Report München


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Merkel und Bayern Das besondere Verhältnis

Immer wieder besuchte die Bundeskanzlerin Angela Merkel Bayern. Die Höhen und Tiefen einer langen Kanzlerschaft: Immer wieder richtet sich der Blick dann in den tiefen Süden. Ein besonderer Rückblick auf die ostdeutsche Kanzlerin und das Land der Bayern.

Von: Stephan Mayer

Stand: 21.09.2021

Juni 2015. Der G7-Gipfel in Elmau. Es war Angela Merkels Idee, die bayerische Kulisse zu nutzen, um die Regierungschefs der führenden Industrienationen zu beeindrucken.

"Das heißt, sie hat nicht gesagt ich verschmähe die bayerische Kultur, sondern ich zeige die sogar meinem Staatsgast."

Horst Seehofer, CSU, Bundesinnenminister

Bei Bier und Weißwürsten: Weltpolitik mit US-Präsident Obama. Merkel und die Bayern schienen mit sich im Reinen zu sein. Doch die Idylle trügt. Denn im Hintergrund schwelte der Flüchtlingsstreit.

6 Monate später. CSU-Parteitag. Der Bruch zwischen Merkel und den Bayern war greifbar nahe.  Merkel war gegen eine Obergrenze für Flüchtlinge, Horst Seehofer dafür. Minuten lang dauerte die Standpauke. Es war eine Demütigung für die Bundeskanzlerin.

"Und das ist jetzt auch wieder Angela Merkel, das werden Sie mir jetzt auch nicht glauben, wir haben diesen Vorgang nie besprochen miteinander. Geschehen, irreversibel, und wir arbeiten jetzt sauber weiter und unterstellen uns nicht pausenlos Schlimmes."

Horst Seehofer, CSU, Bundesinnenminister

5 Jahre später war die Welt wieder in Ordnung. Einladung der Bayerischen Staatsregierung auf Schloss Herrenchiemsee. Die Beziehung zu den Bayern war in diesen Jahren niemals angestaubt, manchmal schwierig und meistens harmonisch.

Vielleicht war es Inspiration. Jedenfalls erzählte Merkel spontan von ihrer Kindheit. Davon, dass sie kurz vor dem Mauerbau mit ihren Eltern schon einmal in diesem Schloss war.

"Wir Kinder durften nicht mit. Und mussten mit der Großmutter in der Hitze vor dem Schloss sitzen, während die Eltern das Schloss im Innern besuchten. Dann sind wir nach Hause gefahren und dann hat es noch ein paar Tage gedauert, dann kam der 13. August 1961 und der Rest meiner Kindheit fand statt ohne dass ich wieder Bayern sah."

Angela Merkel, CDU, Bundeskanzlerin

Dann kam die deutsche Einheit. Und der Weg nach Bayern war für Merkel wieder offen.

CDU Generalsekretärin Merkel im Jahr 2000 auf dem Nockherberg in München. Aus der Ossibiene im Singspiel wird bald die mächtige CDU-Chefin. Nach dem legendären Frühstück 2002 in Wolfratshausen lässt sie Edmund Stoiber den Vortritt als Kanzlerkandidat lässt. Doch der verliert die Wahl:

"Alles hat zwei Seiten. Ich wäre gerne Kanzler geworden, das ist keine Frage. Aber wie gesagt alles hat ja auch zwei gute Seiten. Auch Markus Söder sagt ja heute, ich hätte das gerne gemacht aber was ist vielleicht meiner Familie erspart geblieben. Da hat er sicher Recht."

Edmund Stoiber, CSU, ehem. Bayerischer Ministerpräsident

Drei Jahre später… Der Rollentausch. Edmund Stoiber unterstützt Angela Merkel. Jetzt ist sie die Kanzlerkandidatin. Merkels Machtkalkül war aufgegangen. Niemand in der Union konnte sie jetzt noch aufhalten.

"Manchmal ging sie einen Schritt zurück, wie in Wolfratshausen, um dann vier Schritte nach vorne zu kommen."

Horst Seehofer, CSU, Bundesinnenminister

Doch Angela Merkel konnte auch andere zurücktreten lassen. Horst Seehofer traf es 2004 beim Streit um die Gesundheitsreform. 2005 dann die Schlappe von Edmund Stoiber. Die frisch gewählte Bundeskanzlerin verweigerte einem Superminister Stoiber die Unterstützung. Schwer beschädigt kehrt Stoiber nach Bayern zurück.

"Sie hat einige Herren, die gedacht haben, sie seien viel wichtiger und notwendiger in den Machtpositionen - schön weit weg von sich gehalten und ein Stück weit entsorgt."

Claudia Roth, B‘90/Grüne, Bundestagsvizepräsidentin

Merkel lernte aber auch mit Bierzelt und bayerischer Lebensart umzugehen. Und entwickelte ein Stück Bewunderung für die Bayern:

"Einmal weil sie hier abends um sechs schon längere Zeit bei bei Bier und Brot sitzen und trotzdem das Bundesland sind mit den besten Wirtschaftsleistungen, mit den besten Schulabschlüssen; ich weiß nicht wie sie das alles machen. In Bayern lernt es sich vielleicht schneller oder sie stehen früher auf als die anderen, ich weiß es nicht, aber es muss jedenfalls so bleiben wie es ist."

Angela Merkel, CDU, Bundeskanzlerin

Da kommt man an Richard Wagner nicht vorbei. Seit vielen Jahren kommt sie mit ihrem Mann hierher und schafft es, die Bayern zu bändigen:

"Und deshalb muss man sich auch total gut benehmen wenn man da neben ihr in der Loge sitzt. Also zum Beispiel ich trau mich da kaum aufs Handy schauen, was ja normalerweise bei einer sehr, sehr, sehr langen Aufführung nicht in Ordnung ist aber theoretisch möglich ist. Und wenn man neben der Kanzlerin sitzt ist man eben noch sensibler. Die einzige Hoffnung ist immer, dass Prof. Sauer als erster sein Jackett auszieht und dann folgt eine gewisse Erleichterung dass man es sich auch traut."

Markus Söder, CSU, Bayerischer Ministerpräsident

Also - in sechzehn Jahren  Kanzlerschaft musste Merkels Verhältnis zu Bayern erst wachsen. Und politisch war es weiß Gott nicht immer einfach. Aber die Bilanz auf bayerischer Seite ist eindeutig:

"Wir werden sie vermissen…"

Markus Söder, CSU, Bayerischer Ministerpräsident

Söders Vorgänger sagen, man werde sich an 20 gute Jahre mit Merkel erinnern und es sind auch bleibende Freundschaften entstanden. Jedenfalls hat Merkel für die Zeit nach ihrer Kanzlerschaft schon die erste Einladung nach Bayern angenommen: zum Besuch auf Schloss Neuschwanstein.

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