen wir bei ungefähr bei 150.000 bis 160.000 Euro."

Wieviel muss die Rentnerin am Ende selbst aufbringen? Die geplante EU-Richtlinie sieht Förderungen vor. In welcher Höhe ist noch offen.

Thomas Graml, Energieberater: "Es ist leider so, weil ich habe mit einem Bankberater gesprochen habe und der hat gesagt, ältere Leute kriegen halt keinen Kredit."

Hermine Bolte: "Ja, ja, das ist es."

Die neuen Sanierungs-Pläne der EU - Auch Bürgermeister Pieter Schneider ist verunsichert.

"Wir basteln gerade an Lösungen und stopfen ein Loch nach dem anderen. […] Wir als Kommune können uns diese Investitionen schlichtweg nicht leisten."

Pieter Schneider, Bürgermeister Löwenberger Land, Brandenburger Vereinigte Bürgerbewegungen/Freie Wähler

Eigentlich hat er nur für ein einziges Gebäude Geld für eine Sanierung. Für die Kita "Spiel-Paradies". Zwar ist hier alles blitzblank geputzt und gepflegt. Doch die Energieeffizienz ist gelinde gesagt miserabel. Kann man das Gebäude sanieren? Auf diese Frage antwortet der Bürgermeister nur mit einem Seufzen. Für den Neubau der Kita hat Löwenberg in den letzten fünf Jahren achteinhalb Millionen Euro zurückgelegt.

"Mit diesem Projekt sind unsere Rücklagen dann auch schnell auch aufgebraucht."

Pieter Schneider, Bürgermeister Löwenberger Land, Brandenburger Vereinigte Bürgerbewegungen/Freie Wähler

Energetische Sanierungen: Eine gigantische Herausforderung für viele Kommunen und Hauseigentümer.

Vergangene Woche in München auf der Bau 2023, einer der wichtigsten Fachmessen, wenn es um Gebäude geht. Auch Bundesbauministerin Klara Geywitz ist da. Am Ende des Rundgangs stellt sie sich kurz unseren Fragen. Wie sollen die Bürger die nötigen Sanierungen bezahlen?

"Deswegen ist jeder Hausbesitzer gut beraten, stückchenweise Geld zurückzulegen, um sein Haus zu dämmen. Das macht aber jeder vernünftige Hausbesitzer auch, dass er kontinuierlich in sein Haus investiert. Aber wir werden keine Sanierungsauflagen machen, die dazu führen, dass Menschen ihr Haus verlieren."

Klara Geywitz, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen

Im Garten von Hermine Bolte zeigen wir ihren Gästen die Aussagen der Bauministerin.

"Na, na, ich muss ehrlich sagen. Hör auf."

Hermine Bolte

"Wenn die Frau Ministerin sagt, wir haben da keine Probleme, dann passt es. ja. Mehr kann ich nicht mehr dazu sagen."

Herbert Binner

"Du sollst was zurücklegen als Rentner für die Haussanierung."

Hermine Bolte

Doch wie das gehen soll, das weiß hier keiner. Die Eschenbacher wollen sich jetzt zusammenschließen und gemeinsam für ihre Interessen kämpfen.

Manuskript des report-Films zum Druck

Manuskript als PDF:


17

Kommentieren

Die Redaktion, Mittwoch, 26.April 2023, 13:03 Uhr

12. report München

Sie schreiben, dass wir in unserem Beitrag "so tun, als ob nun alles in den nächsten ein bis zwei Jahren passiert". Das ist nicht der Fall. Wir erwähnen in dem Beitrag ausdrücklich, dass dem Beschluss des Europäischen Parlaments noch die Mitgliedsstaaten der EU zustimmen müssen. Für diesen Fall hat das EU-Parlament bereits festgelegt, dass die Modernisierungs-Vorgaben für Privathäuser ab 2030 gelten sollen. Auch dies macht der Beitrag transparent. Das Europäische Parlament ist die Vertretung der Bürgerinnen und Bürger in Europa. Medien haben die Aufgabe, deren Arbeit öffentlich zu machen, damit sich Bürgerinnen und Bürger eine Meinung dazu bilden können. Erst recht gilt das bei einem Beschluss, der, sollte er Bestand haben, tiefgreifend in das Leben zahlreicher Hauseigentümer eingreifen könnte.

