Report München


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Gewinner. Verlierer. Königsmacher Der Machtkampf nach der Wahl

Es wird sondiert, taktiert und gestritten. In den spannenden Tagen nach der Bundestagswahl stellen die Parteien sich neu auf, die Koalitionsfrage rückt in den Mittelpunkt. Vor allem in der Union tobt ein Machtkampf, der die Partei zerreißen könnte.

Von: Lukas Graw, Benedikt Nabben

Stand: 12.10.2021

Sie haben sich entschieden, er auch: Wollen erstmal nur mit Wahlgewinner Olaf Scholz und der SPD reden. Die Zeichen stehen auf Rot, Grün und Gelb. Er steht nun auf dem Abstellgleis. Wahlniederlage und der Traum von der Kanzlerschaft wohl geplatzt.

Sie sind richtig sauer auf die eigene Parteispitze – und ganz besonders auf Armin Laschet, den hier fast niemand als Parteichef wollte.

"Mein Mann, der hat zu mir gesagt, im Januar, als wir den Bundesvorsitzenden gewählt haben: Sabine, jetzt wird es schwer. Und im April, als unsere Partei die K-Frage geklärt hat, da war seine Aussage: Heute haben wir die Wahl verloren. Er hatte Recht."

Sabine Buder, CDU

Wut auf die eigene Parteispitze

Sabine Buder ist als Direktkandidatin im Brandenburgischen Kreis Märkisch-Oderland-Barnim für die Union angetreten – und hat knapp verloren.

report München hat die Tierärztin im Wahlkampf immer wieder besucht. Als sie auf Friedrich Merz als neuen Parteichef gehofft hat und dann auf Markus Söder als Kanzlerkandidat. Es sollte anders kommen – einen Monat vor der Wahl: ihr schwant Unheil.

"Ich hab schon die Bedenken, dass dann am 26. September das ein böses Erwachen geben könnte."

Sabine Buder, CDU

Sabine Buder hatte Recht:

Der Machtkampf nach der Wahl | Bild: BR

"In Ostdeutschland hat die CDU nur noch den dritten Platz, wir verwalten Drittklassigkeit. Das ist dramatisch."

Sabine Buder, CDU

Jetzt wollen sie sich wehren, gegen die eigene Parteispitze.

"Wir haben mit Tausenden Menschen persönlich gesprochen. Und das was wir da gehört haben, das müssen wir jetzt auspacken und da müssen wir jetzt sicherstellen, dass es auch ankommt."

CDU Mitglied

Sabine Buder sucht die Konfrontation mit den Partei-Oberen, um genau das sicherzustellen.

Erfurt am vergangenen Wochenende. Hier trifft sich der Nachwuchs der Grünen. 630 junge Menschen, eine Mission:

"Wir sind jetzt richtig gefordert, der neuen Regierung schon Feuer zu machen, bevor es die Regierung eigentlich gibt."

Timon Dzienus

Der 25-jährige Timon Dzienus kandidiert für den Posten des Bundessprechers, will neuer Chef der Grünen Jugend werden, mitreden, in der Politik.

"Also ich glaube nicht nur, dass es mit der FDP an vielen Stellen nicht leicht wird, sondern auch mit der SPD. Also die haben jetzt in den letzten Jahren in der GroKo halt auch nicht abgeliefert."

Timon Dzienus

Dzienus’ Lieblingsfeind aber bleibt Christian Lindner, den er auf Twitter auch schon mal “Rechten Kotzbrocken” nennt.

Die Rede muss sitzen, denn in wenigen Stunden wird gewählt, wer neuer Chef der 18.000 jungen Grünen wird.

"Vor der neuen Wohnung von Olaf."

Carolin Wagner, SPD

SPD-Fraktion: weiblicher, ostdeutscher, jünger, linker

Aus Bayern in die Hauptstadt: Kanzleramt. Olaf Scholz. Die frisch gewählten SPDlerinnen Carmen Wegge und Carolin Wagner sind überzeugt, dass die Wahl Deutschland verändert hat.

"Eigentlich müssten wir eins vor dem Bundestag machen."

Carolin Wagner, SPD

Sie sind Teil einer SPD-Fraktion, die völlig anders aussieht. Weiblicher, ostdeutscher, jünger, linker. Noch nie gab es so viele Jungsozialistinnen und Jungsozialisten im Bundestag.

"Voll geil, dass ihr alle hier seid. Herzlichen Glückwunsch. Ich komm auch noch euch alle einzeln drücken. Da könnt ihr heute nicht vor fliehen, das wisst ihr aber. Also Folgendes: Wir machen jetzt, wenn ich gleich nicht anfange zu weinen, weil ihr so geil ausseht, ein Foto von euch allen zusammen."

Julie Rothe, SPD

49 Jusos sitzen jetzt im Parlament. Eine Ampel-Koalition hätte eine Mehrheit von nur 48 Stimmen: somit ist an ihnen in Zukunft nicht vorbeizukommen.

