Report München


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Neue Abgründe im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche Die Rolle von Nonnen

In kirchlich geführten Heimen in Deutschland kam es immer wieder zu brutalen sexuellen Übergriffen gegenüber Kindern. Dabei spielten Nonnen allem Anschein nach eine weitaus größere Rolle als bisher bekannt. Dies berichten erstmals vor laufender Kamera Menschen, die als Heimzöglinge furchtbares Leid erdulden mussten.

Von: Gabriele Knetsch, Sebastian Kemnitzer

Stand: 08.06.2021

Kinderstiefel liegt vor umgestürztem Kruzifix | Bild: BR

"Der Missbrauch hat entweder abends beim Fernsehgucken in der letzten Couchreihe stattgefunden oder im Zimmer selbst bei ihr oder in der Dusche - halt dann in dem Neubau und so."

Felix Koch

"Und als er fertig war, taucht die Schwester auf, in der Szene, nimmt mich von dem Tisch, legt mich auf ein Sofa, wischt den Tisch ab und nickt dem Priester zu und nimmt mich dann mit in den Schlafsaal."

Flora-Nike Göthin

Felix Koch ist gemeinsam mit Flora-Nike Göthin auf Spurensuche in ihrem ehemaligen Kinderheim.  Betreut wurden sie von Erlöserschwestern. Ihre Vorwürfe: Sexueller Missbrauch durch Priester aber auch durch Nonnen.

"Musst du davorstehen und beten und beten und dann liegt es so einfach in der Ecke zwischen Taubendreck. Abgelegt."

Flora-Nike Göthin

Unfassbar, was hier geschehen sein soll

Wir sind in Würzburg, der alten Bischofsstadt. Ein paar Stunden zuvor. Die ehemaligen Heimkinder sind nervös, an den Ort ihrer Leiden zurückzukehren.

Die Rolle von Nonnen | Bild: BR

"Schau mal, wenn ich das sehe, ich bekomme voll die Gänsehaut. Aber wie, mir stehen die ganzen Haare zu Berge. Okay."

Felix Koch

Felix Koch verbrachte hier seine gesamte Kindheit. Flora-Nike Göthin war als sechsjähriges Mädchen neun Monate in der Wickenmayer´schen Kinderpflege. Gemeinsam waren sie hier noch nie. Erstmals erzählen sie offen und exklusiv vor unserer Kamera, was ihnen angetan wurde. Nur ihre Namen haben wir verändert. Wir folgen ihnen in die einstige Kapelle. Unfassbar, was hier geschehen sein soll - ritueller Missbrauch.

"Ich lag hier als Kind auf einer Matratze und hier standen vier Männer. Ein Priester, der fotografiert hat, mit Blitz, hier dieser Typ im Bischofsgewand und zwei andere noch, auch Priester."

Flora-Nike Göthin

Insbesondere an die Lampen in der einstigen Kapelle erinnern sich beide. Plötzlich kommt alles wieder hoch. Nach einer Pause geht es dann in den Raum, an den Felix Koch schlimme Erinnerungen hat. Das Gebäude steht heute leer.

"Wie gesagt, auf der Couch waren wir so gesessen. Und dann die Hand so rum. Dann war sie immer so an meinem Schenkel und hat an mir rumgefummelt."

Felix Koch

Die Nonne soll ihn auch brutal geschlagen haben. Sie lebt noch. Wir konfrontieren sie mit den Aussagen. Schriftlich gibt sie „körperliche Züchtigung“ zu und bestätigt einen sexuellen Übergriff: „Es war ein einziges Mal, dass ich abends auf dem Sessel [Felix Koch, Name geändert] gestreichelt und sein Glied berührt habe. Ich ließ ihn dann meine Brust berühren.“

Bischof hält Vorwürfe für plausibel

Wir treffen die Generaloberin des Ordens. Die Nonne sagt, Aufarbeitung sei wichtig, man nehme die Aussagen von Betroffenen sehr ernst. Wir fragen Sie: Gab es rituellen, sexuellen Missbrauch in der Kapelle?

"Für uns klingt es nicht plausibel, dass Geistliche nachts in diesem Kinderheim in der Kapelle gewesen sein sollten. Das klingt für uns nicht plausibel. Wie eine Betroffene irgendetwas wahrnimmt, das können wir nicht beurteilen."

