Report München


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Medikamentenmangel in Deutschland Das Leid der Patienten

Nach dem Krebsmedikament Tamoxifen fehlen jetzt neben Fiebersäften für Kinder auch lebenswichtige Blutplasma-Medikamente: Immungeschädigte sind dringend auf diese Präparate angewiesen. report München hat verzweifelte Patienten getroffen, fassungslose Ärzte und Wissenschaftler, die ein Umlenken bei der medizinischen Versorgung fordern.

Author: Ulrich Hagmann

Published at: 11-10-2022

Petra Carlile aus München ist Hochrisikopatientin. Wir müssen unbedingt Abstand halten. Petra Carliles Immunsystem bildet keine Antikörper. Jeder Infekt könnte sie umbringen. Um überhaupt Widerstandkräfte zu entwickeln, braucht sie regelmäßig Infusionen mit Immunglobulinen aus Blutplasma. Doch ihr Medikament ist in Deutschland nicht mehr lieferbar.

"Ja, ist die letzte Flasche. [...] Ich habe jetzt noch eine Flasche in meiner Packung. Ich hatte in den letzten Wochen meine Infusions-Intervalle gestreckt, normalerweise ja wöchentlich, dann zweiwöchentlich und manchmal auch dreiwöchentlich gemacht, in der Hoffnung, dass sich die Situation bald klärt."

Petra Carlile, Patientin

Lieferung nach Deutschland eingestellt

Doch die Situation hat sich nicht geklärt. Der Hersteller des Blutplasma-Medikaments Cutaquig stellte im Juni die Lieferung in Deutschland ein; weil - so der Hersteller - der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen offenbar nur den Preis von 2009 erstatten wolle. Seither streiten sich Hersteller und der GKV-Spitzenverband.

"Also, ich fühle mich echt hilflos und sehr verzweifelt. Das Ringen um Aufmerksamkeit, das Ringen um Achtung, bitte, schaut doch endlich hierher! Hier gibt es ein großes Problem und wir können uns das einfach nicht mehr erlauben, hier wochenlang Kindergarten zu spielen, sondern jetzt setzt euch endlich an den Tisch und redet miteinander."

Petra Carlile, Patientin

Sie hat eine Internetseite für Betroffene eingerichtet, hat Briefe an Bundes- und Landesregierungen geschrieben und sich mit einem Hilferuf an Karl Lauterbach gewandt.

"Sehr geehrter Herr Bundesminister. Sollen Menschen mit Immundefekt für Sie sterben? Mein Name ist Petra Carlile."

Petra Carlile, Patientin

Ob sie eine Antwort bekommt? Und wie geht es nach ihrer letzten Infusion weiter? Dazu später mehr.

Preisbremse für Hersteller

In Heidelberg forscht der Pharmahersteller Octapharma. Er hat das Produkt Cutaquig entwickelt und jetzt die Auslieferung in Deutschland gestoppt. Der GKV Spitzenverband teilt uns mit, dem Hersteller gehe es nur um Gewinnmaximierung. Ist das tatsächlich so?

"Das war für uns ein sehr, sehr unschöner Schritt, den wir gerne nicht gegangen wären, allerdings wir haben das Präparat schon seit über zwei Jahren im Markt. Diese Präparate sind weltweit sehr knapp. In dieser Situation ist an uns der GKV-Spitzenverband herangetreten und hat eine Rabattforderung erhoben, das heißt, dass wir knapp 20% unter den Herstellkosten abgeben müssten, das ist einfach nicht möglich."

Norbert Müller, Vorstand Octapharma AG

Ist Cutaquig eine Neuentwicklung oder mit dem Vorprodukt wirkstoffgleich? Darum geht der Streit. Nur für Neuentwicklungen dürfen höhere Preise verlangt werden, für alte gilt ein Preismoratorium.

Das bedeutet: Der Hersteller muss gesetzlichen und privaten Kassen Rabatte einräumen, die sich am Preisniveau von 2009 orientieren. Eine Preisbremse. Erst seit 2018 können die Hersteller zumindest einen Inflationsausgleich geltend machen. 

"Also wir hätten gerne und appellieren nach wie vor dringend an das Bundesgesundheitsministerium, diesbezüglich zu reagieren und die Rahmenbedingungen derart anzupassen, dass ein Weitervertrieb möglich ist."

Norbert Müller, Vorstand Octapharma AG

Probleme mit Lieferengpässen gibt es bei vielen Medikamenten aus den unterschiedlichsten Gründen. Beispiel: Kindermedizin. Theresa hat Fieber, eine schwere Erkältung, aber dem Doktor fehlt die richtige Arznei.

"Ibuprofensaft wird momentan wie Gold gehandelt, haben sie noch was zuhause?"

Ludwig Schmid, Kinderarzt

"Leider nein, ich habe den Rest der kleinen Tochter gegeben und hatte auch nichts bekommen in ganz München."

