Report München


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Massendelikt Telefonbetrug Abgezockte Opfer, gestresste Fahnder

Es geht um tausende Fälle und Millionen Euro an Erspartem. Betrügerbanden geben sich am Telefon als Polizisten aus und zocken vor allem Senioren in Deutschland ab. Nur sehr wenige Fälle wurden bisher aufgeklärt, denn die Täter sitzen meist in Callcentern im Ausland. Mit Hilfe der türkischen Polizei ist Ermittlern nun ein endlich der erhoffte, große Schlag gegen eine Verbrecher-Zelle gelungen.

Von: Fabian Mader, Anna Tillack

Stand: 31.08.2021

Betrüger am Telefon erbeuten Millionen. Dabei werden sie immer dreister, ihre Maschen brutaler

"Letztendlich waren es 50.000 Euro und das tut natürlich sehr weh, weil das unser Spargroschen ist."

Prof. Dr. Heiner Winker, Betrugsopfer

report München auf der Spur der Telefon-Mafia. Heute ist der große Tag für ein Spezial-Team der Münchner Polizei. Sie sind ganz nah dran, eine gesuchte Telefon-Betrügerin festzunehmen.

"Die Personalien sind bekannt, von der wissen wir alles – dann werden wir auch den Aufenthaltsort finden."

Hans-Peter Chloupek, Leiter Arbeitsgruppe Phänomene, Münchner Polizei

Die Rede ist von einer 17-Jährigen Schülerin aus Nürnberg. Sie soll Teil einer Callcenter- Bande sein. Meist werden Senioren am Telefon mit erfundenen Geschichten weichgekocht, bis sie einer wildfremden Person Geld oder Wertsachen übergeben. Jetzt ist die Verdächtige anscheinend in München aufgetaucht. Desiree Schelshorn sucht sie per Handy-Ortung. Das könnte sie sein. Wenn sie die Schülerin heute festnehmen wollen, muss es jetzt ganz schnell gehen.

"Man ist immer ein bisschen aufgeregt, aber ein bisschen Adrenalin lässt einen klarer denken und klarer agieren."

Desiree Schelshorn, Polizistin

Wer sind die Hintermänner?

In den nächsten Stunden wird sich klären, ob sie die junge Frau verhaften können. Neu ist: Die Geldeintreiber vor Ort gehen der Polizei immer häufiger ins Netz. Aber wer sind die Hintermänner, die anrufen? Später werden wir sogar ihre Telefonzentrale sehen.

Dießen am Ammersee. Hier wohnt Astrid Krakauer, 53 Jahre alt, promovierte Tierärztin. Auch sie hat einen solchen Anruf erlebt.

"Ich hab als erstes gehört, ein Kind, das schluchzt, das weint, Mama, Mama – und ich hab gefragt, Jana, bist du das?"

Dr. Astrid Krakauer, Tierärztin

Eine vermeintliche Polizistin schaltet sich ein. Ihre Tochter Jana habe in Wien einen Radfahrer übersehen.

"Und hat ihn überfahren und der Radfahrer ist an den Folgen des Unfalls gestorben, so bong! Das haut wirklich rein. Da zieht es einem den Boden unter den Füßen weg, und die wollen ja gerade diese Paniksituation erzeugen, damit das Hirn ausgeschaltet ist."

Dr. Astrid Krakauer, Tierärztin

Die Tochter komme nun in Untersuchungshaft. Und zwar in Wien, weit weg von ihren Eltern. Über eine Kaution könne sie aber freikommen.

"Und dann sage ich: Ok was, wie viel, was muss ich machen?"

Dr. Astrid Krakauer, Tierärztin

Callcenter-Betrug immer häufiger

Nicht nur in Dießen – auch in Erfurt sind Telefon-Betrüger aktiv. Und auch Professor Winker bekommt diesen Anruf: seine Tochter soll einen Unfall verursacht haben. Die Betrüger lotsen ihn zur Justizkasse in Erfurt, dort soll er die Kaution hinterlegen. Eine „Außendienstmitarbeiterin“ werde das Geld an sich nehmen.