Monika Edinger, Kongregation Schwestern des Erlösers

Nicht plausibel? Der Bischof von Würzburg kennt unsere Gesprächspartner. Ein Interview vor der Kamera lehnt Franz Jung ab. Aber schriftlich lässt er report München mitteilen: Bischof Dr. Franz Jung hält die Vorwürfe der Betroffenen aus der Wickenmayerschen Kinderpflege für plausibel. 

Er kennt viele Schicksale wie diese und auch unsere Interviewpartnerin - Traumatherapeut Jörg Jaegers.

"Ich glaube den Opfern deswegen, weil ich seit 25 Jahren mit Betroffenen arbeite aus unterschiedlichsten Bereichen und die Normalität, die wir so allgemein annehmen, die ist sehr viel grausamer, als wir es uns eingestehen wollen."

Jörg Jaegers, Traumatherapeut

Und es gibt weitere massive Vorwürfe gegen Nonnen und Priester. Wir fahren nach Oberammergau in den bayerischen Alpen. Seit Jahrzehnten steht hier das Hänsel-und-Gretel-Heim. Bis in die 90er Jahre kümmerten sich Nonnen der Niederbronner Schwestern im Auftrag der Stadt München um die Kinder.

Massive Vorwürfe gegen Nonnen und Priester

Das Heim galt als vorbildllich. Günther Rix war von 1966 bis 1974 hier. Für ihn die Hölle auf Erden. Er sagt, er sei auf brutale Weise von zwei verschiedenen Ordensmännern missbraucht worden. Einer verbrachte jedes Jahr seinen Sommerurlaub nebenan im Gästehaus. 

"Ich war ungefähr glaub ich 11, als die ersten Übergriffe stattfanden im Keller. Hose runter, analer Geschlechtsverkehr, also anale Vergewaltigung, was mir auch andere Heimkinder immer berichtet haben, war dann immer dieses Sperma mit Blut vermischt, der dann in der Unterhose war."

Günther Rix

Zwei weitere ehemalige Heimkinder erheben gegenüber report München ähnliche Vorwürfe. Und auch hier spielte eine Nonne eine furchtbare Rolle, sagt das ehemalige Heimkind.

"Erinnerung an sie sind brutalste körperliche Misshandlungen, die sogar zu einem Armbruch des rechten Unterarms führten. Und die Übergriffe sexuell waren in ihrer Kammer sie mit der Zunge und mit der Hand vaginal zu stimulieren."

Günther Rix, ehemaliges Heimkind

Die Nonne lebt nicht mehr. 2012 bestritt sie sexuellen Missbrauch, „Gewalt als Erziehungsmittel“ gab auch sie zu.

Ein Konferenzraum in einem Nürnberger Hotel. Ein Treffen mit der Provinzoberin des Ordens. Sie hält die Aussage der verstorbenen Mitschwester für glaubhaft. Dennoch entschuldigt sie sich:

"Wann immer Leid an Kindern oder an uns Schutzbefohlenen widerfahren ist, bitte ich um Entschuldigung mit den Mitschwestern meiner Provinz. Und mit den Schwestern, die in der damaligen Zeit in der Verantwortung waren."

Barbara Geißinger, Niederbronner Schwestern

Die Entschuldigung kommt für Günther Rix viel zu spät. Er ist bis heute schwer traumatisiert, fährt deshalb zu Jörg Jaegers. Für den Traumatherapeuten sind die Vorwürfe gegenüber Nonnen nicht überraschend.

"Der Mythos, dass Frauen nicht missbrauchen und nur Männer sind Täter. Das ist etwas, was dringend in die Aufklärung gehört, dass Frauen auch missbrauchen."

Jörg Jaegers, Traumatherapeut

Zurück nach Würzburg. Unsere Betroffenen haben ihre Reise in die Vergangenheit beendet.

"Es zehrt an den Nerven, das alles wieder erlebt zu haben, und die Gedanken wieder spielen zu lassen, was alles gewesen ist und die offenen Fragen nach dem Warum."

Felix Koch

Orden oder Bistümer zahlten unseren Gesprächspartnern ein paar tausend Euro. In Anerkennung des erlittenen Leids. Wenig Geld für ein zerstörtes Leben.


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