Report München


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Immer mehr Schlamm- und Gerölllawinen Die dramatischen Folgen des Klimawandels

Zuerst stürzen nahe der Zugspitze riesige Felsbrocken durch eine bei Touristen sehr beliebte Klamm ins Tal. Nur wenige Tage später überspülte eine Schlamm- und Gerölllawine nach heftigen Regenfällen die Deutsche Alpenstraße bei Berchtesgaden. Forscher sprechen von gefährlichen Entwicklungen in den Alpen, die Mensch und Natur bedrohen.

Von: Fabian Mader

Stand: 14.07.2020

Vor wenigen Tagen: Forscher der TU München in der Höllental-Klamm bei Garmisch-Partenkirchen – In der Nacht hat hier ein Unwetter getobt –  und riesige Felsbrocken ins Tal gespült. Die Schäden sind immens: Befestige Wege wurden weggerissen, Stahlgeländer verbogen - und: ein gigantischer Brocken wurde von dem reißenden Strom Richtung Tal geschoben.

"Das Ereignis ist kurz  – es dauert vielleicht bloß ne Stunde hauptsächlich in der Klamm – aber in der Zeit sollte niemand in der Klamm sein. Das heißt, wir müssen schnell lernen, wie wir solche Dinge vorhersagen."

Prof. Dr. Michael Krautblatter, Experte für Hangbewegungen (TU München)

Vergangene Woche ist die Klamm wieder geöffnet – der Deutsche Alpenverein achtet auf die Sicherheit der vielen Besucher, so gut es geht. Währenddessen wertet Michael Krautblatter in München seine vor Ort gewonnnen Daten aus.

"Das Wasser war stellenweise mehr als zehn Meter höher, als es normal ist. Und es sind unheimlich große Blöcke unten transportiert worden. Von daher ist es schon ein Glücksfall, dass es jetzt irgendwie nachts passiert ist."

Prof. Dr. Michael Krautblatter, Experte für Hangbewegungen (TU München)

Anzahl und Intensität von Murgängen haben sich verdreifacht

Murgang

Bislang seien die Vorhersagen nicht präzise genug, um die Klamm immer rechtzeitig zu sperren. Der Forscher beobachtet eine gefährliche Mischung: Einerseits kommen immer mehr Menschen in die Alpen. Andererseits nehmen sogenannte Murgänge zu. In der Regel passiert das, wenn Starkregen fällt und dann mit Geröll als Schlammlawine ins Tal donnert.

Diese Zunahme können die Forscher nachweisen. In der Nähe der Zugspitze, am Plansee in Tirol, haben sie untersucht, wie häufig Geröllmassen ins Tal gestürzt sind. 1947 bis 79 gab es am Plansee nur wenige Murgänge seit 1980 haben sich Anzahl und Intensität verdreifacht.

"Für die Gesellschaft heißt es einfach, dass wir uns in Zukunft auf viel mehr solche Ereignisse einstellen müssen. Also es ist gerade im randalpinen Raum in Deutschland klar, dass die Starkregen-Häufigkeiten stark zunehmen."

Prof. Dr. Michael Krautblatter, Experte für Hangbewegungen (TU München)

Nur wenige Tage nach dem Interview überspült ein Murgang die deutsche Alpenstraße, zwei Tage ist die Touristenroute bei Berechtesgaden gesperrt. Diese Landwirtin wohnt nur wenige Meter entfernt. Auch neben ihrem Haus ist der Hang abgerutscht. Wegziehen kommt für sie dennoch nicht in Frage.

"Angst – ich kann nicht sagen, dass mir das Angst macht. Aber einfach vorsichtig. Wie soll ich denn sagen – die Alarmglocken, wenn es schwer zu regnen anfängt, irgendwie läuten die Alarmglocken dann schon ein bisschen."