  • Antwort von Wolfgang PETER Dipl.Wirtsch.-Ing. (FH), Sonntag, 30.April, 16:05 Uhr

    Es ist ja wohl ein "Witz", daß Europäische Parlament als Vertretung der Bürger/Bürgerinnen zu bezeichnen.
    Wir waren jetzt 10 Tage in Urlaub auf einem Hof im Schwarzwald und haben uns sehr die schöne Umgebung angesehen.
    Aufgefallen sind uns u.a. die weit verstreuten grossen Hofanlagen an den Hängen und den Ortschaften.
    Womit dort geheizt wird, ist jedem denkenden Menschen klar, aber nicht HABECK und seinem beratenden "Clan".
    Diese Personen sollten sich erstmal mit den Lebensverhältnissen der Menschen in Deutschland beschäftigen, bevor sie einen solchen UNSINN produzieren.

Antworten

Bernd, Mittwoch, 26.April 2023, 11:53 Uhr

11. Energetische Gebäudesanierung

Vielen Dank für diese Panikmache. Es ist wünschenswert, wenn die Medien informieren und aufklären, aber dieser Beitrag war voll daneben. Es mag sein, dass in Brüssel solche Gesetze beschlossen wurden, aber die müssen erst einmal durch die Landesregierungen beschlossen werden. Wir haben noch nicht einmal die Einordnung der Gebäude in diese Stufen A-G. Dazu muss es erst einmal in Größenordnung Gutachter geben. Dann muss es Handwerker und Material geben. Das dürfte noch sehr lange dauern. Da will ich noch nicht einmal in andere Länder schauen, wo die Bausubstanz noch dramatischer ist. In diesen Beitrag dann so zu tun, als ob nun alles in den nächsten ein bis zwei Jahren passiert und somit eine Panikstimmung verbreitet wird, ist für einen öffentlich rechtlichen Sender unwürdig.Bayernwahl lässt grüßen.

  • Antwort von Viet, J., Mittwoch, 26.April, 15:41 Uhr

    Verstehe Sie nicht. Es ist Job von Medien auch Entwicklungen frühzeitig zu berichten, denn dann hat der Bürger noch eine Chance der Korrektur bzw. einer Debatte.
    Meines Erachtens ist da nichts von Panik. Panik verbreitet die vermeintlich letzte Generation.

    Ich begrüße ausdrücklich die Berichterstattung von BR und allen seinen Sparten. Ich wüsste keine Alternative dazu!
    Deshalb wünsche ich report aus München weiterhin viel Erfolg und gute Sendungen für uns Zuschauer.

    Danke

Antworten

Veit, Mittwoch, 26.April 2023, 09:23 Uhr

10. Wie teuer wird energetische Gebäudesanierung?

Wenn die Erderwärmung durch den Klimawandel in Europa doppelt so hoch ist wie im globalen Durchschnitt, dann stellt sich doch die Frage, ob diese aufwendige energetische Sanierung überhaupt notwendig ist. In Zukunft wird die Frage, wie man im Sommer kühlt, wahrscheinlich wichtiger werden als die Heizung im Winter. Eine gute Isolierung nützt dann zwar auch, trotzdem wären die Optimierungsparameter andere. Zum Beispiel Abschattung von Fenstern, um die Aufheizung der Innenräume zu vermeiden, oder heller Anstrich der Gebäude, um möglichst viel Sonnenlicht zu reflektieren.

Antworten

Ute Stein, Mittwoch, 26.April 2023, 00:23 Uhr

9. Früher war alles besser

Nein, sicher nicht. Aber ein Eigenheim war Altersvorsorge. Heute ist ein Eigenheim eine ungeplantes Risiko.
Die Hysterie zu Klimafragen wird langsam pathologisch.

Dürre? - Ja dann entwickelt ein Wassermanagement wie es einst die Römer geschafft haben. Quält nicht weiter die Wirtschaft und das Volk mit Energiepreisen, die langfristig zum Abschwung und Arbeitslosigkeit führen.
Grüne können gerne ökologisch sein, aber lasst bitte die Wirtschaft Fachleute machen.

  • Antwort von Veit, Mittwoch, 26.April, 09:13 Uhr

    Wenn ich mir die Augen zuhalte, dann sieht mich keiner.

    „Ja dann entwickelt ein Wassermanagement wie es einst die Römer geschafft haben.“

    Als ob sich die Situationen und der Wasserverbrauch vergleichen ließen! Am besten, wir führen auch das römische Zahlensystem wieder ein.

Antworten

Khun Nittiporn, Mittwoch, 26.April 2023, 00:15 Uhr

8. Thailand no problem

Bei uns laufen viele Aircondition und Strompreis 5,6 Baht. Energie sparen ist keine Thema.
Auto laufen vor Supermarkt weiter, damit es cool bleibt. Stromverbrauch pro Monat ist so bei 1200 kWh-Stunde also ein Drittel von deutsche Jahresverbrauch. Wegen viele Pumpen in Swimmingpool, aber auch große Kühlgeraete. Wasserheizung ist mit Tempomat mit 11,5 kwh. Heizt nicht so lange.
Strom is billig.

Antworten