Report München


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Der Klimawandel und seine Folgen Wenn Wetterextreme zum Normalfall werden

Deutschlands höchster Berg ohne Schnee, schmelzende Gletscher, verdorrte Wiesen, ausgetrocknete Flüsse – der Klimawandel hat die Landschaft 2018 besonders stark verändert. Konsequenzen hat das für die Wirtschaft, die Energieversorgung, die Sicherheit und das alltägliche Leben, mahnen Klimaforscher. Recherchen von report München zeigen: Wetterextreme werden in Zukunft häufiger auftreten und noch extremer werden – wir stehen erst am Anfang.

Von: Anna Tillack

Stand: 04.12.2018

Deutschlands höchster Sonnenplatz – auf fast 3000 Metern auf dem Gipfel der Zugspitze. Im Winter gibt es Schneehöhen von bis zu 8 Metern. 4 Wochen vor Weihnachten sieht es hier so aus. Die Zugspitze ist ein Gletscherskigebiet, gilt eigentlich als besonders schneesicher. In diesem Jahr wurde die Skisaison aufgrund von Schneemangel verschoben. Norbert Stadler arbeitet seit 40 Jahren hier auf der Wetterstation. Nie war es im Durchschnitt so warm, sagt er. Von seinem Logenplatz aus kann er dem Gletscher beim Schmelzen zusehen. report München: „Das, was man da unten sieht, diese weiße Fläche, das ist übrig vom Gletscher?“

"Das ist übrig vom Gletscher. Wenn man sich mal vorstellt wie groß der war, der ist den Gipfel hochgegangen und weit runter bis zur der Liftstation unten, das war alles Gletscher und bestimmt 30 Meter höher. Er wird immer kleiner und die letzten 15 Jahre sieht man das richtig extrem von Jahr zu Jahr wie´s weniger wird."

Norbert Stadler

In etwa 20 Jahren wird auch der letzte Rest des Gletschers verschwunden sein. Und damit das Wasserreservoir, das die Menschen im Tal versorgt.

2300 Meter tiefer. Hier im Allgäu hat Zoran Culibrk sein Wirtshaus. In den vergangenen Monaten hat er zu spüren bekommen, wie wertvoll Wasser ist.

"Seit dem 3. August ist die Quelle leer und wir haben seit dem 3. August kein Wasser mehr. In der Zeit, wo es keins gibt, ist es wertvoller als Gold würd ich mal sagen…"

Zoran Culibrk

Ohne Wasser kann er sein Wirtshaus zusperren. Mitten im Tagesgeschäft muss er zur Quelle hochlaufen, um den aktuellen Wasserstand zu prüfen.

"Also laufen tut nichts, es ist ziemlich leer...  Es ist kurz vor knapp, wenn wir´s jetzt heut nicht voll machen stehen wir heute Abend ohne Wasser da."

Zoran Culibrk

Culibrk muss das Wasser selbst holen - in diesen beiden Fässern. So etwas hat er noch nie erlebt.

"Man sieht‘s ja wie aufwendig das ist. Vor allem man fehlt ja in der Zeit."

Zoran Culibrk

Alarmierende Prognose für den Alpenraum

Seit 4 Monaten transportiert Culibrk sein Wasser selbst zum Wirtshaus - ein Ende ist nicht in Sicht, die Quelle ist versiegt. Extreme Dürre, Waldbrände, heftige Starkregen, die innerhalb von Sekunden ganze Dörfer überschwemmen, Murenabgänge, steigende Meeresspiegel. Das Jahr 2018 war wettertechnisch ein Jahr der Extreme.

Der Augsburger Klimaforscher Harald Kunstmann arbeitet gerade am renommierten Environmental Change Institute in Oxford. Mit Hilfe komplexer Computermodelle berechnet er das erwartete Klima für Regionen wie den Alpenraum in bisher nicht erreichter Genauigkeit – mit alarmierender Prognose.

"Klimawandel bedeutet nicht, dass es simpel einfach nur ein paar Grad wärmer wird, sondern dass wir uns auf solch extreme Situationen viel mehr einstellen müssen. Sowohl die Häufigkeit als auch die Intensität solcher Ereignisse wird zunehmen."

Prof. Harald Kunstmann, Klimaforscher

Geht die globale Erwärmung ungebremst weiter, gleicht das Klima in München im Jahr 2080 dem in Mauritius, so Berechnungen des Weltklimarates.

Eigentlich sollte uns hier das Wasser bis zum Hals stehen. Statt dessen eine Steinwüste mit Muscheln, mitten im Winter, Sandbänke so weit das Auge reicht. Der Pegelstand am Rhein sinkt auf 80 cm. Saskia Matheisen und ihr Kollege von der Wasserwacht Neuss sind unterwegs zu einer Kontrollfahrt. Eigentlich Routine…

"Die besondere Herausforderung ist der niedrige Wasserpegel. Die Fahrrinne ist der einzige Platz, wo man noch fahren kann, an den Seiten ist es zu gefährlich, weil es zu flach ist."

Saskia Matheisen

Matheisen kontrolliert ständig den Tiefenmesser. Bei der letzten Kontrollfahrt sind sie auf dem Grund aufgesetzt, die Schiffschraube ging kaputt.

"80 cm und wir sind noch gute 15 Meter vom Ufer weg, das darf man nicht unterschätzen. 40! Fahr weg, fahr mal die Schraube hoch bitte, du siehst den Grund!"

Saskia Matheisen

Deutschlands größte Wasserstraße ist am Austrocknen

Dieser Kutter liegt normalerweise komplett unter Wasser. So niedrig wie jetzt hat Saskia Matheisen den Rhein noch nie gesehen.

"Sollte das Wasser noch weiter sinken, kann es sein, dass wir nicht mehr aus dem Hafen rauskommen, in der Ausfahrt haben wir jetzt 40 cm Wasser, im schlimmsten Fall kann es dazu kommen, dass irgendwann kein Rheinrettungsdienst mehr da ist."

Saskia Matheisen

Und nicht nur das – auch mit den großen Frachtern gibt es Probleme. Aufgrund des Niedrigwassers  sind sie nur noch halb beladen. Die Konsequenzen sieht man hier: Was die Schiffe weniger aufnehmen können, wird über Schiene und Straße weitergeleitet. Im Hafen von Neuss treffen wir Jürgen Steinmetz von der Industrie- und Handelskammer. Er beklagt Millionenschäden für Unternehmen und warnt vor einer Verschärfung der Lage:

"Worst Case ist Verkehrskollaps, auf allen Verkehrsträgern, wir können den Rhein nicht ordentlich nutzen,  wegen des Niedrigwassers, wir haben verstopfte Autobahnen durch zunehmenden LKW-Verkehr und wir haben ein nicht ausgebautes Schienennetz, das nicht ausreichend Fahrzeuge aufnimmt."

Jürgen Steinmetz, IHK Mittlerer Niederrhein

Drei Stunden weiter südlich - das gleiche Bild. Deutschlands größte Wasserstraße ist am Austrocknen. Für Forscher Kunstmann zeigen unsere Aufnahmen, wie sehr der Klimawandel unseren Alltag bereits jetzt verändert hat.

"Der geringe Wasserstand am Rhein betrifft unseren Transport, der betrifft die landwirtschaftliche Produktion, die Nahrungsmittelsicherheit bis hin zur Energieversorgung."

Prof. Harald Kunstmann, Klimaforscher

2017 sind die Emissionen nach dreijähriger Stagnation erneut gestiegen. Wenn nicht endlich etwas passiert, werden wir uns an diese verstörenden Bilder in Zukunft gewöhnen müssen.


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