"Denkt einfach an die CDU/CSU-Fraktion…"

Fotograf

Der Machtkampf nach der Wahl | Bild: BR

"Jetzt kann uns quasi keiner mehr was. Jetzt können wir noch mutiger für unsere Grundwerte einstehen."

Carmen Wegge, SPD

Sozialismus, Feminismus – die Jungen wollen die Politik verändern.

"Ich glaub wenn wir da eine starke Stimme bilden, dann werden wir sicherlich die Fraktion in die eine oder andere Richtung bewegen können, ja."

Carmen Wegge, SPD

In welche?

"In die bisschen progressivere Richtung."

Carmen Wegge, SPD

Während sich in der SPD ein Aufbruchs-Gefühl breit macht,...

Söder verliert an Rückhalt

...gehen in der Union die Sticheleien weiter. Zuletzt am vergangenen Wochenende, von einem, der immer noch nicht verkraftet zu haben scheint, nicht selbst Kanzlerkandidat geworden zu sein.

"Und die Wahrheit ist auch, das ist einfach so, am Ende wollten die Deutschen einen anderen Kanzlerkandidaten, als den, den CDU/CSU aufgestellt hat."

Markus Söder, CSU

Noch ahnt Söder nicht, dass er selbst beim Parteinachwuchs gerade etwas an Rückhalt verliert. Seine ständigen Tritte und Sticheleien gegen die Schwesterpartei: für viele mitverantwortlich für das schlechte Wahlergebnis der Union. Die Junge Union wünscht mehr Teamspirit:

Abstimmung bei der JU

JU- Mitglied: "Also es handelt sich um eine Streichung. ...Und in Zeile 98 mag ich auch Markus Söder streichen."

"Es kann nicht sein, dass wir alles nur auf eine Person zuschneiden, das funktioniert einfach nicht mehr. Wir sind keine Ein-Mann-Partei. Und dann stimmen wirs einfach ab. Fertig."

JU-Mitglied: "Dann stelle ich das so zu Abstimmung, wer dafür ist, den bitte ich um Ja, wer dagegen ist um Nein. Und wir wissen was rauskommt, herzlichen Glückwunsch."

Söders Name wird gestrichen.

Noch wilder: die Turbulenzen in der CDU. Armin Laschet klammert erstmal weiter an der Macht. Sabine Buder, die CDU-Politikerin aus Brandenburg hat nun einen Brief an die Parteispitze geschrieben:

"In diesem Brandbrief geht es darum, dass wir nach dieser katastrophalen Wahlniederlage jetzt ganz dringend einen Reinigungsprozess brauchen, eine inhaltliche und personelle Neuaufstellung und vor allem Dingen müssen wir anfangen, den Wähler wieder ernst zu nehmen."

Sabine Buder

Das scheint auch die CDU-Spitze verstanden zu haben. Gestern der Entschluss: die Kreisvorsitzenden sollen entscheiden, wie und ob die Basis in die Neuaufstellung der Partei eingebunden wird.

Vorbereitung für die Ampel

Die SPDlerin Carmen Wegge ist seit zwei Wochen Bundestagsabgeordnete. So, wie 48 andere Jusos auch. Jetzt fordert der SPD-Nachwuchs einen Platz am Verhandlungstisch. Sie ist zuversichtlich, dass es trotz aller Differenzen für die Ampel reicht.

"Vielleicht kann man ja die Vermögenssteuer Solidaritätssteuer nennen und dann macht die FDP da mit. Aber solche Dinge, wie zum Beispiel 12 Euro Mindestlohn, die kann man ja auch ohne Steuererhöhung durchsetzen. Das heißt, mit denen fangen wir vielleicht mal an. Und dann, genau, wird halt gerungen werden."

Carmen Wegge, SPD

Zurück zum Bundeskongress der Grünen Jugend. Timon Dzienus will Chef werden. Seine Strategie: Maximale Abgrenzung zu den möglichen Koalitionspartnern im Bund. Sechs Minuten Redezeit, jetzt kommt es drauf an.

Der Machtkampf nach der Wahl | Bild: BR

"Die Zeit, die Zeit der Bekenntnisse und billigen Ausreden, die ist vorbei. Und ja, diese Worte richten sich vor allem an Olaf Scholz und Christian Lindner…. Und zusammen mit euch möchte ich klar machen, keine Regierung wird an uns vorbeikommen. Und dafür bitte ich für eure Unterstützung. Danke."

Timon Dzienus

Reicht es, um die Wahl zu gewinnen?

"Das Ergebnis lautet wie folgt. Auf Timon Dzienus entfielen 393 Stimmen, das sind 62 Prozent..."

Wahlleiterin

Es reicht, er bildet zusammen mit Sarah-Lee Heinrich die neue Doppelspitze der Grünen Jugend.

Seit 16 Jahren hat keine Bundestagswahl die Politik in Deutschland so durcheinandergewürfelt, wie diese.

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