Report München


8

Bankkunden ohne Lobby Wie Banken an der Zinsschraube drehen

Geld auf dem Konto wird von vielen Banken mit Negativzinsen belegt. Viele Bankkunden fürchten, dass ihr Geld immer weniger wird. Auch kleinere Guthaben sind mehr und mehr von negativer Verzinsung betroffen. Experten zweifeln, ob das rechtens ist. In Österreich müssen Sparguthaben positiv verzinst werden.

Von: Fabian Mader, Sabina Wolf

Stand: 12.10.2021

Dominik Greiwe war schon als Grundschüler Kunde bei der Volksbank Münsterland-Nord. Aber jetzt will ihn seine Bank kündigen, sollte er sich weigern, Negativzinsen auf sein Erspartes zu zahlen, so schreibt sie ihm: "Sofern es zu keiner Vereinbarung bis zum 30.09.2021 kommt, sind wir gezwungen, eine Kündigung auszusprechen."

Er hat die Frist verstreichen lassen. Jetzt will er die Sache klären.

"Ja, Dominik Greiwe hier. Schönen, guten Tag. Ich wollte mal nachfragen, ich hatte von Ihnen ein Schreiben gekriegt wegen der Negativzinsen, was da jetzt wie weiter passieren muss."

Dominik Greiwe (Telefonat)

Kein Einzelfall. Bei den Verbrauchzentralen, wie hier in Hamburg, gehen in der Online-Sprechstunde derzeit viele Hilferufe von Bank- und Sparkassenkunden ein, denen Kündigung droht.

"Viele Verbraucher sind frustriert, fühlen sich erpresst, sind auch zum Teil verzweifelt, weil die einzige Lösung ist, die Bank zu wechseln, woanders hinzugehen mit dem Geld. Und das ist ein Problem, weil andere Banken wollen das viele Geld ja auch gar nicht haben. Deswegen sind wirklich viele Verbraucher verzweifelt."

Sandra Klug, Verbraucherzentrale Hamburg

Negativzins teilweise ohne Freibetrag

Viele Banken und Sparkassen verlangen mittlerweile negative Zinsen. Sie nennen sie Verwahrentgelt. Meist berechnen sie minus 0,5 Prozent. Einige sogar ganz ohne Freibetrag. Die meisten berechnen die Negativzinsen erst ab einem bestimmten Guthaben. Das Geld wird weniger.

"Wir sehen ganz klar im letzten Jahr, dass die Freibeträge immer weiter sinken. Wir hören von Banken, die ab 5.000 Euro schon Verwahrentgelt nehmen, sogar ab 0 Euro gibt es. Das heißt, es gibt wirklich einen Trend nach unten."

Sandra Klug, Verbraucherzentrale Hamburg

Und das wirkt sich aufs Konto aus. Bei 50.000 Euro Guthaben - ohne Freibetrag - und 0,5% Minuszins - sinkt das Ersparte in 10 Jahren deutlich. Wir fahren nach Landsberg am Lech in Bayern. Hier wollen wir mit einer nicht repräsentativen Stichprobe herausfinden – welche dieser sechs Bankfilialen verlangen Negativzinsen? Wir geben uns als interessierte Kunden aus.  

Erstes Zwischenergebnis: Die Institute in Landsberg haben unterschiedliche Freibeträge, ab denen sie Minuszinsen verlangen. Bis zu einem bestimmten Betrag bleibt das Ersparte unangetastet. 

"Also man muss sagen, das Konto der Hypovereinsbank ist eigentlich ein gutes Angebot. Wir haben hier tatsächlich Verwahrentgelte, die gelten erst ab 100.000 Euro. Und wenn ich Gelder auf andere Konten lege, dann zählt das nicht mit rein. Also nur wenn auf dem Girokonto mehr als 100.000 Euro sind, wird das mit einem Verwahrentgelt belegt."

Fabian Mader, report München

Auch Sparbücher betroffen

Anders beispielsweise bei der Commerzbank. Hier wird das Ersparte auf allen Giro- und Einlagekonten zusammengerechnet – auch das von Sparbüchern. Ab 50.000 Euro Gesamtguthaben zahlen Kunden Strafzinsen. Wir werden sehen: andere Banken ziehen die Grenze noch sehr viel enger. Und das treibt viele Bürger in Landsberg um.   

Umfrage in Landsberg

report München: "Es geht um die Negativzinsen, die jetzt manche Banken verlangen für Einlagen."

Passanten:

"Ist mir bekannt"

"Man hat es uns angedroht."