Anne Loider, Landwirtin

Meterhohe Schlammlawinen

Muhr in Österreich eine Fahrtstunde südlich von Salzburg. Hier kam es vor gut einem halben Jahr zur Katastrophe. Nach starkem Regen gibt der Hang nach und verschüttet mehrere Gebäude. Die Behörden wollen die Siedlung künftig besser schützern - deshalb bauen Sie massive Fangnetze in den Berg. Markus Moser leitet die Bauarbeiten.

"Hier sind wir direkt im Kerngebiet, wo im November die Murgänge ins Tal gedonnert sind. Auf diese Häuser unterhalb. Ein Murgang mit 60km/h, mit diesen Erdmassen und mit der intensiven Schlamm- und Gerölldichte, ist lebensgefährlich."

Dipl.-Ing. Markus Moser, Gebietsbauleitung Wildbach- und Lawinenverbauung

So wie in dem Alpendorf Virgen in Ost-Tirol Hier plätschert der Firschnitsbach. Die gewaltige Schutzmauer wirkt völlig übertrieben. Ein Kanal durchschneidet die Gemeinde. Auch er wirkt überdimensioniert.

Vor einigen Jahren ist er das nicht. Auf einem Hang oberhalb des Ortes geht ein Platzregen nieder und löst mehrere Muren aus. Insgesamt 12 Schlammlawinen rauschen durch den neu gebauten Kanal. Mitten durch das Dorf. Nach einer halben Stunde scheint alles vorbei. Die Bewohner beginnen mit den Aufräumarbeiten.

Doch dann geht es wieder los. Schlimmer als vorher - jetzt gehen die Schlammlawinen sogar über die meterhohe Mauer des Auffangbeckens. Die Bewohner können sich gerade noch rechtzeitig in Sicherheit bringen. Ohne Kanal und Schutzmauer wären die Folgen nicht abzusehen gewesen.

Mehr Schutzmaßnahmen - oder die Natur erhalten?

Auch in Muhr bei Salzburg soll künftig eine massive Mauer Schutz bieten. Für sie hat Markus Moser sogar an dieser Stelle einen Felskopf wegsprengen lassen - denn der hatte die Schlammlawinen in Richtung der Siedlung gelenkt. Aus seiner Sicht notwendig denn die Alpen werden immer poröser. Doch Kritiker sagen, man könne die Alpen nicht zu einem Naturpark machen und wegsprengen, was nicht passt. Versteht er die Kritik?

Die dramatischen Folgen des Klimawandels | Bild: BR

"Wenn Sie in die Gegend schauen: Es gibt so viele naturbelassene Flächen noch, die man sich anschauen kann. Aber dort, wo wir wirklich den Schutz brauchen, den Schutz für die Leute, dass sie sich dort ständig aufhalten können, dass sie auch den Lebensraum, diese Täler noch besiedeln können - ist natürlich schon vom öffentlichen Interesse her ein höherwertiges Ziel, als das Ziel, dass ich die Natur so erhalte wie sie bleibt."

Dipl.-Ing. Markus Moser, Gebietsbauleitung Wildbach- und Lawinenverbauung

Solche massiven Eingriffe in die Natur sieht der Münchner Forscher Michael Krautblatter dennoch skeptisch.

"Es ist auch eine Frage was wir wollen. Erstens: Wollen wir die ganzen Alpen verbauen. Und zweitens: Ist das überhaupt noch kosteneffizient so viel zu verbauen? Dieses Verbauen zieht viele Probleme mit sich - weil das Sediment bleibt hinter den Verbauungen häufig auch stecken - und wir haben drei, vier Jahre später eine viel gefährlichere Situation, als sie vorher war."

Prof. Dr. Michael Krautblatter, Experte für Hangbewegungen (TU München)

Er will lieber bessere Warnsysteme entwickeln - und Menschen per Handy-App auf Gefahren hinweisen. Doch in einem sind sich die Forscher einig: es ist Wettlauf gegen die Zeit. Sie müssen schnell Lösungen finden, um das wachsende Risiko in den Alpen in den Griff zu bekommen.

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