Vanessa Kiesewetter

"Es betrifft schon eine ganze Menge an Medikamenten, also jetzt eben Ibuprofen und Paracetamol immer wieder, aber auch Antibiotika. Und das ist eigentlich das nochmal deutlich Schwierigere, weil wir ja in der Medizin auch leitliniengerecht arbeiten müssen und letztendlich wissen, bei bestimmten Krankheiten brauchen wir ein bestimmtes Antibiotikum. Und wenn man dann eine Alternative wählen muss, weil das primäre Antibiotikum nicht zur Verfügung steht, ist das eigentlich ein Skandal."

Ludwig Schmid, Kinderarzt

Vanessa Kiesewetter kann auch an diesem Wochenende das Rezept nicht einlösen. Stattdessen trifft sie auf entnervte Apotheker mit langen Listen, was alles nicht lieferbar ist.

"Ja schrecklich, wirklich, wenn man weiß, das Kind ist einfach krank und hat Schmerzen und es gibt ja keine Alternativen."

Vanessa Kiesewetter, Mutter

Wer Geduld, Zeit und Glück hat, findet nach langer Suche vielleicht sein Medikament. So wie hier eine der letzten Flaschen Ibuflam-Fiebersaft - in einer internationalen Apotheke.

Engpässe auch durch Corona und Abbruch von Lieferketten

Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln weist darauf hin, dass auch Corona und der Abbruch von Lieferketten derzeit Engpässe verursachen. Jedoch:

"Das Problem ist aber an vielen Stellen auch hausgemacht. Wir haben es gerade im Gesundheitssystem mit einer Reihe von Instrumenten zu tun, die alle dafür sorgen, dass wir möglichst wenig für Arzneimittel hier in Deutschland bezahlen. Das hat in den letzten Jahren im Grunde zwei Effekte. Nummer eins ist, dass sich Produktion gerade in Deutschland und Europa immer weniger gelohnt haben und Unternehmen ihre Produktion ausgelagert haben ins Ausland. Und der zweite Punkt, der daraus resultiert, ist, dass es sich auch für immer weniger Anbieter lohnt, diese Produktion tatsächlich durchzuführen und es immer weniger Anbieter gibt für eine Vielzahl von Produkten, die überhaupt noch die entsprechenden Wirkstoffe, Arzneimittel, aber auch die Hilfsstoffe, die für die Produktion notwendig sind, auf dem Markt vertreten sind."

Jasmina Kirchhoff, Institut der deutschen Wirtschaft

Das Beispiel der Rabattverträge zeigt die Problematik. Die gesetzlichen Kassen handeln mit den Herstellern Rabattverträge aus. Die Patienten bekommen dann nur noch das rabattierte Medikament erstattet. Produkte anderer Hersteller hingegen nicht. Deswegen stellen Hersteller in der Folge oft Produktion und Vertrieb in Deutschland ein.

Petra Carlile hat jetzt herausgefunden, wo es ihr Medikament Cutaquig noch gibt, denn es wird ja weiter produziert.

"Es ist möglich das aus dem Ausland zu beziehen. Es kommt darauf an von wo man es bezieht, also so zwischen 8500 und 10.000 Euro."

Petra Carlile, Patientin

Für viele unbezahlbar. "Sollen Menschen mit Immundefekt für Sie sterben?" - Karl Lauterbach hat Petra Carlile nicht geantwortet. Für ein Interview mit uns hat er keine Zeit. Deswegen fragen wir bei seiner Corona-Pressekonferenz vergangene Woche nach.

"Es gibt tatsächlich Engpässe bei den Immunglobulinen, da reagieren wir auch derzeit, wir sind mit dem gemeinsamen Bundesausschuss diesbezüglich im Austausch."

Karl Lauterbach, SPD, Bundesminister für Gesundheit

Einen konkreten Termin erfahren wir nicht. Das Preismoratorium soll sogar um weitere 4 Jahre verlängert werden. Und Petra Carlile? Sie macht sich große Sorgen.

"Wenn ich das so sehe, bedeutet das für mich wirklich in die Isolation und wachsende Existenzängste."

Petra Carlile, Patientin

Vor kurzem dann die erlösende Antwort: Ihre Privatversicherung wird die Kosten übernehmen. Das Medikament ist im Ausland bestellt. Doch viele andere Patienten wissen nicht, wie sie künftig an ihre Medikamente kommen sollen.


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Markus Tilli, Dienstag, 18.Oktober 2022, 20:56 Uhr

4. medikamentenmangel

Meine Meinung dazu ! Sind sie System Relevant ?!
Es kann doch nicht sein das die Gewinne geschmälert werden ?!