"Dann kam die Dame in schwarz da runter gelaufen, dann sollte ich das Beifahrerfenster aufmachen. Dann sagte sie, ja ich bin Frau Braun, also mit diesem osteuropäischen Zungenschlag. Und dann habe ich ihr das gegeben. und dann hat sie das in ihre Handtasche gepackt."

Prof. Dr. Heiner Winker, Betrugsopfer

Eine Überwachungskamera nimmt die Szene auf. 50.000 Euro – ein großer Teil des Ersparten - verschwinden in der Handtasche der Frau. 

"Wir sind über 70 Jahre alt, wir haben vier Kinder und viele Enkel, da sind immer wieder auch Momente da, wo man unterstützen will und muss und kann und irgendwann ist man vielleicht auch selber in der Situation, wo man auf sein Erspartes zurückgreift und da ist jetzt einfach ein Drittel weg."

Prof. Dr. Heiner Winker, Betrugsopfer

Callcenter-Betrüger schlagen in ganz Deutschland immer häufiger zu. Beispiel: Schleswig-Holstein. 649 Mal riefen falsche Polizeibeamte noch im Jahr 2017 an – 2671 Tatversuche waren es 2020. In vier Jahren wurden die Opfer um mehr als 5.000.000 Euro gebracht. Und der falsche Polizeibeamte ist nur eine Masche unter vielen.

Der Münchner Polizist Hans-Peter Chloupek von der eigens eingerichteten Arbeitsgruppe gegen Telefonbetrug will die Netzwerke sprengen.  Er setzt bei den Abholern an, die den Opfern vor Ort das Geld abnehmen. Mit solch lukrativen Jobangeboten für Kurierfahrten werden die Abholer angelockt.

"Wenn man dann 500 Euro für einen billigen Transport von A nach B innerhalb Deutschlands bekommen soll, dann müssen die Alarmglocken schrillen. Denn Sie wissen selbst: DHL, sämtliche Transportunternehmen, die entlohnen nicht so hoch für Aushilfsfahrer."

Hans-Peter Chloupek, Leiter Arbeitsgruppe Phänomene, Münchner Polizei

Fahndungserfolg in der Türkei

33 solcher Abholer haben sie alleine in diesem Jahr gefasst. Die Hintermänner, sitzen allerdings in der Regel im Ausland. Beispielsweise hier. In der Türkei. Ermittlungen, die 2017 in München begannen, haben hier vor einigen Monaten zum wohl größten Schlag gegen Callcenter-Betrüger geführt. Durch einen Trick blendeten die mutmaßlichen Täterinnen und Täter deutsche Telefonnummern ein, saßen aber in diesem Büro in Izmir. 

Mehr als 100 Millionen Euro an Vermögen haben die türkischen Behörden sichergestellt. Laut der deutschen Übersetzung der türkischen Anklageschrift sollen 81 Personen zur Bande gehört haben. Einige davon sind in Haft.

Diese Anwältin hat sich in Istanbul auf solche Betrugsfälle spezialisiert:

"Es ist ja kein einfacher Betrugsfall, es wurde auch nicht nur eine Person geschädigt, sondern viele. Es ist von Millionen von Dollar die Rede und von zahlreichen Immobilien. Es wird keine Haftstrafen von 5 bis 10 Jahren geben. Es wird sich um hunderte von Jahren Haftstrafe handeln und es sieht so aus als würden die Täter ihr Leben lang hinter Gitter müssen."

Serpil Çınar, Anwältin

Türkische und deutsche Behörden arbeiten heute viel enger zusammen. Daher auch die jüngsten Erfolge. Die Münchner Fahnder haben die 17-jährige Geldabholerin übrigens festgenommen.

In Dießen am Ammersee hat Tierärztin Astrid Krakauer den Trick gerade noch rechtzeitig durchschaut – Sie erreicht ihre Tochter Jana am Telefon, überweist kein Geld an die Betrüger und wählt die 110, die echte Polizei.

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