Report München


2

Italien Ein kleines Dorf und sein großer Kampf gegen das Virus

Die Bilder aus der Lombardei im März dieses Jahres gingen um die Welt. Das Militär transportierte Särge ab, die Krankenhäuser waren restlos überfüllt, ganze Regionen am Limit. Auch die zweite Corona-Welle traf Italien hart, wieder wurden strikte Ausgangsbeschränkungen verhängt. report München blickt in ein kleines Dorf in den Marken und seinen großen Kampf gegen das Virus.

Von: Karl Hoffmann

Stand: 08.12.2020

Der anbrechende Winter bringt Nebel nach Mittelitalien, eine melancholische Zeit in dem kleinen Dorf Cartoceto. In diesem Covid-Jahr ist der Friedhof noch reicher geschmückt. Denn auch hier sind viele Menschen gestorben an dem Virus. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

Cartoceto ist berühmt für sein Olivenöl, im Herbst werden die übers Jahr liebevoll gepflegten Bäume abgeerntet. Wenigstens haben sich seine Bäume in diesem schlimmen Jahr der Pandemie viel Mühe gegeben, sagt Ölproduzent Vittorio Beltrami

"Wir werden dieses Jahr zum Glück auch in Erinnerung behalten, weil die Oliven von hervorragender Qualität sind. Und weil wir hier nach wie vor eine unberührte Natur haben. Schau, hier pflücken sie die letzten Oliven."

Vittorio Beltrami, Olivenöl-Produzent

Studenten helfen aus, die sich mit Erntearbeit ein Zubrot verdienen. Fast ein Privileg: Trotz Lockdown in der Natur sein zu dürfen, wo man auch von der Maskenpflicht befreit ist. 

Die gefüllten Kisten sind für Vittorio ein Zeichen der Hoffnung.  Dass das Leben trotz Covid irgendwie weitergeht

"Es wie nach dem letzten Krieg. Wir werden uns wieder aufrappeln, Ihr werdet schon sehen. Wir haben den festen Willen, wieder neu anzufangen, uns wieder in die Arme zu schließen, vor allem die jungen Leute."

Vittorio Beltrami, Olivenöl-Produzent

Vittorio bringt die Oliven ins Dorf zu seiner Ölmühle.

"Nach weiteren zwei Tagen waren sie tot."

Nicht weit weg hat Nicola Colonna seine Praxis. Seit 27 Jahren betreut der Arzt die meist alten Einwohner des kleinen Ortes. Zur Zeit kommen nur wenige in die Sprechstunde. Denn die Patienten hätten Angst, sagt er.

"Einige kamen zum Blutdruck messen, zwei Tage später erfuhr ich, dass sie im Krankenhaus lagen, und nach weiteren zwei Tagen waren sie tot."

Nicola Colonna, Hausarzt

Auch der Dottore hatte sich im Frühjahr infiziert. 

"Und ich sage Ihnen: Ich hatte eine Heidenangst, denn kurz zuvor war ein sehr guter Freund und Studienkollege an Covid gestorben. Da habe ich natürlich sofort gedacht – wenn sogar der stirbt, ein Gleichaltriger - da hatte ich ziemlich Angst."

Nicola Colonna, Hausarzt

Italiens Landärzte haben es extrem schwer. Sie sind besonders gefährdet und fast ungeschützt

"Wir müssen uns alles selbst besorgen. Die Schutzkleidung hier ist  eigentlich für Friseure gedacht, die Masken. Die haben uns an die Front geschickt wie einst die Soldaten nach Russland. Mit Schuhen aus Pappe. So haben sie uns in den Krieg geschickt. Denn das hier ist ein Krieg."

Nicola Colonna, Hausarzt

Mit seinem Patienten Mario ist der Doktor mehr als zufrieden:

Gespräch mit Patienten 

Nicola Colonna, Hausarzt: "Mario, du trinkst nicht, du rauchst nicht, isst regelmäßig, vor allem aber  fährst du – wie viele Kilometer Fahrrad?"

Mario Rosati, Rentner: "Letzten Sonntag bin ich 70, 80 Kilometer gefahren."

Nicola Colonna, Hausarzt: "Na dann mach weiter so, wir grüßen uns per Ellenbogen."

Mario Rosati war schwer an Covid erkrankt, schwebte in Lebensgefahr. Nach fast drei Monaten auf der Intensivstation, kurz nach seinem 80. Geburtstag, durfte er endlich nach Hause. Sehr schwach, aber glücklich, noch am Leben zu sein. Das war im letzten Juli. Weil er immer viel Rad gefahren war, habe er das Virus überlebt, sagt Mario. Sein Rennrad  ist ihm ans Herz gewachsen.

"Das passt sehr gut zu mir, darauf kann ich stressfrei fahren. Es fährt sich so leicht. Natürlich muss man sich schon auch abstrampeln, von alleine geht es nicht, vor allem nicht am Berg."

Mario Rosati, Rentner

Manche trauen sich nur selten auf die Straße

Mario fährt täglich durch sein Dorf, vorbei an der Pizzeria, geschlossen wegen Corona. Die Besitzer lagen lange auf der Intensivstation, sind aber zum Glück wieder gesund. Andere trauen sich nur selten auf die Straße. Wie mein Freund Lino Paci, der Schreiner, 88 Jahre alt, der schon im letzten Mai düster prophezeite:

"Das wird noch so weitergehen. Manche sagen, das wird der dritte Weltkrieg."

Lino Paci, Schreiner 

Sechs Monate danach sieht Lino immer noch schwarz

"Jetzt warten wir auf die dritte Welle. Keiner weiß, wie dieser Krieg ausgeht. Ich glaube wir sind ziemlich schlimm dran."

Lino Paci, Schreiner

Abends ziehen die Nebel wieder auf. In seiner Ölmühle verarbeitet Vittorio Beltrami die frisch gepflückten Oliven. Fast alles macht er selbst, trotz seiner 72 Jahre. Auf Personal hat er weitgehend verzichten müssen.

"In diesem Jahr sind unsere Einnahmen um 70 Prozent zurückgegangen. Ich bin zu meiner Bank  und habe alles, was ich habe, als Sicherheit hinterlegt, um Kredit zu bekommen. Mein Haus, mein Land. Das ist die reine Wahrheit."

Vittorio Beltrami, Olivenöl-Produzent

Aus seinen Oliven macht er Öl für Feinschmecker, fast alles in Handarbeit, auch seine Frau Elide hilft mit. Und beide tragen Masken, auch wenn sie alleine sind.

"Ich habe Angst, sehr viel Angst. Es sind viele meiner Freunde gestorben. Am Ende auch meine eigene Mutter. Aber das Leben muss ja weiter gehen."

Vittorio Beltrami, Olivenöl-Produzent

Aber nicht mehr so wie bisher, sagt er

"Wir haben die Umwelt zu sehr belastet. Das muss aufhören.  Wir müssen unsere Wirtschaft in Zukunft so gestalten, dass sie dem Schutz der Umwelt dient."

Vittorio Beltrami, Olivenöl-Produzent

Das ganze Dorf wirkt schon jetzt wie eine romantische Weihnachtskrippe. Unbeirrt stellen ein paar Freiwillige wie jedes Jahr die Krippenfiguren aus Sperrholz in eine Ecke der kleinen Piazza. Die römische Regierung hat für die kommenden Feiertage strenge Regeln erlassen. Keine Feste, keine Reisen. Weihnachten fällt zum ersten Mal praktisch aus.

 


2