Antworten

Petra Carlile, Mittwoch, 12.Oktober 2022, 12:02 Uhr

3. Medikamentenmangel in Deutschland

Mehr und mehr bekomme ich das Gefühl, dass überhaupt nicht bekannt ist, wie die prekär dieVersorgungslage tatsächlich ausschaut. Das BfArM scheint mit alten, überholten Bestandszahlen zu agieren. Woher sonst kommt die Aussage zum Lieferstopp des Blutplasmapräparates cutaquig, es seien ausreichend Alternativpräparate verfügbar? Andere Hersteller können den Lieferstopp nicht auffangen, Patienten, die umstellen müssten auf deren Präparate, werden erst gar nicht angenommen. Es hat bereits begonnen, dass selbst Bestandspatient:innen nicht mehr in ausreichender Menge und Dosierung versorgt werden, wie ärztlich verordnet. Sehr geehrtes Bundesgesundheitsministerium: bitte wachen Sie auf. Es gilt, rasche, wirkliche Gespräche mit Firma Octapharma zu beginnen. Deren Präparat fehlt für die Versorgung von Immundefektpatienten, deren LEBEN AUF DEM SPIEL STEHT! Ein "... da reagieren wir derzeit und sind mit dem gemeinsamen Bundesausschuss diesbezüglich im Austausch" reicht einfach nicht.

Antworten

Andrea Wiedenhoff, Mittwoch, 12.Oktober 2022, 11:35 Uhr

2. Blutplasmaspende und Immundefekte

Ich gebe Herrn Schuhmann Recht: leider ist dieses Thema sehr komplex und lässt sich wie eine Landkarte mit vielen Problemzonen aufklappen.
Auch ich gehöre zur Risikogruppe der Immundefekten und bin auf das Präparat Cutaquig angewiesen. Leider haben Patient*innen, wie ich, die an einem Antikörpermangel leiden, kaum eine Lobby und viele Beteiligten dieser Situation im GKV/Bundesministerium für Gesundheit verstehen die komplexe Problematik unseres Krankheitsbildes sicher nicht. So, wie sich das das Bundesministerium oder die GKV in standardisierten Antwortschreiben bei Anfragen, vorstellen, funktioniert es einfach nicht. Blutplasmaprodukte können nicht so einfach mal eben gewechselt werden, ohne starke Nebenwirkungen oder gar zu anaphylaktischen Schock zur führen. UNS läuft einfach die Zeit davon! Wie lange werden wir wohl auf eine Entscheidung warten müssen? Wie viele von uns werden dadurch weitere organische Schäden davon tragen oder gar den Tod finden, bis etwas passiert?

Antworten

Schuhmann , Dienstag, 11.Oktober 2022, 22:10 Uhr

1. Immunglobulin- Präparate

Leider oberflächlich recherchiert:
Es gibt einen weltweiten Mangel an Blutplasma durch die Pandemie, in Deutschland wissenschaftlich unhaltbare regulatorische Hürden bis hin zu behördlichen Gängelungen.
Dazu ein Transfusionsgesetz aus den 1990ern.
Österreich ist wesentlich weiter als Deutschland. Zudem ist die Herstellung so komplex und teuer, wie es sich kein Außenstehender nur annähernd vorstellen kann. Die Sicherheit von Patienten und Spendern steht an allererster Stelle! Nicht immer alles auf die "böse" Pharma- Industrie schieben.

  • Antwort von Andrea Wiedenhoff, Mittwoch, 12.Oktober, 12:10 Uhr

    Vor allem, weil gerade Octapharma sich hier in dieser Situation sehr offen gezeigt hat (Einreichung aller wichtigen Informationen an die GKV schon im Juni 22) und bei allen medialen Anfragen zur Verfügung stand. Es darf auch nicht vergessen werden, dass das Unternehmen viel in die Entwicklung des neue Medikaments investiert hat und 2019 ein komplett neues Zulassungsverfahren durchlaufen hat. Leider muss Blutplasma sehr teuer in den USA eingekauft und bei -40 Grad nach Europa gebracht werden. Bis es dann beim Patient*in landet, können bis zu 9 - 12 Monate vergehen. Gerade hier ist es nicht nachzuvollziehen, warum Cutaquig nicht als ein eigenständiges Medikament vom GKV bewertet wird, sondern als Nachfolger von Gammanorm, obwohl es sich inhaltlich von Gammanorm stark unterscheidet (welches nicht mehr existiert). Cutaquig hat 25% aller subkutantherapierende Patient*innen versorgt, die jetzt auf andere Hersteller verteilt werden müssten, was aber kaum für diese zu bewältigen ist!

  • Antwort von Schöner, Mittwoch, 12.Oktober, 19:45 Uhr

    Sollen die doch einfach die 16 Million Entschädigung zahlen die sie den Krankenkassen schulden!

    Das Medikament ist da, nur wird es zurückgehalten. Weil man die nicht genehmigten Preise der GKV nicht zurückzahlen will!

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