"Da hatten wir auch schon gewisse Diskussionen über das Thema, aber es lässt sich im Moment ab einer gewissen Summe nicht umgehen."

"Man ist machtlos. Wo bringen die kleinen Leute ihr Geld hin?"

"Dann nehme ich mein Geld raus und lege es unters Kopfkissen."

"Da heißt es immer: Sparen Sparen fürs Alter, aber es geht nicht."

"Unmöglich finde ich das, für uns Kleinsparer. Die ganz Großen - die wird es sowieso nicht erwischen."

Auch Dominik Greiwe ist ratlos. Er sorgt sich wegen der Einnahmen aus dem Kinder-Reiterhof, den er mit seiner Familie betreibt. Über das Jahr spart er die Einnahmen aus den Reistunden an, um sie später für Futter und anderes auf einen Schlag auszugeben. Das Geld sammelt sich an und wird nun negativ verzinst werden.

"Wenn ich dann auf der einen Seite für ein Dispokredit noch über zehn Prozent bezahlen muss, auf der anderen Seite wenn ich ein Plus auf dem Konto habe, dafür Strafzinsen bezahlen muss, dann passt das vielleicht einfach irgendwie vom Verhältnis her nicht."

Dominik Greiwe

Negativzinsen in Österreich verboten

Wir fahren nach Wien. Denn in Österreich sind Negativzinsen auf Spareinlagen verboten. Deshalb sind sie bei Tagesgeld- und Sparkonten völlig unbekannt. Der Oberste Gerichtshof hat dort bereits 2009 entschieden: Spareinlagen müssen sich vermehren – dürfen also nicht weniger werden. Beate Gelbmann vom Verein für Konsumenteninformation hatte damals geklagt: 

"Zumindest vom System her muss es mehr werden und darf nicht weniger werden. Das hat der Oberste Gerichtshof hier dann ausdrücklich festgehalten. Und der Oberste Gerichtshof sagt auch, dass das Sparbuch nicht dazu dient, dass die Liquidität der Bank verbessert wird, sondern das Sparbuch dient eben der Geldvermehrung des Sparers. Auch für Tagesgeldkonten gilt das unseres Erachtens."

Beate Gelbmann, Verein für Konsumenteninformation

Auch die Verbraucherzentralen in Deutschland haben gegen mehrere Banken geklagt. Aber noch fehlt ein richtungweisendes Urteil des Bundesgerichtshofs.

Zurück in Landsberg. Wir haben uns von sechs Bankfilialen ein Angebot machen lassen. Negativsieger der nicht repräsentativen Stichprobe: die VR-Bank Landsberg-Ammersee. Neukunden zahlen hier Strafzinsen ab 10.000 Euro Guthaben. Die Bank zieht nicht nur 0,5%, ab, wie die meisten Institute, sondern 0,7%.

Forderung nach Zinswende

Die VR-Bank macht Werbung für den Kinderspartag: Aber sind Sparer hier wirklich noch erwünscht?  Die Bank schreibt uns, sie sei gezwungen, Negativzinsen der Europäischen Zentralbank an die Kunden durchzuleiten. Denn: Banken und Sparkassen müssen selbst Strafzinsen zahlen, wenn Sie Geld bei der Europäischen Zentralbank parken. Die Europäische Zentralbank wiederum begründet die negativen Zinsen mit der geringen Inflation. Doch die ist nun auf über 4 Prozent geklettert.

Prof. Wieland Der Wirtschaftsweise, Professor Volker Wieland, fordert eine Zinswende:

"Ich denke schon, jetzt wäre es an der Zeit, die Politik zu ändern. Da bin ich doch auch bei den Kritikern, wo ich denke, es ist an der Zeit, dass die EZB auch ihre Kommunikation ändert, dass sie sagt: Wir kommen da wieder raus. Wir können mittelfristig die Negativzinsen abschaffen und dass sie da auch mal eine Perspektive gibt."

Prof. Volker Wieland, Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung

Zurück im Münsterland. Dominik Greiwe hat endlich seinen Berater von der Volksbank erreicht. Der empfiehlt ein Aktiendepot zu eröffnen. Eine Garantie fürs Ersparte gibt es da allerdings nicht.

Manuskript zum Druck

Manuskript als PDF:


8

Kommentare

Inhalt kommentieren

Mit * gekennzeichnete Felder sind verpflichtend.

Bitte geben Sie höchstens 1000 Zeichen ein.

Spamschutz * Bitte geben Sie das Ergebnis der folgenden Aufgabe als Zahl ein: