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Soziale Medien befeuern Massenandrang in Schutzgebieten Geknipst, Gepostet und dann kaputtgetrampelt

Seit der Corona-Pandemie bleiben viele Deutsche zuhause. Doch wohin reisen? Online veröffentlichte Fotos und Videos verbreiten sich rasend schnell in Sozialen Netzwerken und locken tausende Nachahmer zu den schönsten Fotospots: mit zum Teil schlimmen Folgen für die Natur.

Von: Fabian Mader, Benedikt Nabben, Ahmet Senyurt

Stand: 08.06.2021

Der Königssee bei Berchtesgaden in Bayern: Eine echte Bilderbuch-Kulisse. Natur, Ruhe, Erholung. Das suchen gerade viele. Für die Natur im Nationalpark zu viele. Lenz Köppl arbeitet seit 25 Jahren hier. Jetzt muss er etwas tun, was er nie für möglich gehalten hat.

"Das ist eben, wenn man das so sagen darf, eine schmerzhafte Premiere. Wir haben so was noch nie gemacht, es war noch nie der Anlass."

Lenz Köppl, Nationalparkverwaltung Berchtesgaden

Scharen von Nachahmern

Geknipst, Gepostet und dann kaputtgetrampelt | Bild: BR

Es geht um diesen versteckten "Natur-Pool". Vor Jahren ist auf der Internetplattform Instagram ein Riesenwirbel um das Motiv entstanden, seitdem kommen Scharen von Nachahmern, wollen das Foto selber machen.

Besucherinnen

report München: „Wo kommt ihr denn gerade her?“

Frau: „Vom Wasserfall.“

report München: „Und woher kennt ihr den Wasserfall?“

Frau: „Instagram.

report München: „Und habt ihr selber auch Fotos gemacht?“

Frau: „Natürlich.“

Wir gehen hier nicht weiter – aber viel zu viele tun es, zertreten dabei oft Pflanzen, stören Tiere und bringen sich selbst in Lebensgefahr.

"Das sind am Tag deutlich über 300 Leute, die nur auf diesem einen Zuweg Richtung Pool marschieren."

Lenz Köppl, Nationalparkverwaltung Berchtesgaden

Seit jeher ist der Königssee ein beliebtes Urlaubsziel. Durch die Corona-Pandemie scheint aber Urlaub im eigenen Land noch weiter an Attraktivität zu gewinnen.

Besucher

Mann 1: "Also ich mache eigentlich nie Urlaub in Deutschland. Das ist auch ehrlicherweise das erste Mal."

Mann 2: "Wir sind mit ihm eigentlich schon immer ins Ausland gefahren."

Frau : "Und jetzt sagen wir: Wir bleiben mal mehr da und schauen uns die Umgebung an."

Solche Bilder soll es nicht mehr geben: Die Nationalparkverwaltung hat ein Betretungsverbot für das Gebiet rund um den Wasserfall beantragt.

Geknipst, Gepostet und dann kaputtgetrampelt | Bild: BR

"Hier wird in wenigen Wochen ein Stück weiter hinten ein Schild sein und eine Barriere errichtet werden, wo die Leute darauf hingewiesen werden, dass sie jetzt den betretbaren Bereich verlassen und sich strafbar machen, wenn sie weitermarschieren."

Lenz Köppl, Nationalparkverwaltung Berchtesgaden

Wer dann hier weitergeht, dem droht ein Bußgeld. Lenz Köppl stellt fest, dass sich immer mehr Gäste nicht mehr an die Regeln halten.

Touristenmassen bedrohen Tiere und Pflanzen

"Morgen, eigentlich darf man da nicht Radl fahren, gell."

Lenz Köppl, Nationalparkverwaltung Berchtesgaden

Touristenmassen abseits der offiziellen Wege bedrohen nicht nur Tiere und Pflanzen im Nationalpark. Auch die Touristen selbst bringen sich in große Gefahr.

Aber zunächst in den Schwarzwald, bei Rottweil. Eigentlich eine Gegend, die von Touristen nicht übermäßig besucht wird. Doch die Wander-Apps haben auch hier vieles verändert.

Landwirt Eugen Haberer unterwegs zu einem Feld. Angeblich soll dort eine Wanderroute quer hindurchführen. Das wäre eine Katastrophe für ihn, Müll und Hundekot könnten ins Futter seiner Kühe geraten.

"Das ist genau das, was ich jetzt befürchtet hab."

Eugen Haberer, Landwirt

Wie Haberer inzwischen weiß: Die Touristen werden von einer Wander-App hier durchgeleitet:

Geknipst, Gepostet und dann kaputtgetrampelt | Bild: BR

"Und wir stehen jetzt genau hier an der Stelle. Und da zieht man einfach einen Strich mitten über die Wiese, das geht gar nicht."

Eugen Haberer, Landwirt

Die App zeigt also einen Weg, der gar nicht da ist. Der neue Weg: völlig überflüssig. Denn es gibt bereits einen geduldeten Trampelpfad, meint eine Einheimische.

"Unmöglich finde ich das. Würde ich auch nie machen, ich stamme selbst von einem Hof – und ich weiß, was das heißt, wenn man da durch die Wiese läuft."

Spaziergängerin

"Wenn ich jetzt in Stadt gehe und gehe beim Nächsten durch den Vorgarten, dann möchte ich mal sehen, was der sagt. Dann sagte der, hier ist ein Zaun, da ist die Straße drum rum. Warum läufst du durch meinen Vorgarten?"

Eugen Haberer, Landwirt

Auf Anfrage von report München behauptet der Betreiber der App, seine Route stimme mit offiziellen Karten überein – was offensichtlich nicht korrekt ist. Wir haken nach. Jetzt verspricht der Betreiber, die Kartendaten ändern zu lassen.

"Wir haben jederzeit die Möglichkeit, solche Anpassungen vorzunehmen und dann sind die Daten auch innerhalb weniger Tage innerhalb Komoot aktualisiert."

Markus Hallermann, Komoot-Gründer

Gefährliche Routen

Beim Bauernverband stapeln sich derzeit solche Beschwerden. Morgen kommt eine Verbandsvertreterin um Haberer zu helfen.

Auch in Lengerich bei Osnabrück kämpfen sie mit Touristen, die sich nicht an die Regeln halten. Im Naturschutzgebiet leben seltene Tiere und Pflanzen – brauchen Ruhe. Doch die ist selten geworden, weiß der Bürgermeister – denn im Internet gilt der Canyon als Top-Ausflugsziel.

"Das ist genau das Bild, was ich eigentlich nicht sehen möchte. Weder im Internet, oder Facebook, noch sonstwo. So wird im Grunde genommen ein Naturschutzgebiet missbraucht als Erlebnisraum für mich, egoistisch, ganz alleine."

Wilhelm Möhrke, Bürgermeister der Stadt Lengerich

Baden ist hier absolut verboten. Doch jedes Bild im Internet lockt weitere Nachahmer an. Vor kurzem musste sogar die Polizei anrücken, um die Touristen vom geschützten Ufer zu vertreiben.

Landwirt Haberer hat Kameras am Waldrand aufgestellt. Eigentlich, um Wildschweine aufzuspüren. Inzwischen zeigen sie immer häufiger Touristen, die dem Smartphone vertrauen und über seine Felder laufen. Auch wenn bei Landwirt Haberer eine Lösung in Sicht scheint – das Problem gibt es immer häufiger.

Der Bauernverband Baden-Württemberg unterstützt genervte Landwirte. Hat Schilder und Flyer gedruckt: die Wanderer abschrecken sollen.

"Seit der erste Lockdown war, ging es ab Mai vergangenes Jahr los, dass wir massiv Beschwerden gekriegt haben, also von Landwirten, die auch bis heute noch anrufen, dass das Personenaufkommen draußen im Feld und Flur ist förmlich explodiert."

Ariane Amstutz, Landesbauernverband in Baden-Württemberg

Zurück am Königssee. Auch die Wasserwacht kämpft mit irreführenden Routenvorschläge von Smartphone-Apps. Über 100 Mal mussten sie im letzten Jahr ausrücken.

Geknipst, Gepostet und dann kaputtgetrampelt | Bild: BR

"Das ist eine unserer Stellen, wo sich viele Leute versteigen, die einfach einen Weg gehen, der ihnen angezeigt wird, obwohl es den Weg offiziell nicht mehr gibt. Und das ist schon eine große Gefahr, weil es geht halt teilweise 20, 50 Meter in den See runter."

Martin Planegger, Wasserwacht Berchtesgaden

Am Lieblingsmotiv der Fotojäger, im Wasserfall, sind schon zwei Menschen ertrunken.

Auch die Absturzgefahr ist groß: Dieser Mann steht in fast 100 Metern Höhe. Sie sind froh über die geplante Sperrung. Es scheint, als gebe es keine Alternative mehr zu harten Maßnahmen.


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