Report München


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Falsche Stellenanzeigen im Internet Identitätsdiebstahl bei Online-Bewerbungen

Mit gefälschten Stellenanzeigen im Internet locken Betrüger ahnungslose Bewerber in die Falle. Erstes Probearbeiten, Austausch der persönlichen Kontakt- und Kontodaten. Doch dann herrscht plötzlich Funkstille, der angebliche Arbeitgeber ist nicht mehr erreichbar. Stattdessen verüben die Betrüger mit den gestohlenen Daten Verbrechen.

Von: Oliver Bendixen, Sabina Wolf

Stand: 02.08.2022

"Ich bin Opfer eines Identitätsdiebstahls geworden."

Peter W.

Datenmissbrauch - Für Betroffene ist es ein traumatisches Erlebnis.

"Es war katastrophal…weil ich wollte mir gar nicht ausmalen, was da überhaupt auf mich zukommen wird."

Peter W.

Die Täter missbrauchen die Personalien ahnungsloser Menschen…

"…um Straftaten zu begehen und das alles unter der Identität des Opfers."

Marc Maisch Rechtsanwalt:

Vorsicht vor Online-Bewerbungen mit Video-Ident-Verfahren

Gesperrte Konten. Ermittlungsverfahren. report München trifft die Opfer einer neuen Masche des Identitäts-Missbrauchs.  

Sobald der Personalausweis vor die Kamera gehalten wird, schnappt die Falle zu

Diese Stellenanzeigen sind nicht echt. Betrüger haben sie auf renommierten Online-Jobbörsen platziert.  So wie auch diese. Die Anzeige: Gesucht wird ein "Quereinsteiger…" bei einer Firma in München. Der vermeintliche Jobanbieter hat sogar eine eigene Webseite.

Peter W. aus München hat sich dort beworben. Er ist Koch. Erkannt werden will er nicht. Zum Leben reicht sein Verdienst in der teuren Metropole an der Isar kaum. Mit dem Nebenjob will er seine Finanzen aufbessern.

"Es war eben das Schöne daran, dass ich aus dem Home Office arbeiten konnte."

Peter W.

Er bewirbt sich als Software-Tester.

"Dann habe ich jemanden zur Seite gestellt bekommen, der sich dann mehr per WhatsApp vorstellte, als der Senior der ganzen Firma. Und er sei während der Probezeit, sei er mein Begleiter, Berater, Ansprechpartner."

Peter W.:

Die Kommunikation läuft übers Handy. W. fragt: Wie viele Aufträge kann oder darf ich täglich machen? "Lieber Herr W., es gibt ein Limit von zwei Aufträgen täglich, zwischen 45 und 150 Euro."

"Dann hat er mir eben gesagt, dass er, bevor wir überhaupt miteinander die Probezeit beginnen könnten, bräuchte er von mir noch Unterlagen."

Peter W.

Opfer werden oft selbst zu Beschuldigten

Die Betrüger fordern ihn auf persönliche Dokumente und seine Bankverbindung online zu schicken. Dann - der erste "Auftrag": W. soll angeblich Handy Apps testen, die im Probebetrieb seien, er soll sich in einem so genannten Video-Ident-Verfahren registrieren.

Dazu muss er seinen Personalausweis in die Kamera halten. Was er nicht ahnt: In diesem Augenblich schnappt die Falle zu, seine Identität wird gestohlen.

Im Nu eröffnen die Betrüger verschiedene Konten auf den Namen Peter W., waschen Geld und sie missbrauchen seine Daten zum Online Shopping. Als Peter W. feststellt, dass er Betrügern auf den Leim gegangen ist, erstattet er Strafanzeige bei der Polizei. Der auf Cyber-Strafsachen spezialisierte Rechtsanwalt Marc Maisch, hatte Peter W. zu diesem Schritt dringend geraten:

"Gerade in den Fällen, wo Bankkonten unter dem Namen des Opfers angelegt wurden oder eben Video-Ident-Verfahren gemacht wurden, da kann es sein, dass die Polizei zum Schluss kommt, dass man sich leichtfertig der Geldwäsche strafbar gemacht hat und dann eben selbst zum Beschuldigten in einem Ermittlungsverfahren wird."

Marc Maisch Rechtsanwalt

Identitätsdiebstahl über Jobportale wird immer häufiger

Genau das ist Arif A. aus Bonn passiert. Auch er will nicht erkannt werden. Nicht nur seine Identität wurde gestohlen, plötzlich war er sogar Beschuldigter in verschiedenen Strafverfahren.

Auch hier nimmt das Unglück mit einer Bewerbung auf eine Stellenanzeige der vermeintlichen Firma M. seinen Lauf. Arif A. soll Software testen und sich in einem Video-Ident-Verfahren authentifizieren. Wieder läuft die Kommunikation über WhatsApp. Seine vermeintliche Ansprechpartnerin nennt sich Johanna D.:

Chat

"Hallo Herr A., Würde es Ihnen Do. 08:00 Uhr passen?"
"Prima, ist im Terminplan!"
"Testdaten - Passwort: Test-00721"

Nach dem Login: Videoident! Doch nach den ersten Probearbeiten reißt auch hier die Kommunikation ab.

"Erst Monate später habe ich dann realisiert, als dann, ja verschiedene Schreiben von Polizei und so weiter bei mir ankamen, dass da irgendetwas ganz mächtig schiefgelaufen ist."

Arif A.

Arif A.s Name taucht ab diesem Zeitpunkt immer wieder im Zusammenhang mit Betrug in Polizeiakten auf. Er muss sich als Beschuldigter rechtfertigen. Teilweise landen die Strafverfahren vor Gericht. Ein Albtraum. Identitätsdiebstahl über Jobportale: IT-Sicherheitsexperten kennen viele Fälle. Immer mehr Menschen werden zu Opfern:

"Man stellt sogar einen Preisverfall fest. Na also, früher. Ich sage mal vor fünf bis zehn Jahren, da hat so eine Personal Informationen über einen Ausweis, die Nummer und die Anschrift vielleicht zwei 300 Dollar gekostet. Jetzt sind wir bei fünf bis zehn Dollar."

Florian Hansemann, Experte für Datensicherheit

Wer steckt hinter Fake Job-Angeboten?

Wir schauen uns die Firma, bei der sich Peter W. beworben hat, genauer an. Von diesem Mann hatte er Anweisungen erhalten. Wir suchen das Bild im Internet. Und zu unserer Überraschung finden wir einen Mann, der genauso aussieht. Wir kontaktieren ihn:

"Hier taucht mein Counterfeit als Philipp Jansen auf. Und das bin ich nicht. Ich bin nicht Philipp Jansen und hab´ mit der ganzen Geschichte nichts zu tun, hab´ vor fünf Jahren eine Unternehmung für Personal- und Organisationsentwicklung an Hochschulen gegründet."

Lukas Bischof, Hochschulberatung:

Übrigens: Ein Unternehmen, mit dem Namen, den die Betrüger für ihre Fake Firma verwendeten, gibt es wirklich. Auf unsere Anfrage zeigt man sich entsetzt. Diese Stellenanzeige habe man nicht geschaltet und Strafanzeige gestellt. Fake-Anzeigen: Für IT-Experten nichts Neues:

"So wie es den Angreifern, sag´ ich mal oder den auf der dunklen Seite gefällt, so basteln die sich das zusammen und je seriöser die Bilder aussehen, umso besser."

Florian Hansemann IT-Sicherheitsexperte

Betrügerische Stelleangebote: Müssen die Online-Jobbörsen die Anzeigen nicht prüfen? Das zuständige Bundesministerium für Digitales und Verkehr schreibt uns dazu: Zitat: "Grundsätzlich sind ….Online-Jobbörsen, nach § 10 des Telemediengesetzes nicht verpflichtet, Angebote von Jobanbietern zu verifizieren, …"

Digitale Ausweiskopien

Der Münchner Koch Peter W. hatte keine Chance zu erkennen, dass die Anzeige eine Fälschung war. Denn die Online-Plattform hatte die gefälschte Annonce zwischen den echten Anzeigen der Firma T. platziert.

So hat die Cyber Mafia die Bewerber schnell am Haken. Der Münchner Polizei- und IT-Sicherheitsexperte Cem Karakaya rät bei Präventionsveranstaltungen deshalb zu Datensparsamkeit und zum `Selbstdatenschutz´. Den Personalausweis oder Pass bei Bewerbungsgesprächen Online zur Verfügung zu stellen, hält er für falsch:

"Ich würde niemals so ein Bewerbungsgespräch online machen. Vielleicht Erstgespräch, dass ich mich vorstelle, meine Eigenschaften erzählen kann von meinem Lebenslauf, was erzähle und welche Erfahrungen ich habe. Und wenn die sagen, zeigen Sie mal bitte schön ihren Ausweis, würde ich sagen, warum? Wenn sie sich für mich interessieren, geben Sie mir Bescheid. Wir machen Termin aus. Bei diesem Gespräch kann ich Ihnen gerne meinen Ausweis zeigen, aber nicht vor der Kamera."

Cem Karakaya, Polizei München

Die Anzeigen: gefälscht: Die Firmen – ein Fake. Nur die Opfer der Cyber Mafia, die sind echt.


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